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VERA 3: GEW BERLIN unterstützt Proteste gegen die erneute Durchführung
Offener Brief zu VERA 3/2011 an Senator Prof. Dr. Zöllner
Letzte Aktualisierung: 09.03.2011

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Zöllner,

im vorigen Jahr haben sich mehr als 1000 Berliner Grundschullehrkräfte an Sie gewandt und ihre ablehnende Haltung gegenüber der Durchführung von VERA 3 zum Ausdruck gebracht.
Inzwischen sind die Ergebnisse veröffentlicht worden und wieder wird die Verantwortung für die unbefriedigenden Ergebnisse einzig und allein den Lehrkräften zugewiesen.
Die notwendige Verstärkung der personellen und materiellen Ressourcen für die Grundschulen – vor allem der in den sozialen Brennpunkten – wurde von Ihrer Behörde offensichtlich nicht in Erwägung gezogen. Stattdessen wird geplant, durch Veröffentlichung der Testergebnisse die Schulen gegeneinander antreten zu lassen.

Diese Reaktion zeigt deutlicher als Ihnen vielleicht bewusst ist, dass in Ihrer Verwaltung noch immer  nicht gesehen wird, dass bessere Testergebnisse von Schülern in sozialen Brennpunkten keine Frage von mehr Druck oder mehr Wettbewerb sind. Der Sachverhalt sieht anders aus: Nicht die Schüler lernen zu wenig, sondern der Test erfasst nicht, dass sie trotz ihrer oft sehr schlechten Lernvoraussetzungen sehr viel lernen.
Deshalb sind auch zentrale Dateien für Aufgabenstellungen keine hilfreiche Unterstützungsform. Sie behindern nur eine kindgerechte Pädagogik in den Schulen.

Der Kampf um gute Rankingplätze erzwingt die Ausrichtung des Unterrichts auf die Tests. VERA 3 mit seinen auf kognitives Wissen ausgerichteten Aufgaben im Bereich Rechnen, Lesen und Schreiben wirkt wie die Wiederauferstehung des „Nürnberger Trichters“. Das Eintrichtern und Üben der geforderten Kenntnisse schränkt eine an den Entwicklungsvoraussetzungen der Kinder orientierte Pädagogik ein. Besonders betroffen sind Schulen, in denen Kinder leben und lernen, die aufgrund ihrer soziokulturellen Herkunft auf erfahrungsorientierte Lernformen in hohem Maße angewiesen sind und die sich regional in den sozialen Brennpunkten dieser Stadt konzentrieren.
Diese Kinder benötigen mehr Zeit, ihre Lernentwicklung verläuft nicht geradlinig, sondern erfordert Raum für Fehler, Irritationen, Umwege, in denen sich u. a. ihre Kreativität und Ausdrucksfähigkeit entfalten kann. Das zeigt sich z. B. auch in der hohen Zahl von Verweilern in der Schulanfangsphase von Brennpunktschulen, die für sich genommen eben nichts über mangelnde Intelligenz der Kinder oder die Qualität der Schule aussagt.
Die Anlage des Tests (Umfang und Art der Texte, Zahl der Aufgabenstellung, zeitliche Begrenzung) zielt aber auf eine Vorbereitung der Kinder hin, schnelle Lösungswege als Königswege auszugeben. Die Orientierung an der Vielfalt der Lernenden und den Eigenheiten der Einzelnen wird so gefährdet. Die Verstehensbarrieren, die in den bisherigen VERA 3-Tests aufgrund einer Wortwahl erzeugt wurden, die der Lebenswelt der Kinder nicht entspricht, werden auf diese Weise weiter erhöht.
Wir wollen die Bedeutung solcher Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen nicht kleinreden. Sie dürfen aber andere  Qualitätselemente von Bildung weder beeinträchtigen noch verdrängen.

Wir befürchten, dass diese Tests – zumal bei einer Veröffentlichung der Ergebnisse – zu Auswirkungen führen, die kein Pädagoge in dieser Stadt gutheißen kann:

  • der Rankingplatz wird Bildungsziel und nicht die Entwicklung der Kinder,
  • eine Schwerpunktsetzung im Unterricht zugunsten der in den standardisierten Tests benannten (abgefragten) Kompetenzen,
  • das Schönen der Bilanz durch Manipulation der Ergebnisse und die Entwicklung eines Misstrauensklimas sowohl in der Einzelschule als auch im Gesamtsystem Schule,
  • eine sich offen oder unterschwellig entwickelnde negative Einstellung gegenüber Kindern, die die Testanforderungen nicht erfüllen (können),
  • ein Konkurrenzkampf der Schulen um Kinder mit guten äußeren Bildungsvoraussetzungen,
  • die Förderung einer sozialen Entmischung der Schülerschaft.

Ein Blick in andere Länder, in denen standardisierte Wettbewerbsverfahren entwickelt und angewandt werden, zeigt, dass diese Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind. So beurteilen Personen, die derartige Verfahren in Bildungssysteme eingeführt haben, diese mittlerweile als Ausdruck verfehlter Bildungspolitik. Beispielsweise kritisiert die stellvertretende amerikanische Erziehungsministerin der Jahre 1997 bis 2004, Diane Ravitch, dass die Testorientierung im amerikanischen Schulsystem dazu geführt habe, dass viele Fächer bedeutungslos geworden oder gar weggefallen seien, da ihre Inhalte nicht Gegenstand der Tests seien. Die Kinder würden nicht mehr unterrichtet, sondern für Tests trainiert (learning by testing), da das Erreichen der Standards als wesentliches Erfolgskriterium von Schulqualität angesehen werde.

Als Lehrkräfte und Eltern, die ihre Aufgabe in der Förderung der Kinder auf sozialem, kulturellem und fachlichem Gebiet  sehen, lehnen wir VERA 3 für alle Berliner Grundschulen ab und fordern die Aussetzung dieses Verfahrens.
Stattdessen fordern wir die Entwicklung und Förderung von Verfahren, die den individuellen Lernzuwachs der Schüler in angemessener Weise zur Kenntnis nehmen und die einen praktischen Gebrauchswert für die Verbesserung von Bildungsqualität beinhalten.
Unabhängig davon bleibt die Senkung der Klassen- bzw. Lerngruppenfrequenzen für die Grundschulen ein Kernelement der Qualitätsverbesserung. Die untere Bandbreitengrenze von 23 resp. 21 (> 40 % ndH- bzw. lmb-Anteil) Schülern für die Schulanfangsphase sollte die Obergrenze für alle Grundschulklassen werden.


Nachfolgend können Sie den Offenen Brief zum Unterzeichnen herunterladen.



Offner Brief an Senator Zöllner zu Vera3/2011 (pdf / 18 kb)


Vera 3 - Aktivitäten gegen die Durchführung im Jahr 2010

Die Aufregung ist groß. Es kommt auch nicht jeden Tag vor, dass über 1.000 Kolleginnen und Kollegen (einschließlich vieler Schulleiterinnen und Schulleiter) in einem Offenen Brief kundtun, dass sie die Vergleichsarbeit VERA eigentlich für überflüssig halten. In den Medien war viel über das Pro und Contra zu lesen und zu hören (interessanterweise mehr über die Argumente gegen VERA). Nach jetzigem Stand will Senator Zöllner unbeirrt an den Vergleichsarbeiten festhalten. Darum hier noch einmal kurz zusammengefasst die Stellung der GEW BERLIN.
  1. Niemand - und das gilt auch für die UnterzeichnerInnen des Offenen Briefes - spricht sich gegen Vergleichsarbeiten, allgemeiner gesprochen gegen standardisierte Verfahren aus, die den einzelnen Schulen bei der Diagnose ihrer Stärken oder Schwächen helfen.
  2. Es geht also nicht um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Diagnoseverfahren, wollen sie aussageträchtig sein und den betrachteten Schulen wirklich helfen, müssen auf deren Situation zugeschnitten sein. Je allgemeiner Tests oder Vergleichsarbeiten sind, je weiter weg sie von den Problemen vor Ort sind, je undifferenzierter sie sind, desto weniger hilfreich sind sie. Ein Vergleichstest, der sowohl in Schleswig-Holstein als auch in Nord-Neukölln geschrieben wird, muss von der Anlage her hochgradig standardisiert und formalisiert sein. Damit werden aber auch die Ergebnisse von hoher Allgemeinheit bzw. Banalität sein.
    Ein Beispiel: Die KollegInnen haben unter anderem moniert, dass die Aufgabenstellung im sprachlichen Teil allein schon von der Wortwahl her nicht erfüllbar ist. Ein Begriff wie „Seemannsgarn“ mag in Schleswig-Holstein noch verstanden werden; in einem Vergleichstest, der im Wedding geschrieben wird, hat er nichts zu suchen.
  3. Wenn Vergleichstests aber von der Anlage her schon so konzipiert sind, dass sie für eine bestimmte Schülerklientel nicht zugeschnitten sind, dann können auch die Ergebnisse, z.B. auch eine Diagnose der sprachlichen Schwächen, für diese Schülerklientel nicht produktiv werden - ein riesiger Aufwand also, dem kaum sinnvoll in der Schulpraxis zu nutzende Ergebnisse gegenüberstehen. (Es sei denn, man hält es für ein sinnvolles Ergebnis, dass ab jetzt auch das Wort „Seemannsgarn“ doch bitte in Kreuzberg verstärkt eingeübt wird.)
  4. Wer aber leistet diesen Aufwand? Das sind die Kolleginnen und Kollegen, die ohnehin genügend belastet sind. Das ist völlig verständlich: Wenn Aufwand und Ergebnis - schon vorher erkennbar - in keinem sinnvollen Verhältnis stehen, dann wehrt man sich gegen diese Belastung; es gibt ohnehin genug zu tun.
    Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang: Senator Zöllner hat vor Jahren eine Arbeitsgruppe „Entbürokratisierung“ gegründet und anschließend mit großem Pomp die mageren Ergebnisse verkündet. Hier könnte er den damals verkündeten Grundsätzen, Lehrkräfte von erkennbar sinnlosen Zusatzarbeiten zu befreien, Taten folgen lassen.
  5. Und schließlich: Die Arbeiten sind geschrieben (mit großem Aufwand); sie sind ausgewertet (mit großem Aufwand); die Schulen erfahren die Ergebnisse (die sie auch schon vorher wussten): Was folgt daraus: NICHTS! Sie werden mit den diagnostizierten Schwächen allein gelassen. Sie müssen sich allenfalls in einzelnen Medien oder von einzelnen Vertretern des Landeselternausschusses anhören: Jetzt wisst Ihr doch, wo Eure Schwächen sind; jetzt macht endlich einmal etwas! Das ist nur noch zynisch. Wenn der Senator Vergleichsarbeiten haben will, dann muss er anschließend auch den Schulen mit erkennbar schlechten Ergebnissen (für die diese Schulen nicht verantwortlich sind) besondere Hilfen geben. Dazu ist er bis jetzt nicht bereit.
  6. Fazit: Die Kolleginnen und Kollegen haben alles Recht der Welt, wenn sie sich gegen eine Teilnahme an VERA aussprechen. Deshalb:

Macht VERA zum Mauerblümchen!


Berlin, 20.04.2010

Presseerklärung der Initiative „Grundschulen im sozialen Brennpunkt“

VERA-Boykott ja oder nein – das ist nicht die Frage...

Ob Berliner Lehrkräfte VERA schreiben lassen oder boykottieren, werden sie selbst entscheiden.

Die wesentlichen Fragen für uns lauten: Werden sich die Bedingungen an unseren Schulen entscheidend verbessern und wird der Politik der „kostenneutralen Reformen“ an den Grundschulen endlich ein Ende gesetzt?

Die in der Initiative zusammengeschlossenen Kolleginnen und Kollegen sind positiv überrascht von der große Resonanz, den unser Offener Brief zu den Vergleichstests VERA 3 an Senator Dr. Zöllner in der Öffentlichkeit hervorgerufen hat.

Ungeachtet der kritischen Stimmen, die wir interessiert zur Kenntnis genommen haben, halten wir weiterhin an den in unserem Brief geäußerten Positionen zu VERA 3 fest. Die Vergleichsarbeiten liefern weder valide diagnostische Erkenntnisse über die Lernentwicklung der Kinder noch haben sie bisher dazu geführt, dass die Schulen die nötigen personellen und materiellen Kapazitäten zur besseren Förderung der Kinder erhalten.

Unsere Schülerinnen und Schüler in den Brennpunktschulen brauchen keine Vergleichsarbeiten, sie brauchen mehr Zeit und Raum für ihre Entwicklung - und dafür fordern wir:

  • mehr LehrerInnen- und ErzieherInnenstunden pro Kind,
  • mehr SozialarbeiterInnen, PsychologInnen und SonderpädagogInnen an den Schulen,
  • mehr ErzieherInnen und LehrerInnen mit Migrationshintergrund,
  • mehr Gesprächszeit für Eltern und Institutionen,
  • mehr qualifiziertes Vertretungspersonal an den Schulen.

Wir freuen uns, dass der Senator und seine Verwaltung Gesprächsbereitschaft signalisiert haben und hoffen auf einen konstruktiven Dialog über die oben genannten Aspekte.




Text der Unterschriftenliste (pdf / 30 kb)

Antwort des Senator Zöllner auf den Brief der Initiative (pdf / 124 kb)


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