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Alexander Lotz: Sexualerziehung verschwindet

blz 03 / 2015

Sexualerziehung verschwindet

Der neue Rahmenlehrplan für die Primar- und Sekundarstufe I ist ein Rückschritt

von Alexander Lotz, für die AG Homosexuelle Lehrer

Die Richtlinien für die Sexualerziehung, der sogenannten A V 27, sind seit 2001 in Kraft und definieren die schulische Sexualerziehung als eine fächerübergreifende Aufgabe. Sie bieten für vielfältige Aspekte der schulischen Sexualerziehung (Sprache, Geschlechterrollen, gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Interkulturalität, Behinderungen, Körper und sexueller Missbrauch) eine Orientierung für das pädagogische und didaktische Handeln. Nach dem Beschluss des Abgeordnetenhauses »Initiative Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt« von 2009 sowie den Ergebnissen einer ebenfalls in diesem Rahmen in Auftrag gegebenen Studie zur Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen von 2012 ist zu erwarten gewesen, dass die Aspekte schulischer Sexualerziehung angemessen Eingang in die neuen Rahmenlehrpläne finden. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, aus den Erfahrungen der letzten Jahre noch Verbesserungen einfließen zu lassen.

Unsere Kritikpunkte

Auf Initiative der AG Homosexuelle Lehrer der GEW BERLIN haben ExpertInnen das neue Rahmenlehrplanwerk geprüft. Das Ergebnis ist erschütternd: Die derzeitige Anhörungsfassung spiegelt nicht einmal das bisher Erreichte wider, sondern tritt im Gegenteil weit dahinter zurück. Die zehn Seiten der A V 27 finden so gut wie keinen Eingang in den fachübergreifenden Teil B. Dort taucht zum Beispiel das Wort Sexualerziehung lediglich ein einziges Mal auf. Gleiches gilt für die Begriffe Sexualität sowie sexuelle Orientierung oder Vielfalt. Lediglich Gender Mainstreaming als Gleichstellung und Gleichberechtigung der Geschlechter wird als fächerübergreifende Aufgabe für verbindlich erklärt.

Die Analyse der fachbezogenen Pläne (Teil C) unterstreicht diese Befunde. Die am weitestgehenden und verbindlichsten Regelungen finden sich noch in den Fachplänen für Biologie und Naturwissenschaften 5/6, wobei hier auffällt, dass Sexualität biologistisch und naturalisiert dargestellt wird. In anderen Fächern wie Deutsch, Geschichte oder Fremdsprachen, die aus sexualerzieherischer Sicht besonders geeignet sind, einen wichtigen Beitrag zur schulischen Sexualerziehung zu leisten, gibt es neben äußerst allgemein gehalten Hinweisen zu den fächerübergreifenden Aufgaben, in der Regel »Umgang mit Vielfalt (Diversity)«, keine verbindlichen Regelungen mehr. Selbst im Teil C Ethik finden sich keine klaren, verpflichtenden Unterrichtsinhalte. Besonders besorgnis-erregend sind in diesem Zusammenhang die Befunde der Analyse des Fachplans Naturwissenschaften 7-10. Dieses Fach kann alternativ zu den Fächern Biologie, Chemie, Physik in den Klassen 7 bis 10 unterrichtet werden. Dort tauchen sexualerzieherische Themen überhaupt nicht mehr auf. Aus dem Sachunterricht für die Klassen 1 bis 4 wurden Inhalte zu sexueller Orientierung sogar wieder verbannt. Als wenn es keine gleichgeschlechtlichen Elternpaare geben oder der diskriminierende Gebrauch von Wörtern wie »schwul«, »lesbisch« oder einfach nur »Du Mädchen« erst in Klasse 5 beginnen würde.

Die ExpertInnen-Gruppe der AG Homosexuelle Lehrer kommt deshalb zum Schluss, dass der neue Rahmenlehrplan in seiner bisherigen Form keinen nennenswerten Beitrag zur Akzeptanz von sexueller Vielfalt leisten kann. Vielmehr ist es sogar sehr fragwürdig, ob er den Regelungen des Berliner Schulgesetzes genügt und geeignet ist, Schulen dabei zu unterstützen, die Indikatoren des Berliner Handlungsrahmens Schulqualität zu erreichen. Aus pädagogischer Sicht sind die fehlenden Inhalte und Regelungen jedenfalls ein großer Rückschritt.

Die AG Homosexuelle Lehrer setzt sich dafür ein, dass die schulische Sexualerziehung als fächerübergreifende Aufgabe genau wie zum Beispiel die Gesundheits- oder Demokratieerziehung deutlich und verbindlich im fachübergreifenden Teil B des neuen Rahmenlehrplans positioniert wird und dass in den fachbezogenen Teilen C verbindliche inhaltliche Bezüge zumindest auf dem Niveau der geltenden Rahmenlehrpläne dargestellt werden.


Rückmeldungen zur Anhörungsfassung können bis 23. März 2015 per Email unter rlp-entw@bildungsserver.berlin-brandenburg.de gegeben werden.