| Das Erdbeben hat in der Türkei nicht nur die Erde zum Wanken gebracht. sondern die gesamte Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Dabei kamen auch die eigentlichen Wunden der Gesellschaft zum Vorschein: Nationalistische, rassistische und islamistische Ideologien haben den Menschen den seit Jahrzehnten eingeredet, dass sie von Feinden umzingelt sind und ihr Überleben nur durch einen starken, autoritären Staat und eine Armee mit uneingeschränkter Machtfülle Gewährleistet werden kam. Korruption und Filz gediehen unter diesen Bedingungen besonders gut.
Am 17. August 1999, dem Tag des ersten Erdbebens, haben die Menschen jedoch erleben müssen, dass der starke, autoritäre Staat nicht einmal in der Lage war, die dringend benötigte Ersthilfe in den Erdbebengebieten zu organisieren. An seine Stelle traten freiwillige Helfer: Mediziner, Bauarbeiter, Industrielle, Mütter, StudentInnen, die nicht lange auf einen Befehl von oben warteten, sondern sich selbst organisierten und taten, was notwendig war. In den ersten Tagen haben sie erst die Verschütteten aus den Trümmern geborgen, für sauberes Wasser gesorgt und über das Internet ein Forum geschaffen, das seriöse Informationen über die Lage in den betroffenen Gebieten gab und bei der Suche nach Vermissten Unterstützung gab.
Hinzu kamen die vielen Helfer aus dem Ausland. Es mag als "normal" gewertet werden, dass der Nato-Staat Türkei in der Stunde der Not nicht allein gelassen wurde. Die Bevölkerung hat aber erlebt, wie z.B. Griechenland weit über das übliche Maß hinaus dem Nachbarn seine helfende Hand reichte. Griechische Helfer arbeiteten bis zur Erschöpfung in der Hoffnung, noch Überlebende unter den Trümmern bergen zu können. Und israelische Ärzte erlebten, dass Mütter aus Dankbarkeit ihre neugeborenen Töchter "Israil" nannten. Die Bevölkerung hat ihren Glauben an "die da oben, die schon alles richten werden" verloren. Dieses neue Bewusstsein wird politische Folgen haben: ein Zurück zu der Türkei vor dem Erdbeben wird es nicht mehr geben.
Hilfsaktionen für das Katastrophengebiet
Mittlerweile sind die Überlebenden notdürftig versorgt worden oder sind aus der betroffenen Region weggezogen. Finanzielle Hilfezusagen in Millionenhöhe kommen nicht nur von der deutschen Regierung und der EU, sondern auch von internationalen Unterstützern. Die private und gemeinnützige Körber-Stiftung ruft zu Hilfspatenschaften zwischen deutschen Schulen und Schulen in der Erdbebenregion auf. Die ersten 25 Schulen, die mindestens 2.000 Mark als Spende gesammelt haben, erhalten eine Aufstockung des Spendenbetrages um weitere 2.000 Mark. Weitere Informationen über die Körber-Stiftung, Kurt-A.-Körber-Chaussee 10, 21033 Hamburg, Tel. 040/72 50 25 12, Fax -39 22 oder über das
Internet.
Auf Bundesebene hat der Hauptvorstand der GEW über den Heinrich-Rodenstein-Fonds eine Soforthilfe von 50.000 DM für betroffene Kolleginnen und Kollegen und ihre Familien bereit gestellt. Weitere Geldspenden können auf das Konto des Heinrich-Rodenstein-Fonds bei der BfG Frankfurt, BLT 500 101 1, Konto-Nr. 1707 274 700 unter dem Stichwort "Türkei-Hilfe" eingezahlt werden.
Was planen wir?
Auf den ersten Blick scheint es ganz einfach zu sein: wir sammeln Geld und schicken es in die Türkei, um damit das Leid der Betroffenen zu mildern. Diese sehr nötige Hilfe leisten gegenwärtig die großen Hilfsorganisationen, die darin die nötige Erfahrung haben und auch eine entsprechende Infrastruktur. Diese Soforthilfe kann unser Landesverband kaum leisten. Deshalb rufen wir auf, weiterhin mit Spenden auf das Konto des Rodenstein-Fonds und der bekannten Konten den Menschen in der Türkei zu helfen.
Spenden werden aber noch sehr lange erforderlich sein, denn der Wiederaufbau der zerstörten Regionen wird Jahre dauern. Die GEW BERLIN will dabei helfen und gezielt Kinder und Jugendliche unterstützen. Zusammen mit unserer Partnergewerkschaft Egitim-Sen in der Türkei sollen Projekte entwickelt werden, um der aufwachsenden Generation Kenntnisse über die Zusammenhänge von Natur und menschlichem Handeln zu vermitteln.
Dabei wird eine Kooperation mit weiteren Nichtregierungsorganisationen (NGO) angestrebt. In Istanbul haben sich mehrere Dutzend NGO, die u.a. in den Bereichen Ökologie, Menschenrechte, Stadtplanung tätig sind, im "Sivil Koordinasyon Merkezi - SKM" (Ziviles Koordinationszentrum) zusammengeschlossen. Das SKM koordiniert auch die Unterstützungsangebote und die Nachfrage nach konkreter Hilfe und gibt über das Internet ausführliche Informationen (auch auf Englisch und Deutsch) über die aktuelle Lage in den betroffenen Gebieten. Bereits angelaufen ist das Projekt zur Errichtung eines Mutter-Kind-Dorfes. (Weitere Informationen: 00 90 21 22 49 oder im Internet)
Sobald die Vorarbeiten für die geplanten Projekte geleistet sind, werden wir sie in der blz vorstellen und dazu eine Spendenaktion starten.
Sanem Kleff
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