Mehr Arbeit, weniger Geld
Interview mit einem Kollegen aus der Behindertenhilfe*.
von Tanja Kraemer, FG Kinder-, Jugendhilfe und Sozialarbeit
Die öffentliche Hand hat immer weniger Geld zu verteilen, welche Auswirkungen hat das auf deine Einrichtung?
Die Entgelte für die Betreuungsleistungen wurden gekürzt und gleichzeitig erfolgte die Tariferhöhung für die Beschäftigten. Die Tariferhöhung wurde in freie Tage umgewandelt auf Vorschlag des Betriebsrats, denn die Geschäftsleitung setzte uns unter Druck, dass sie die Tarifsteigerung ohne Arbeitsplatzabbau nicht bezahlen könne. Die Verrechnung dieses zusätzlichen Urlaubs erfolgt im November und wird vom Weihnachtsgeld abgezogen, was eigentlich intelligent ist, weil die Steuer in dem Monat, in dem es Weihnachtsgeld gibt, am höchsten ist, so dass man diese freien Tage relativ preisgünstig kauft. Leider stellte sich später heraus, dass die Geschäftsleitung mit falschen Zahlen gearbeitet hat, denn es wurde sehr viel mehr eingespart, als nötig war. Die Anzahl möglicher unbezahlter Urlaubstage pro Jahr wird aber weiterhin erhöht, 2004 waren es neun Tage, jetzt sind es zwölf Tage.
Gibt es Einschnitte bei Neueinstellungen?
Hier gibt es sehr einschneidende Veränderungen, denn Neueinstellungen erfolgen immer noch mit 80 Prozent nach BAT-Ost, mit der geringsten möglichen Vergütung, mit nur 21 Tagen Urlaub im Jahr, ohne Feiertags-, Nacht-, und Wochenendzuschläge. Es scheint unmöglich zu sein, dagegen etwas zu machen. Wenn man das zusammenrechnet, dann erhält eine KollegIn im Monat nur noch 60 Prozent von dem, was sie nach dem alten Vertrag bekommen hätte.
Hat sich etwas an der Arbeitszeit verändert?
Kleinere Sachen, die verändert wurden sind z.B., dass wir jetzt eine neue Arbeitszeitregelung haben mit Arbeitszeitkonten, mit mehr Kontrolle. Wir haben früher die Dienstpläne selbst gemacht, das macht jetzt die Leitung. Das wird nicht funktionieren, weil die völlig überfordert sein wird. Es wird auch gerade eine neue Urlaubszeitregelung verhandelt und der Vorschlag des Arbeitgebers ist, dass wir im Vorjahr schon fast bist auf den Tag genau bis auf acht flexible Tage im Jahr den Urlaub planen sollen. Der Geschäftsführer sagt selbst, dass es ihm so leichter gemacht wird, jemanden zu kündigen, wenn der mit seiner Arbeitszeit mogelt. Es kam auch zur Äußerung, die Frauen sollten schwanger werden, die Leute sollten Survival-Urlaub machen, am besten Fallschirmspringen, weil er um jeden Mitarbeiter froh sei, der weg ist.
Wie wirkt sich das auf die tägliche Arbeit aus?
Starke Auswirkungen auf die tägliche Arbeit gibt es z.B. bei den Vertretungen. Die Vertretungsmittel wurden radikal gekürzt und deshalb wird weniger vertreten. Man gewinnt den Eindruck, jeder, der lange genug krank ist, ist für den Arbeitgeber die reine Freude. Denn wenn jemand aus der Lohnfortzahlung raus ist, kann man sparen. Dass sich dabei die Katze in den Schwanz beißt und am Ende der Krankenstand aufgrund der Vertretungssituation im Betrieb steigt, wird anscheinend billigend in Kauf genommen.
Was hat sich für die Menschen geändert, die ihr betreut?
Für die BewohnerInnen hat sich durch die Gesundheitsreform vieles verschlechtert. Sowohl durch die Rezeptgebühr als auch die Fahrkarte, die wird jetzt nicht mehr vom Amt bezahlt wird. Den BewohnerInnen stehen monatlich im Durchschnitt 60 Euro frei zur Verfügung. Wenn sie sich eine Monatskarte für 44 Euro kaufen und zum Hausarzt und zugleich zum Zahnarzt gehen müssen, haben sie durch Gebühren ein negatives Monatseinkommen.
Gibt es keinen Widerstand gegen diese verschlechterte Situation?
Zu wenig, es wird heute leider meiner Meinung nach immer mehr Repression in Kauf genommen, da generell die Wahrnehmung der eigenen Arbeitsqualität abhängig von der äußeren Situation ist, d.h. wenn sich die Welt in Arbeitsplatzinhaber und Arbeitslose aufteilt, so ist es für viele schon ein Stück Lebensqualität, überhaupt einen Job zu haben. Es wird erduldet, was man sich früher hätte nicht gefallen lassen, wogegen man sich mehr gewehrt hätte.
Die Medienstimmung gibt es auch her, dass man glaubt, "wir müssen Einschnitte machen". Gleichzeitig geht es unserer Einrichtung aber jetzt sehr gut, weil mit dem Druck gearbeitet wird. Man spart nicht nur so, dass man leben kann, um aus den roten Zahlen zu kommen, sondern man schafft die Stimmung, um sich auch Polster zu schaffen. Zum Beispiel ist es bei uns jetzt so, dass Neueinstellungen unter den miesen Bedingungen teilweise erfolgen, da die Gemeinnützigkeit auf dem Spiel steht. Klar ist, dass man in diesen Zeiten auch Leute findet, die unter diesen Bedingungen arbeiten, dann ist es eher eine Frage der Qualität.
Eine zweite Ebene ist, dass eine empathische Arbeitsweise erwartet wird, d.h. man soll mit den Bewohnern empathisch umgehen und gleichzeitig ist Anerkennung auf der Leitungsebene nicht vorhanden. Dadurch entsteht die Stimmung: Ihr seid zu teuer, ihr habt zu viele Stunden und am liebsten würden wir euch, zumindest teilweise, loswerden. Das ist natürlich eine systematische Demotivierung. Hinzu kommt, dass vom Träger immer mit der Insolvenz gedroht wird, um Einschränkungen durchzusetzen.
*Der Name ist der Redaktion bekannt.
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