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Nr. 11 / 2007: Profis haben ihren Preis

Profis haben ihren Preis

 Die KollegInnen der Lebenshilfe fordern öffentlich einen Haustarifvertrag

von Andreas Kraft, Mitarbeiter der Lebenshilfe und der blz-Redaktion

Dienstag, 2. Oktober 2007, Wallstraße: die KollegInnen der Lebenshilfe gGmbH gehen auf die Straße und versammeln sich. GEW und ver.di haben zur Kundgebung vor der Firmenzentrale aufgerufen. Die Lebenshilfe ist der größte freie Träger in der Behindertenhilfe im Bereich der Betreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung. Sie beschäftigt über 800 KollegInnen. Wie bei anderen Trägern der Behindertenhilfe ist die Entlohnungssituation für sie prekär. Für KollegInnen, die ab 2003 eingestellt wurden, zahlt die Lebenshilfe nur noch 80 Prozent BAT/Ost und ist damit Spitzenreiter in schlechter Bezahlung in ihrer Branche in Berlin.

Angemessene Entlohnung ist für die KollegInnen der Lebenshilfe ein Fremdwort. Ein Tarifvertrag würde für alle KollegInnen der Lebenshilfe, auch für KollegInnen mit den sogenannten 100 Prozent BAT-Altverträgen, neue Sicherheit auf tariflicher Basis schaffen. Da der BAT nicht mehr verhandelt wird, bietet nur ein neues Tarifsystem die Möglichkeit, an der Dynamisierung der Löhne, wie es in anderen Branchen zurzeit an der Tagesordnung ist, teilzuhaben. Aber einen Tarifvertrag will die Geschäftsführung der Lebenshilfe nicht. Sie baut lieber auf die Leidensfähigkeit ihrer Beschäftigten, frei nach dem Motto: „Soziales Werk ist gutes Werk, da ist doch die Bezahlung zweitrangig“. Sie will lieber eine Betriebsvereinbarung zum Entlohnungssystem mit dem Betriebsrat abschließen. Ihr Angebot: 80 Prozent TVöD (Tarifvertrag öffentlicher Dienst). Das bedeutet unterm Strich noch weniger als 80 Prozent BAT. Der Betriebsrat lehnt diese Offerte dankend ab. Er will einen Haustarifvertrag und den zu 100 Prozent TvöD.

Dafür sind heute an diesem grauen Vormittag an die hundert KollegInnen auf der Straße und folgen dem Ruf von GEW und ver.di. Für den Anfang nicht schlecht, zumal es in der Behindertenhilfe nicht üblich ist, für die eigenen Interessen der Beschäftigten auf die Straße zu gehen. Es sind sogar einige KollegInnen aus anderen Betrieben gekommen, um die KollegInnen der Lebenshilfe in ihrer Forderung zu unterstützen.

Lohndumping – ohne uns!

Auf den Transparenten steht: „Es ist normal, verschieden zu sein (Slogan der Lebenshilfe) – Es ist nicht normal, ohne Tarifvertrag zu sein“ oder „Professionalität hat ihren Preis – wir sind professionell – wir haben unseren Preis! “. Als RednerInnen der Gewerkschaften die Geschäftsführung auffordern, sich endlich an den Verhandlungstisch zu setzen, schrillen Trillerpfeifen durch die Straßenschluchten. Die Verhandlungskommission von GEW und ver.di hat seit dem ersten Sondierungsgespräch mit der Geschäftsführung im Juli dieses Jahres nicht viel von ihr gehört. Eine Woche vor der Kundgebung kam von der Geschäftsführung der Lebenshilfe lediglich der lapidare Satz, sie kämen im Oktober auf die Verhandlungskommission zu. „Das steht wohl in den Sternen“, so ein Redner der Gewerkschaften. „Das ist das übliche Aussitzen von Arbeitgebern, man kennt das“, erklärt Klaus Schroeder von der GEW.

KollegInnen mit 80 Prozent-Arbeitsverträgen schildern ihre desolate finanzielle Situation: „Ohne meinen Zweitjob und meinen Partner könnte ich mich und mein Kind gar nicht durchbringen“, so eine Kollegin. Sie will den KollegInnen in gleicher Situation Mut machen, es ihr gleich zu tun. „Habt keine Angst, erzählt, wie es ist, kämpft für eure Rechte“, fordert sie.

Als abermals wieder die Trillerpfeifen durch die Wallstraße schrillen, meint ein Kollege: „Heute versteckt sich die Geschäftsführung der Lebenshilfe noch vor den Trillerpfeifen und unserer Forderung nach einer gerechteren Bezahlung hinter ihren dicken Mauern. Aber wir werden nicht aufgeben, uns Gehör zu verschaffen. Wenn sie glauben, sie können das aussitzen, dann sind sie schief gewickelt.“

Der Traum: Ein gut bezahlter Job

Zum Schluss gibt es dann noch etwas zum Lachen. Frei nach dem Vorbild der Fernsehshow „Wer wird Millionär?“ wird eine kleine Theatereinlage dargeboten. „Wer bekommt den Job?“, so das Motto. Es winkt ein unbefristeter 100 Prozent-BAT-Job. Kaum zu glauben, denn unbefristete neue Jobs gibt es in der Lebenshilfe seit Jahren so gut wie nicht mehr. Leider versagt der Bewerber, aber er geht nicht leer aus, denn am Ende bekommt er das Ehrenamt. Die Firma lässt schließlich niemanden hängen. Ähnlichkeiten mit der Lebenshilfe oder einem anderen freien Träger in der Behindertenhilfe sind natürlich frei erfunden. So beweisen alle TeilnehmerInnen der Kundgebung Humor. Vielleicht meint der eine oder die andere, das sei Galgenhumor. Aber: „Wenn man nicht mehr lacht, hat man eh schon verloren“, so eine Kollegin. Und verlieren wollen sie nicht.

Am Ende gehen alle mit neuem Mut. Sie wissen, dass der Weg bis zum Ziel Haustarifvertrag weit ist. Aber sie werden sich dafür einsetzen, sie werden ihre KollegInnen motivieren, es ihnen gleich zu tun. „Viel zu verlieren haben wir sowieso nicht, weniger geht nicht“, so eine Kollegin.

Sie und alle TeilnehmerInnen der Kundgebung bekamen Schützenhilfe von prominenter Seite. Horst Köhler stellte in seiner Berliner Rede am Tage zuvor fest: „Die Ungleichheit der Einkommensverteilung hat zugenommen.“ Wie wahr, dass haben die KollegInnen der Lebenshilfe, wie auch viele andere in unserem Land, schon lange festgestellt. Köhler weiter: „Der Aufstieg der einen darf nicht der Abstieg der anderen sein“. „Mehr Abstieg geht nicht“, so ein Kollege auf der Kundgebung.

Die nächste Kundgebung folgt im November, dann werden alle wiederkommen und es werden noch mehr sein als es heute waren, da sind sich alle sicher. Und dann wird die Geschäftsführung der Lebenshilfe die Demonstrierenden anhören müssen. Sie werden vor der Heiligen Kreuz Kirche stehen, vor dem Veranstaltungsort, in den die Geschäftsführung der Lebenshilfe ihre Beschäftigten zur MitarbeiterInnenversammlung am 29. November 2007 bittet. Die Geschäftsführung müsste schon durch die Hintertür in die Kirche gehen, um den Demonstranten zu entgehen. Aber so was sieht selbst der liebe Gott nicht gerne.

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