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Nr. 02-03 / 2008: Kinderarmut in Berlin

Kinderarmut in Berlin

GEW-Fachtag erörterte fachliche und sozialpolitische Konsequenzen

von Tanja Krämer und Herwig Grote, Abteilung Kinder-, Jugendhilfe und Sozialarbeit

Kinderarmut und Kinderschutz wie auch die zunehmende Prekarisierung großer Gesellschaftsteile und die sich stetig erweiternde Einkommensschere in Deutschland sind in der Politik angekommen. Auch die Medien sind voll von Beispielen familiärer Gewalt und schildern dramatische Fälle von Kindestötungen. Kirchen und Politik formulierten nicht nur zur Weihnachtszeit eine Vielzahl von Lösungsvorschlägen, die allerdings in sehr unterschiedliche Richtungen gehen.

Die Lage von Kindern geht zweifellos mit der Verschärfung der Lebenslage ihrer Eltern einher. Inzwischen leben ca. 10 Millionen Menschen in der Bundesrepublik an oder unter der Armutsgrenze. Seit der Einführung der Hartz IV-Gesetze hat sich die Anzahl der von Armut betroffenen Kinder auf nunmehr rund 2,5 Millionen verdoppelt. Kinder zu haben ist zum größten Armutsrisiko geworden. In Berlin leben inzwischen 40 Prozent der Kinder von der Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II (Hartz IV).

Hauptstadt der Kinderarmut

Fast 50 Fachkräfte und einige Vertreter der Politik, darunter die Abgeordnete Elfi Jantzen, nahmen am 3. November 2007 am GEW-Fachtag der Abteilung Kinder-, Jugendhilfe und Sozialarbeit teil, werteten bestehende Erfahrungen aus und berieten über Lösungsmöglichkeiten.

Dr. Susanne Gerull informierte mit Input-Vorträgen zur Verbreitung von Kinderarmut, ihren Ursachen wie auch über sozialpolitische Lösungsvorschläge.

Deutlich wurde, dass in allen diskutierten Arbeitsfeldern wie Schule, Kita und Jugendhilfe ein unmittelbarer Handlungsbedarf besteht, sofern den sozialisatorischen Wirkungen deprivierter Familienlagen entgegengewirkt werden soll. Auch die sozialräumliche Segregation nimmt offenbar deutlich zu. Die sozialen Probleme kumulieren zunehmend in Bezirken und Stadtteilen mit ohnehin hohen Belastungen. Dort ist für die Kinder in vielen Kitas und Schulen »Hartz IV« der Normalfall. Während diesen Kindern oft das Nötigste fehlt und ihre Eltern kaum erreichbar sind, leben Kinder in anderen Regionen mit einem Überangebot an Fürsorge und Förderung.

Mit dem Hartz-Regelsatz für Kinder in Höhe von 207,- EUR lassen sich allzu oft nötigste und anscheinend selbstverständlichste Dinge wie gesunde Ernährung und eine aktive Freizeitgestaltung nicht finanzieren. Jede Form der Kostenbeteiligung in Kita, Hort und Schule, (z.B. Aufhebung der Lehrmittelfreiheit), führt zu Schwellenängsten und Demütigungen von Eltern wie Kindern. Gesunde Ernährung wie auch eine aktive Freizeitgestaltung sind nicht finanzierbar.

Nicht zuletzt benötigen Kinder die Identifikation mit ihren Eltern. Politik und Gesellschaft sind also gefordert, das Phänomen der Kinderarmut nicht isoliert zu lösen, sondern entschlossen und »nachhaltig« der Ausgrenzung und der Ungleichverteilung von Ressourcen entgegenzutreten.

Die stattfindenden Entwicklungen betreffen keineswegs nur die Kunden sozialer Arbeit. Unzureichende Personalausstattung, fehlende Kompensationen aufwendiger Qualitätsentwicklungsprozesse, unstete »flexibilisierte« Beschäftigungsverhältnisse und Gehälter, die Zulagen des JobCenters erfordern, sind durchgängige und keinesfalls nur individuelle Probleme einzelner Beschäftigter in der Sozialen Arbeit.

Berliner Netzwerk gegen Armut

Das Berliner Netzwerk gegen Armut und Ausgrenzung stellte, vertreten durch Inge Zeller, das Projekt »Reiches Land – Arme Kinder« vor. Sie stellte heraus, dass eine breite und intensive Diskussion über notwendige Forderungen und Perspektiven geführt werden muss, die Wege aus der Kinderarmut weißt. Zeller berichtete ausführlich über die bisherige Arbeit des Berliner Netzwerks, dem bereits der DGB, ver.di, die IG Metall und verschiedene kirchliche und diakonische Einrichtungen angehören.

Auf Antrag der Abteilung Kinder-, Jugendhilfe und Sozialarbeit ist nun auch die GEW BERLIN diesem Aktionsbündnis beigetreten. Der Fachtag votierte einstimmig für einen Runden Tisch »Kinderarmut«. Anfang April wird er unter der Schirmherrschaft des DGB-Landesbezirks Berlin-Brandenburg stattfinden. Es ist unbedingt notwendig, dass eine breitere gesellschaftliche Diskussion über die Ursachen und Lösungsmöglichkeiten von Kinderarmut geführt wird. Die Kinder und deren Familien, die von Armut betroffen sind, werden schon viel zu lange alleine gelassen.

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