| von Manfred Triebe, Mitglied im Gesamtpersonalrat
Eine aktuelle Untersuchung zur "Beruflichen Belastung von Lehrerinnen und Lehrern" in Bremen und Nordrhein-Westfalen ergab bei ca. 80 % der Befragten den Lärm durch Schüler als wesentliche Belastung. Über 73 % der befragten älteren Lehrkräfte fiel das Ertragen von Lärm heute schwerer als in ihren frühen Berufsjahren. Die Untersuchung von Berndt, Schönwälder u.a. wies mit ihren Messungen durchschnittliche Schallpegelwerte von knapp 70 dB, bei Spitzenwerten von 80 bis teilweise 90 dB nach.
Lärmpegel und Nachhall
Für geistige Arbeit gilt nach § 15 Arbeitsstättenverordnung ein Schallpegel von bis zu 55 dB als akustisch optimal. Bei einem Schallpegel von 55 dB ist eine gute Verständigung bei normaler Stimmstärke bis zu einem Abstand von 3 m ohne jede Anstrengung möglich. Bewegt man sich im Bereich von 75 dB ist eine Verständigung mit normaler Stimme unmöglich. Bei einem Abstand von 3 m von der Stimmquelle kann selbst mit Schreien keine unterbrechungsfreie Verständigung mehr erreicht werden. Um eine einwandfreie Verständigung zu erzielen, soll das Sprachsignal um etwa 15 dB über dem Hintergrundpegel liegen.
Schlechte akustische Bedingungen in Unterrichtsräumen verschärfen die Situation erheblich. Der Nachhall in den Räumen ist dabei ein entscheidendes Kriterium für die Qualität der Akustik. Unter Nachhall versteht man die Zeit, die der Schall benötigt, um 60 dB (A) abzunehmen. Räume mit langen Nachhallzeiten wirken hallig. Der Nachhall überlagert das akustische Signal und verfälscht es. Die Nachhallzeit hat maßgeblichen Einfluss auf die Sprachverständlichkeit. Bei einer relativ kurzen Nachhallzeit von T = 0,4 s haben nach einer Untersuchung aus Oldenburg normal hörende Schüler noch eine Sprachverständlichkeit von 93 %. Schon bei T = 1,2 s sinkt sie auf 77 %. Die für Turnhallen derzeit noch vorgeschriebenen Grenzwerte liegen bei T = 2,5 s. In vielen Berliner Klassenräumen bewegen sich die Nachhallzeiten nicht unter 1 s.
Sprachverständlichkeit
Lehren und lernen findet zu einem wesentlichen Teil über die Vermittlung durch Sprache statt. Konsonanten sind dabei für die Sprachverständlichkeit von herausragender Bedeutung. Man kann zwar Vokale durch eine erhobene Stimme oder durch Schreien möglicherweise verständlicher machen. Bei Konsonanten gelingt dies nicht. Unsere deutsche Sprache besteht aber zu einem hohen Prozentsatz aus Konsonanten. Der folgende Satz, bei dem alle Konsonanten weggelassen wurden soll dies alleine beim geschriebenen Wort verdeutlichen: a . . e . i . . e . . ü . . e . i . . i e . . . u . e . e . e . = alle (arme, alte) Kinder (Rinder...) müssen (dürfen...) in die Schule gehen.
Eine eindeutige Ergänzung der fehlenden Buchstaben ist nicht möglich. Im Gespräch kann man zwar Vokale durch Erheben der Stimme deutlich verstärken, dies gelingt bei Konsonanten jedoch nicht. Für schulisches Lernen bedeuten Probleme mit der Verständlichkeit von Konsonanten, dass eine nicht unbeachtliche Anzahl von Schülerinnen und Schülern den Sinn von Wörtern und damit entscheidende Informationen nur deshalb nicht erfassen, weil sie das gesprochene Wort nicht identifizieren können. In der Folge wird die Verarbeitung der Information völlig unmöglich.
Lärm als Stressfaktor
Für die in halligen Räumen unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen bedeutet die schlechte Akustik in einem Unterrichtsraum nicht nur, dass sie übermäßig ihre Stimme anheben und damit strapazieren müssen. Lärm, unerwünschter Schall, bewirkt auch Stress. In der Bremer Untersuchung zeigte sich, dass Herzfrequenz und Lärm unmittelbar zusammenhängen. Steigender Schallpegel führt zu einer schnelleren Herzfrequenz. Lärm als Stressor führt zu einer Zunahme von Blutdruck und Atemfrequenz und zu einer Abnahme der Hautdurchblutung und der Magensekretion, übrigens typische Stressreaktionen des Neandertalers. Lärm vergrößert daneben das Unfallrisiko.
Amerikanische Untersuchungen aus den 70er Jahren belegen eine Beeinträchtigung der Kontakt- und Hilfsbereitschaft der Schüler bei schlechter Raumakustik und übermäßigem Lärm, ein für Schulen besonders schwerwiegendes Problem. Eine Untersuchung der schottischen Heriot-Watt University an 70 britischen Schulen zeigt, dass eine verbesserte Klassenraumakustik nicht nur die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler signifikant verbesserte. Auch die Fehltage der in den akustisch sehr gut ausgestatteten Räumen ging deutlich zurück.
Eine Verbesserung der Klassenraumakustik muss nicht teuer sein. Je nach verwendetem Material und Ausführung liegen die Kosten für eine Nachrüstung mit schallabsorbierenden Wand- und/oder Deckenverkleidungen bei 25 bis 100 Euro je Quadratmeter. Wer akustische Probleme an seiner Schule hat, sollte sich an seine örtliche Personalvertretung oder an den Gesamtpersonalrat wenden. Verbesserungen der Raumakustik sind Maßnahmen zur Vermeidung von Gesundheitsschädigungen und unterliegen der Mitbestimmung des Personalrates.
Schallpegel (dB A) |
Stimmstärke |
Abstand (m) |
Güte der Verständigung |
| 54 |
Normal |
3,0 |
ohne Anstrengung |
| 64 |
Normal |
1,0 |
Gut |
| |
Erhoben |
2,0 |
Gut |
| |
Laut |
4,0 |
Gut |
| 74 |
Erhoben |
0,7 |
mit Unterbrechungen |
| |
Laut |
1,5 |
mit Unterbrechungen |
| |
Schreiend |
3,0 |
mit Unterbrechungen |
| 84 |
Laut |
0,3 |
Schlecht |
| |
Schreiend |
1,0 |
Schlecht |
| 94 |
Schreiend |
0,3 |
Schlecht |
*) Berndt / Schönwälder / Ströver / Tiesler Laut = Lärm ? Eine orientierende Untersuchung zu Lärm in Schulen (In: Jahrbuch für Lehrerforschung und Bildungsarbeit Band 3, S. 247 ff, Juventa Verlag, Weinheim, München 2002)
|