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blz 12/2003: Schulbibliothek und Lesekompetenz
Das neue Heft der "Beiträge Jugendliteratur und Medien" beschreibt die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Deutschlands Schulen.
von Ute Wolters, AG Jugendliteratur und Medien

Nur etwa 15 Prozent der Schulen in Deutschland haben gegenwärtig eine den fachlichen Standards entsprechende Schulbibliothek, bei großen regionalen Unterschieden. Dabei wird unter Schulbibliothek seit den 70er Jahren eine "Informations-, Lese- und Arbeitsstätte für SchülerInnen und LehrerInnen" verstanden, in der inzwischen audiovisuelle und digitale Medien ihren selbstverständlichen Platz neben Büchern und Zeitschriften haben.

Über das Schlüsselthema Schulbibliothek wird im Zusammenhang mit der immer wieder geforderten Nachhaltigkeit beim Erwerb von Lesekompetenz im jüngsten Heft der "Beiträge Jugendliteratur und Medien" kenntnisreich und praxisorientiert informiert. Niels Hoebbel, seit 25 Jahren aktiv im Deutschen Bibliotheksinstitut und verantwortlicher Redakteur für dieses Heft, beschreibt die Schulbibliothek als gemeinsames Anliegen von engagierten LehrerInnen und BibliothekarInnen und fordert klare gesetzliche Rahmenbedingungen, ein pädagogisches Grundkonzept und eine Kompetenzstärkung des Personals.

Die Autoren und ihre Themen

Neurobiologische Aspekte bei Kindern: Berthold Mengel geht in seinem Beitrag auf die neurobiologischen Erkenntnisse zur frühkindlichen Entwicklung und bis zur Pubertät in Bezug auf Sprach- und Lesekompetenz ein und hinterfragt im Kontext des Leitbegriffes Lernkultur das traditionelle Rollenverständnis der LehrerInnen, um dann anhand eines Unterrichtsprojektes für eine 7. Klasse zu demonstrieren, wie diese Klasse - ausgehend von Jugendbuch "Julie von den Wölfen" - mit 'alten' und 'neuen' Medien in der Schulbibliothek gearbeitet hat. Das ist für mich das einzige Manko dieses sehr empfehlenswerten Bandes, dass der Aspekt der frühkindlichen, d.h. vorschulischen Leseförderung nicht weiter vertieft wurde, obwohl Mengel deutlich macht, wie stark die Lesekompetenz von einer frühkindlichen Förderung abhängt. Wahrscheinlich hätte es den Umfang des Bandes gesprengt, liegt aber sicher auch an der fatalen Teilung der Zuständigkeiten und Ausbildungsgänge im deutschen Bildungswesen.

Projekte in der Bibliothek: Vom konträren Weg der neuen Medien in den Alltag und in die Schule schreibt Kurt Cron und plädiert für einen projektorientierten, offenen Unterricht in der Schulbibliothek. Er schildert nach Darstellung einer detaillierten Planung das Unterrichtsbeispiel "Sensationen: Balladen und die Zeitung" mit anschließender didaktischer Reflexion.

Lesebarometer: Mit dem veränderten Leseverhalten durch die Mediatisierung des Kinderalltages befasst sich Horst Heidtmann. Er fasst neuere Untersuchungsergebnisse zum Freizeit- und Leseverhalten von Kindern und Jugendlichen zusammen und spitzt zu: Von den erwachsenen Deutschen über 14 Jahren haben nach dem Lesebarometer der Bertelsmann-Stiftung lediglich 19 Prozent noch eine gefestigte Bindung an das Medium Buch, an die erzählende Literatur. Danach lesen von den Kindern und Jugendlichen, die überhaupt noch erzählende Literatur lesen, 80 Prozent Medienverbundliteratur, wobei die Attraktivität des Buches vom Film ausgehe. Kinder und Jugendliche nähmen das Buch nicht mehr als Informationsquelle, da seien die neuen Medien überlegen, sondern sie wollten Unterhaltung, Spaß beim Mediengebrauch, egal in welchem Medium. Daher klaffe die Schere zwischen dem Medienverhalten der Kinder und Jugendlichen und den Unterrichtsgegenständen des Deutschunterrichtes, die in der Regel nicht durch die LehrerInnen, sondern verstärkt durch die Schulbehörden diktiert werden, immer weiter auseinander - am weitesten im Gymnasium. Angelehnt an den Kompetenzbegriff der PISA-Studie fordert Heidtmann neue Formen der Leseförderung und ein gleichberechtigtes Nebeneinander aller Medien. Dies müsse auch die Schulbibliothek widerspiegeln, um gerade auch für bislang ausgegrenzte Gruppen als Mittler zur erweiterten Lesekompetenz zu dienen. Seine Vorschläge zur Leseförderung im Medienverbund greifen die (außerschulischen) Leseinteressen der Kinder und Jugendlichen auf, wobei er nicht darauf eingeht, dass sich SchülerInnen oft dagegen wehren, ihre Freizeitinteressen in der Schule "kaputt reden" zu lassen. Doch seine Vorschläge sind das Ausprobieren wert - mit der Schulbibliothek als Mittlerin zwischen schulischem Lernen und Freizeitkultur.

Lesekompetenz: Wolfgang Antritter, ein Praktiker aus der LehrerInnenfortbildung, geht von den unterschiedlichen (kontinuierlichen= narrativen und nicht kontinuierlichen= auch bildhaften wie Diagrammen) Textsorten aus, die im Rahmen von PISA bei Prüfung der Lesekompetenz untersucht wurden. Aus der strukturellen Unterscheidung von linearer Lesekompetenz für Bücher und der Kompetenz, den Hypertext vernetzende Einzelinformationen aus den Multimedien "lesen" zu können, folgert Antritter wie Heidtmann notwendige Veränderungen in der schulischen Leseerziehung und beschreibt die Schulbibliothek als Ort, diese Veränderung kompetent zu unterstützen. Mit konkreten Hinweisen inklusive Web-Adressen beschreibt Antritter ein von ihm durchgeführtes Projekt mit Kindern von 10 bis 14 Jahren "Der kleine Prinz trifft Medienmäuse", in dem die ganze Palette alter und neuer Medien genutzt wurde.

Ausstattung: Dass niemand das Rad neu erfinden muss, wenn es um die Einrichtung und Ausstattung einer Schulbibliothek geht, zeigt Klaus Dahn in seinem Artikel, den ich mir vor 20 Jahren bei der Einrichtung unserer Schulbibliothek sehr gewünscht hätte. Genauso erfreulich präzise wird der Einsatz von EDV bis hin zur Platzierung von Internetplätzen in der Bibliothek erklärt.

Kosten und Integration: Nach einer Auflistung der Arbeiten in einer Schulbibliothek benennt Günter Pflaum die Konsequenzen für die Personalausstattung, also die Kostenfrage und betont, wie wichtig die Integration der BibliothekarInnen in das Lehrerkollegium ist.

Kataloge: Kerstin Scheibe, Fachberaterin für Schulbibliotheken, beschreibt verständlich die gängigen Katalogformen, einschließlich OPAC, dem speziell für BenutzerInnen aufbereiteten Online-Katalog. Leider fehlt bei ihren Durchschnittspreisangaben eine Quelle. Für die Kinder- und Jugendliteratur liegt nach meinen Kenntnissen ihre Preisangabe zu niedrig. Auch einen Hinweis auf die Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien in der GEW (www.ajum.de) mit ihrem monatlich wachsenden Bestand von Rezensionen aktueller Kinder- und Jugendbücher vermisse ich.

Recht: Den rechtlichen Aspekten bei der Nutzung neuer Medien in der Schulbibliothek widmet Gabriele Beger viel Sorgfalt, was das Verständnis nicht immer ganz leicht macht. Das neue Urheberrechtsgesetz, der Verleih elektronischer Medien, die Wiedergabe von Medien in Bibliothek und Unterricht und das neue (seit April 2003) Jugendschutzgesetz - wichtig für den Zugang zum Internet! - werden auf ihre Bedeutung für den Umgang mit den neuen Medien geprüft.

Personal: Die oft vorhandene Konkurrenz zwischen LehrerInnen und BibliothekarInnen wird von Ronald Schneider nicht unterschlagen. Angesichts der Wichtigkeit einer nachhaltigen und nicht nur punktuell einsetzenden Förderung von Lesekompetenz in einer vielfältigen Medienwelt wird die Ausstattung der Schulbibliotheken mit doppelt qualifiziertem Fachpersonal gefordert. Das würde wiederum ein Wirken nicht nur für und in der Schule, sondern auch eine Marketing-Arbeit und Vernetzung mit anderen kommunalen Einrichtungen ermöglichen.

Mehr Bibliotheken und nicht weniger

Wie Regina Pantos, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien in der GEW (AjuM), in ihrem Vorwort schreibt, geht es auch bei divergierenden Interessen in jedem Fall "um die Frage, wie man Kinder und Jugendliche am besten als LeserInnen und MediennutzerInnen erreicht und fördert". Man kann ihrer Einschätzung nur beipflichten, dass trotz der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität der Schulbibliotheken nicht auf die in den Beiträgen des Heftes beschriebenen Standards verzichtet werden kann. Die vorzüglichen und praxisorientierten Artikel machen Mut, sich in der Debatte um die Einrichtung neuer Ganztagsschulen stärker dem Thema Schulbibliothek und Förderung einer erweiterten Lesekompetenz in allen Medien zu stellen. Aber auch für andere Interessierte enthalten sie eine Fülle von Anregungen, Informationen und Vorschläge für ihre tägliche Praxis.

Die bibliografischen Angaben enthalten vielfältige Hinweise auf Fachstellen und weiterführende Literatur. Im Anhang werden die AutorInnen mit ihrem fachlichen Hintergrund vorgestellt.

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