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Flexible Schulanfangsphase, verlässliche Halbtagsgrundschule (VHG), offener und gebundener Ganztag...
Positiver Beginn einer Grundschulreform oder schon jetzt zum Scheitern verurteilt ?
Für die Senatsschulverwaltung und Herrn Böger gibt es keine Zweifel: Mit Beginn des Schuljahres startete Berlin „erfolgreich“ die größte Grundschulreform der Geschichte. Sechs Wochen nach Schulbeginn stimmt die GEW - BERLIN Herrn Böger nur in einer Hinsicht zu: Das Schulgesetz verpflichtet die Grundschulen in der Tat zu grundlegenden pädagogischen und organisatorischen Änderungen ihrer Arbeit. Damit endet aber auch schon die Übereinstimmung in der Beurteilung der Situation.

Die überstürzte und schlecht vorbereitete Umsetzung der Reformvorhaben belastet SchülerInnen, ErzieherInnen und LehrerInnen gleichermaßen. Täglich gehen bei uns und den Personalräten Anfragen, Beschwerden und Hinweise ein, die an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden können.

Zur flexiblen Schulanfangsphase und verlässlichen Halbtagsgrundschule

  • Die Abschaffung der Vorklassen und damit der Möglichkeit, Kinder um ein Schuljahr zurückzustellen, bei gleichzeitiger Einschulung aller Kinder im Alter von fünfeinhalb Jahren, führt zu einem hohen Anteil von Erstklässlern, die noch nie in einer Einrichtung betreut wurden. Der ursprünglich einmal zugesagte unterstützende Einsatz ehemaliger VorklassenleiterInnen) und ErzieherInnen ist auf Grund der unzureichenden Personalausstattung kaum möglich. Ein von der Senatsschulverwaltung als Beispiel ins Internet gestellter Stundenplan könnte nur funktionieren, wenn weder LehrerInnen noch ErzieherInnen erkranken würden.
  • Als weiteres, bisher völlig ungelöstes Problem erweist sich in den Klassen eins und zwei die fehlende sonderpädagogische Unterstützung für Kinder, die bisher an den Sonderschulen für Lernbehinderte unterrichtet wurden.
  • Völlig konträr zum pädagogischen Sinn der Schulanfangsphase steht die Anweisung nach Rundschreiben I Nr. 72/2005 zur Erhebung der Lernausgangslage. Auf Grundlage eines erst im August aus Brandenburg übernommenen  Testverfahren (ILeA), das bereits in den ersten Schulwochen Anwendung findet, werden Kinder bereits gleich zu Schulbeginn nach Leistung sortiert.

Zur offenen und gebundenen Ganztagsschule

Die Presse berichtete bereits ausführlich über den chaotischen Beginn der Ganztagsbetreuung an den meisten Schulen, wie

  • ein Drittel aller Baumaßnahmen sind auch sechs Wochen nach Schuljahresbeginn noch nicht abgeschlossen;
  • die räumlichen Bedingungen an den meisten Schulen ähneln eher einer Hühnerhaltung als einer pädagogisch sinnvollen Betreuung der SchülerInnen;
  • den meisten Schulen fehlen Räume (Doppelnutzung);
  • die Essensversorgung ist auf Grund oft zu kleiner Mensaräume nur im Schnelldurchgang möglich;
  • es haben immer noch nicht alle Eltern, die Anspruch hätten, die Bewilligung der Jugendämter zur Betreuung ihrer Kinder;
  • die Zusammenarbeit zwischen ErzieherInnen und LehrerInnen wird erschwert durch die Unkenntnis vieler Schulleitungen im Angestelltenrecht, Konzeptionen der Zusammenarbeit müssen erst noch entwickelt werden.

Auf einer Versammlung von Grundschul-KollegInnen in Neukölln wurde angesichts der desolten Situation an den Grundschulen des Bezirks folgende Protestresolution verabschiedet:

 Resolution:

Die Teilnehmer/innen der Neuköllner Veranstaltung „Erfolgreicher Start ins neue Schuljahr?" vom 26.09.05 sehen einen deutlichen Widerspruch zwischen den für die Grundschulreform proklamierten Zielen und der Wirklichkeit in unseren Schulen.

Die Erfahrungen der ersten Wochen zeigen, dass die angestrebte höhere Qualität unter den gegebenen Bedingungen nicht zu erreichen ist, sondern ins Gegenteil verkehrt wird. Von Tag zu Tag wird deutlicher, dass die Strategie des Senats „Wir wollen Alles und zwar sofort!" abgelöst werden muss durch ein Vorgehen nach dem Motto: "Wir wollen Alles, deshalb fangen wir jetzt mit dem ersten Schritt an."

Durch die Vielzahl neuer Anforderungen (z.B. vorgezogene Einschulung, VHG, Hortverlagerung an die Grundschule, flächendeckende Lernstandsanalysen) ist an den Schulen nicht das erwünschte Reformklima festzustellen, sondern eine für alle Beteiligte kaum zu ertragende Hektik und Unruhe im Schulalltag, die bei vielen betroffenen Kollegen/innen ihre Belastungsgrenzen überschreitet
Damit an den Grundschulen das notwendige Reformklima entstehen kann, ist es dringend notwendig,

  • dass mehr Erzieher/innen für die VHG zugewiesen werden. Andernfalls erhält sie eher den Charakter einer Verwahranstalt als einer pädagogisch geprägten Einrichtung,
  • dass mehr Räume für die außerunterrichtliche pädagogische Arbeit zur Verfügung gestellt und entsprechend ausgestattet werden, damit sich nicht 40 bis 50 Kinder einen Raum teilen müssen,
  • dass Lehrkräfte und Erzieher/innen Kooperationsstunde zur Planung gemeinsamer pädagogischer Konzeptionen und zur Vor- und Nachbereitung der einzelnen Stunden erhalten,
  • dass in der Schulanfangsphase sonderpädagogischer Förderbedarf überprüft und bei Bedarf durch sonderpädagogische Unterstützung Rechnung getragen wird,
  • dass die Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe in den Schulen institutionalisiert und mit den notwendigen Ressourcen abgesichert wird,
  • dass die nach dem neuen Schulgesetz vorgesehenen Lernstandsanalyse, die mit jedem Kind am Schulanfang durchgeführt werden soll, langfristig vorbereitet und die dafür notwendige Arbeitszeit durch Entlastung an anderer Stelle zur Verfügung gestellt werden muss. Die Anwesenden lehnen die jetzige Form der Erhebung ab, da sie nicht nur zeitaufwendig und zermürbend, sondern für Schulen im sozialen Brennpunkt völlig ungeeignet ist. Das aus Brandenburg übernommene Testverfahren entspricht in keiner Weise dem Wort- und Erfahrungsschatz unserer Schüler/innen.

Erst bei Erfüllung dieser Voraussetzungen lässt sich die VHG als eine pädagogische Einrichtung, in der eine an den Erfordernissen der Kinder ausgerichtete Vernetzung von Unterrichten, Erziehen und Betreuen stattfinden kann, entwickeln.
Die Anwesenden begrüßen die Ankündigung von Senator Böger, eine Konferenz über die aktuellen Probleme in den Berliner Grundschulen einzuberufen. Sie gehen davon aus, dass neben Verwaltung und Schulaufsicht auch in den Schulen tätige Lehrkräfte und Erzieher/innen an der Konferenz teilnehmen. Sie erwarten als Ergebnis, dass entweder die Bedingungen entscheidend verbessert oder die Reformmaßnahmen entsprechend zurückgeschraubt werden.

 

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