| von Lana Schiefenhövel, Lehramtsstudierende in München
Sprechberufe beanspruchen das Stimmorgan mehrere Stunden am Tag, 5 Tage in der Woche und das über mehrere Jahrzehnte hinweg. Lehrerinnen stellen eine der besonders stark betroffenen Berufsgruppen dar. Studien belegen hier 45 - 70 Prozent stimmliche Beeinträchtigungen bis hin zu pathologischen Befunden (Stimmstörungen).
Die Stimme als Instrument in Sprechberufen beschränkt sich nicht nur auf ihre Rolle als informationsübertragendes Medium, sondern ist neben vielen anderen Funktionen auch Ausdruck der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion. Sprechende vermitteln neben einer Vielzahl von physikalischen Ereignissen (Stimmklang, Sprechtempo, Lautstärke) auch "vielschichtige sprechbegleitende Verhaltensweisen, die in Blick, Gestik, Mimik und Körpersprache ihren Ausdruck finden." (Lehrbuch der Sprachpädagogik, Kohlhammer 2002). Stimmstörungen äußern sich klassisch durch zwei Leitsymptome: Störungen des Stimmklangs im Sinne von Heiserkeit und bzw. oder Einschränkungen der stimmlichen Leistungsfähigkeit.
Oft zeichnen sich die Beschwerden durch angestrengtes Sprechen, Räusperzwang, mangelnde Tragfähigkeit, einem Fremdkörpergefühl und Trockenheit im Hals aus. Eine angeschlagene Stimme kann das Selbstbild des Sprechers/der Sprecherin erheblich irritieren und zu einer subjektiven Verunsicherung führen. Diese Verunsicherungen sind anhand von vielen auditiven und visuellen Merkmalen vom Gesprächspartner ablesbar. Mehr oder weniger stark beeinflussen diese teilweise auch nur unterbewusst wahrgenommenen Merkmale den intentionalen Sprechakt und rücken so die beabsichtigte Botschaft in den Hintergrund. Stimmliche Beeinträchtigung kann sich infolgedessen auf die sozial-kommunikativen Prozesse auswirken.
Stimme und Stimmung
Nicht nur die Dauerbelastung des Stimmapparats und eine eventuelle Fehlbelastung kommen in der Stimme zum Ausdruck. "Stimme" und "Stimmung" liegen nahe beieinander. Es ist aber nicht nur eine weitere psychische oder emotionale Komponente, die sich in der Stimme niederschlägt. Umweltfaktoren, inter- und intrapersonelle Konstituenten wirken in einem vielschichtigen Bedingungsgefüge aufeinander ein und können sich in Sprechakten äußern und setzen Stimmstörungen in ein biopsychosoziales Geschehen.
Um funktionellen Störungen der Stimme und im Stimmgebrauch, die durch die falsche Nutzung der Stimme entstehen, vorzubeugen, ist eine präventive theorie- und praxisgeleitete Stimm- und Sprecherziehung in der Ausbildung dringend notwendig.
Stimmhygiene
Befragungen angehender SprechberuflerInnen zeigen, dass vielen die stimmliche Anforderung im Berufsalltag nicht bewusst ist. Viele Berufseinsteigerlnnen haben noch nie von Stimmhygiene oder den Auswirkungen von Haltung und Atmung beim Sprechen gehört. Falsche Verhaltensmuster und Habitus können sich schnell einschleifen und zu Stimmstörungen führen. Die Behandlung bei einer auftretenden Stimmstörung muss wesentlich intensiver, kosten- und zeitaufwendiger betrieben werden als gute vorbereitende Präventionsmaßnahmen. Es gilt hier also, ein Bewusstsein über die spätere Stimmbelastung zu schaffen und durch Sprecherziehung und Stimmbildung dieser entgegen zu wirken.
In den meisten Bundesländern steht das Fachgebiet der Sprecherziehung weder in der Prüfungsordnung noch in den Vorlesungsverzeichnissen. Für solche studienbegleitende Maßnahmen in Form von Seminaren mit hohem Erfahrungswert setzt sich der "Arbeitskreis Stimme" der GEW-Hochschulgruppe der Uni München ein. Er hat sich aus einer großen Unzufriedenheit über die akademische Ausbildung von Sprechberufen heraus gebildet und befasst sich mit der Verbesserung der Ausbildung von Sprechberufen. Mit folgenden Forderungen tritt der Arbeitskreis an Öffentlichkeit: Stimmbildung/Sprecherziehung soll zu den obligatorischen Veranstaltungen innerhalb der Ausbildung von Sprechberufen gehören. Die Stimmbildung/Sprecherziehung soll in einen curricularen Rahmen gesetzt werden. Ziel dieser Veranstaltungen ist, über die beratende Funktion hinaus theoretisches Wissen über die Stimmproduktion zu vermitteln und dieses in praktischen Übungen anzuwenden.
Solch eine Erweiterung würde nicht nur dem physischen, sondern auch dem psychischen Wohlbefinden künftiger Lehrerlnnen dienen: Denn was ist eine Person, die in einem Sprechberuf arbeitet, ohne Stimme? -- Ohnmächtig!
Aus: DDS, Zeitschrift der GEW Bayern, Nr. 7-8/2003
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