| Die Senatsbildungsverwaltung übt sich darin, jeden Tag eine neue Sau durch die Stadt zu treiben. Die Schulen müssen es ausbaden.
von Ralf Schiweck, Schulleiter in Schöneberg
Nachhaltigkeit ist ein großes Wort, man ist fast geneigt es mit "ll" zu schreiben. So verwenden es viele, um ihren Projekten eine ganz besondere Bedeutung zu geben. Vor allem aber soll damit das Engagement für eine bessere Zukunft unterstrichen werden.
Wie wir in dieser Ausgabe sehen, widmet sich auch die Schule diesem hohen Ziel - angeblich unterstützt durch unsere zukunftsorientierte Senatsbildungsverwaltung. Deren Zukunftsorientierung setzt aber allem Anschein nach weniger auf Nachhaltigkeit, sondern mehr auf Bewegung: Nicht nur das Landesschulamt wurde genau so schnell auf- wie abgebaut. Auch der Standort der Senatsverwaltung wechselt immer mal wieder. Schon hören wir wieder Gerüchte von einem erneuten Rückzug aus Storkowgrad. Das hat Methode!
Zum Beispiel bei der geplanten Reform der Oberstufe. Hochdotierte Schulräte, Kommissionen, Gewerkschaften, Kollegien, Schüler und Eltern haben sie diskutiert, haben Stellungnahmen zu halbfertigen Vorlagen ausgearbeitet - und nun? Nun ist sie vorläufig wieder weg: Es war sicher gut, darüber gesprochen zu haben. Und ganz nebenbei konnten die höheren Gehaltsgruppen damit beweisen, dass sie auch was tun. Aber sonst?
Zum Beispiel die "geniale" Idee der drei Präsenztage am Ende der Sommerferien. Kaum hat man von ihnen gehört, da waren zwei schon wieder gestrichen worden. Obwohl sie doch so wichtig waren! Und die freien Tage nach der neuen Arbeitszeit-Verordnung? Sollen sie vor den Weihnachtsferien, in den Osterferien oder vielleicht doch lieber am 30./31. Februar erstattet werden? Aber in welchem Jahrzehnt sie erstattet werden, steht bestimmt schon fest! Da die Lebensarbeitszeit möglicherweise auf 67, 68 oder gar 69 Jahre gesteigert wird, hat man hier allerdings noch etwas Spielraum.
Zum Beispiel die Abschaffung der Lernmittelfreiheit. Der Beginn des Schuljahres war von allgemeiner Hilflosigkeit gekennzeichnet und von Gleichbehandlung konnte keine Rede sein, aber es wird Besserung versprochen. Es gibt schon eine Rechtsverordnung, die für das kommende Jahr eine verbindliche Regelung vorschreibt. Das außerdem diskutierte Bußgeldverfahren gegen unwillige Eltern ist allerdings nicht nur heiß umstritten, sondern auch rechtlich äußerst zweifelhaft.
Dann sind da noch die Vergleichsarbeiten. Dafür sind sogar schon exakte Termine vorgegeben. Ob und wie und wo die Arbeiten allerdings gewertet werden, ist natürlich noch offen. Null Problem, die Schulen in Berlin haben schließlich schon oft bewiesen, dass sie von einem Tag auf den anderen reagieren können.
Nicht zuletzt gibt es auch noch das neue Berliner Schulgesetz mit seinen vielen Neuerungen. Eine Fülle von Rundschreiben, Ausführungsvorschriften und Schulordnungen müssen dafür neu geschrieben werden. Die Kommissionen arbeiten bereits daran, aber dass sie pünktlich fertig werden, möchte niemand garantieren. Es könnte also sein, dass wieder einmal großzügige Übergangsfristen eingeräumt werden müssen, damit trotz des neuen Schulgesetzes das alte noch gültig bleibt. Dafür werden jetzt schon vorsorglich Fortbildungen abgelehnt mit dem Hinweis, es gebe doch bald eine neues Schulgesetz und dann würde ohnehin alles anders.
Dies ist nicht das Manuskript für die Sendung "Pleiten, Pech und Pannen". Und auch nicht eine Vorlage zum "Lernen am Modell". Dies ist die Beschreibung der nachhaltigen Bildungspolitik des Berliner Senats: Ich habe nachhaltig gelernt, mich nicht aufzuregen und alle Neuerungen aus der Senatsverwaltung erst einmal zu ignorieren, denn es kommt mit Sicherheit anders - darauf kann man sich immerhin verlassen.
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