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Acht Gründe für die 6jährige Grundschule
Schule der Zukunft

Peter Heyer1

1 Soziales Lernen
Wann sollen Kinder lernen, miteinander zurechtzukommen, sich auf andere Menschen einzulassen, die völlig anders sind als sie selbst, mit ihnen zusammen zu leben, zu arbeiten, wenn wir ihnen dazu in der Schule zu wenig Gelegenheit geben und zu wenig Zeit gönnen? Die Entwicklung von Sozialkompetenz ist als Teil der Leistung, die Schule heute zu fördern hat, von gleicher Wichtigkeit wie die Entwicklung von Fach- und Methodenkompetenz. Die Grundschule ist heute innerhalb unserer Gesellschaft die einzige staatliche Einrichtung, die noch alle Menschen einer bestimmten Altersgruppe unter einer für alle gemeinsamen Aufgabe zusammenfasst, der Aufgabe der Erziehung der nachwachsenden Generation. Sie hat damit für die Weiterentwicklung unserer pluralen demokratischen Gesellschaft höchste Bedeutung. Nach der vierten Klasse brechen die Prozesse der Entwicklung von Sozialkompetenz zu früh ab bzw. werden stark eingeengt.


 
2 Die Betroffenen sollten mitentscheiden können
Der schulische Bildungsweg ist vor allem Angelegenheit der Kinder. Sie haben mit den Konsequenzen zu leben. Autonomie als Erziehungsziel verlangt auch für den Übergang auf das mehrgliedrige System der Sekundarschulen die Einbeziehung der Betroffenen in die für sie folgenreiche Entscheidung. Nach der vierten Klasse entscheiden dies im Grunde allein die Eltern. Nach der sechsten Klasse dagegen bringen sich die Kinder schon sehr viel mehr selbst ein.


 
3 Prognoseunsicherheit
Die Prognose, welche Schulart sich für ein Kind besonders eignet, ist nach der vierten Klasse noch weit weniger verlässlich als nach der sechsten. Prognosen sind allerdings immer fragwürdig. Pädagogisch sinnvoller wäre es, wenn Schule so organisiert würde, dass sich pädagogisch erforderliche Differenzierungen Schritt für Schritt im Prozess des Lernens vollziehen können und nicht vorher quasi auf Vorrat entschieden werden müssen. Da Kinder verschieden sind, auch hinsichtlich ihrer Lern- und Leistungsfähigkeit, muss von Schulbeginn an differenziert werden.


 
4 Zu früher Leistungsdruck
Der mit dem zu frühen Übergang nach der vierten Klasse verbundene Leistungsdruck gefährdet die grundlegende eigenständige pädagogische Arbeit der Grundschule oft schon von Anfang an. Kinder brauchen einen pressionsfreien unbelasteten Zugang zum schulischen Lernen.


 
5 Keine Brüche beim Übergang vom vorfachlichen zum fachlichen Lernen
Es ist pädagogisch vorteilhaft, wenn der Übergang vom vorfachlichen Unterricht zum stärker auch fachorientierten Lernen sich innerhalb ein und derselben Schule entwickeln kann, ohne Brüche, teilweise mit denselben Lehrern.


 
6 Gute Pädagogik braucht keine homogenen Lerngruppen
Pädagogisch ist die Notwendigkeit der frühen Auslese überholt. Es gibt inzwischen längst pädagogisch-didaktische Konzepte, nach denen Kinder auch in sehr heterogenen Lerngruppen gemeinsam individuell gut gefördert werden, und zwar alle Kinder, diejenigen, die zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sind ebenso wie diejenigen, denen bereits einfache Lernaufgaben ein Höchstmaß an Anstrengungen abverlangen. Voraussetzung ist , dass der dafür notwendige pädagogische Paradigmenwechsel konkrete Praxis ist und es nicht mehr darauf ankommt, dass alle das Gleiche lernen, sondern dass alle eine individuell gute Lernentwicklung haben. Wichtig ist, das alle Lehrerinnen und Lehrer in Aus- und Fortbildung lernen, zieldifferent zu unterrichten.


 
7 Entwicklungspsychologische Gründe
Auch entwicklungspsycholgisch ist der Übergang in eine der Schulen des Sekundarbereichs schon nach der vierten Klasse für Kinder weit ungünstiger. Für das in seiner Ich-Identität noch wenig gefestigte Kind ist die frühe schulische Neuorientierung mit ihren Brüchen oft weit problematischer als zwei Jahre später. gerade auch der Verlust der Freunde.

Empirische Untersuchungen zur Entwicklung des Selbstwertgefühls belegen: Bei längerem gemeinsamen Lernen wächst das Selbstwertgefühl kontinuierlich, beim frühen Wechsel auf Oberschulen gibt es keine kontinuierliche Zunahme, sondern das Selbstwertgefühl sinkt nach der 4. Klasse erst einmal ab, um erst ein bis zwei Jahre später verlangsamt wieder anzuwachsen.


 
8 Die vierjährige Grundschule ist ein Modell der Vergangenheit!
Sie steht in der Tradition ständestaatlichen Denkens des vorvorigen Jahrhunderts. In (fast) allen Ländern mit entwickelten Bildungssystemen lernen inzwischen alle Kinder mindestens sechs Jahre gemeinsam. Wir leben im Schatten des Euro. Kann sich Deutschland die Extrawurst einer nur vierjährigen Grundschule weiterhin auf Dauer leisten? Es ist kein Zufall, dass seit einigen Jahren in vielen Bundesländern die Frage der Dauer der gemeinsamen Grundschulzeit wieder heftig diskutiert wird. Nicht nur in den neuen Bundesländern, die (außer Brandenburg) nach der Wende die vierjährige Grundschule sehr schnell eingeführt hatten. Die Mehrzahl der Eltern ist da inzwischen, wie repräsentative Umfragen belegen, der Auffassung, dass das ein Fehler war. Sachsen-Anhalt hat inzwischen die flächendeckende Förderstufe realisiert. Die Klassenverbände der Grundschule bleiben danach auch in diesem Bundesland bis zum Ende der sechsten Klasse zusammen, egal, an welcher Schule sie organisatorisch angegliedert sind, und Lehrer aller Schularten unterrichten die Kinder dieser Klassen gemeinsam. Hessen hat immerhin noch ein Schulgesetz, das sechsjährige Grundschulen prinzipiell ermöglicht. Hamburg will die sechsjährige Grundschule erproben und in vielen weiteren Bundesländern gibt es inzwischen regionale Initiativen zur Einrichtung sechsjähriger Grundschulen.


1 Vgl. Peter Heyer: Sechs Gründe für die sechsjährige Grundschule. In: Ernst Rösner (Hrsg.): Sechsjährige Grundschule. Qualität und Chancen eines Reformmodells. Essen 1994

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