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Nr. 12 / 2007 Ohne Moos nichts los

Ohne Moos nichts los

Eine MES-Schule berichtet über Teamentwicklung

von Pit Rulff, Schulleiter der Ernst-Litfaß-Schule

Die Ernst-Litfaß-Schule hat sich vier Jahre am Modellvorhaben eigenverantwortliche Schule beteiligt. Sie hat sich verstärkte Teamarbeit zum Ziel gesetzt. Teamarbeit braucht Zeit, Raum und Entlastung. Ein gutes Beispiel dafür, dass ohne unterstützende Ressourcen Reformansätze auf halbem Wege stecken bleiben.

Zum Entwicklungsvorhaben Teamarbeit

Die MeS-Vereinbarung der Ernst-Litfaß–Schule sah vor, dass neue Teammodelle entwickelt und umgesetzt werden. Dafür durfte die Schule intern vom Organisationsrahmen abweichen. Im Schulprogramm steht dazu: „In der Teamarbeit sehen wir eine Schlüsselkompetenz für LehrerInnen und SchülerInnen, den Anforderungen in Ausbildung und Beruf gerecht zu werden. Wir wollen weg vom Einzelkämpfer, hin zum teamorientierten Arbeiten. Gegenseitige Wertschätzung ist dafür unabdingbar. Hierarchien sind durchlässig, alle arbeiten zusammen. Entscheidungsprozesse werden transparent gestaltet. Eine hohe Verbindlichkeit in Absprachen und Arbeiten ist ein wichtiges Merkmal der Teamarbeit. Die Inhalte stehen dabei im Mittelpunkt unserer Arbeit. Von zentraler Bedeutung ist die Entwicklung einer strukturierten Feedback-Kultur. Ein weiteres wichtiges Ziel ist eine zufriedenstellende und ergebnisorientierte Sitzungskultur. In diesem Sinne bilden sich alle in diesem Bereich fort. Die notwendigen Räume für Austausch zu schaffen ist auch eine materielle Frage: Teamräume und ein professionelles Wissensmanagement vor Ort gehören dazu. Die SchülerInnen sind als Lernende in diesen Prozess integriert. Sie arbeiten an der Entwicklung einer Streitschlichterkultur und einer SchülerInnenbeteiligung. Klassenübergreifender Unterricht und teamorientierte Aufgabenstellungen sind ebenso wichtige Bestandteile des Unterrichts wie die Förderung der Selbsteinschätzung der Schülerinnen. Die KollegInnen arbeiten alle in Fachteams, Klassenteams beziehungsweise Bildungsgangteams. Konferenzen, Studientage, Projekttage, kollegiale Hospitationen... werden in Teams vorbereitet und durchgeführt. Regelmäßige Fortbildungen zur Teamentwicklung sensibilisieren, schaffen Raum und begleiten diesen Prozess. Die SchülerInnen-KollegInnen-Interaktion wird durch gemeinsame Aktivitäten gezielt entwickelt: Gemeinsamer Sport, Bildungsfahrten und Feiern fördern die Kommunikations- und Teamkompetenzen.“

Teamarbeit ist kein Selbstzweck

Zwar schreibt das Schulgesetz fest, dass alle Lehrkräfte zur Teamarbeit verpflichtet sind. Die konkrete Umsetzung in die alltägliche Schulpraxis ist aber mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Gelernt haben wir in unserer Ausbildung nur wenig zu diesem Thema. Noch weniger haben wir Teamarbeit praktisch geübt. Lehrkräfte sind „traditionell“ individuell und einzelkämpferisch. Uns war allen klar: Es wird eine längere Zeit dauern, bis sich an der Ernst-Litfaß-Schule eine von allen Beteiligten geachtete und erwünschte Teamstruktur herausbildet. Viel gegenseitiges Vertrauen, Wertschätzung ist nötig, damit wir eine Feedback-Kultur entwickeln. Alle Entscheidungsprozesse müssen transparent sein. Dann müssen die gemeinsame Arbeit und die dabei getätigten Absprachen in den Teams verbindlich werden. Notwendig ist eine zufriedenstellende und ergebnisorientierte Sitzungskultur. Alle bilden sich in teamorientierter Kommunikation weiter. Teamverträge und Zielvereinbarungen mit der Schulleitung sollen die Arbeit, Aufgaben und Ressourcen für die jeweiligen Teams beschreiben und sichern. Für alle muss am Ende eines absehbaren Entwicklungsprozesses eine deutliche zeitliche und psychomentale Entlastung stehen. Im Schulalltag treten dann immer wieder praktische Schwierigkeiten auf.

Motivations– und Organisationskonzept als Grundlage

Durch externes Feedback, Fortbildungen und SchülerInnenbefragung wurde deutlich, dass durch die Teamarbeit die Spreizung in den LehrerInnen-Leistungen verringert und das Leistungsniveau insgesamt angehoben werden kann. Auf dieses Ziel gründet sich die organisatorische Überlegung der Teambildung. Das Ziel „Bessere Lernergebnisse der SchülerInnen“ ist besser überprüfbar als die Kompetenz der/s Einzelnen zur Teamarbeit. Zielsetzungen wie „Teamgeist zu entwickeln“ (§ 3 SchuIG) oder die „Kooperationspflicht von Lehrkräften“ (§ 8 und § 67 SchuIG) zielen auf die Organisationsform ab und nehmen nicht den Zweck „Bessere Lernergebnisse“ ins Visier.

Die Einführung der Teamarbeit bedeutet einen gravierenden und umfassenden Eingriff in die Organisationsstruktur der Ernst-Litfaß-Schule und in den Arbeitsalltag jeder einzelnen Lehrkraft. Diese gravierenden Eingriffe waren eingebunden in ein Organisationskonzept, das eine schrittweise Einführung der neuen Organisationsform sowie regelmäßige Auswertungen und Austausch der Erfahrungen gemäß bestimmter Entwicklungsphasen vorsah. Hierzu gehörte, dass zunächst einige Modell-Teams für die Umsetzung ausgewählt wurden. Die Auswahl basierte weitgehend auf Freiwilligkeit und sollte möglichst transparent sein. Nach einem vereinbarten Modellzeitraum wurden die Erfahrungen, Chancen, Nutzen, Risiken und Hemmnisse ausgewertet, um in einem nächsten Schritt zu einer Optimierung des weiteren Verfahrens zu kommen. Von der Auswertung der Fragen: „Wie haben sich die Teams organisiert, um zu besseren Ergebnissen im Unterricht zu kommen?“ und „Inwieweit hat sich das Lernen der SchülerInnen durch die Teamarbeit verbessert?“ sollten weitere Teams profitieren und motiviert werden.

Ohne Unterstützung keine nachhaltige Entwicklung

Im ersten Jahr 2005/06 hatten sich 13 Teams am OSZ gebildet. Die Teambildung erfolgte nach Bildungsgängen, nach Fächern und nach Zugehörigkeit zu Prüfungsausschüssen. Einige Teams haben sich nicht freiwillig gefunden, sondern wurden von der Abteilungsleitung auf Grund fach-und sachlicher Notwendigkeiten gebildet. Als erste Unterstützung wurde für jede Abteilung ein festes Zeitfenster von 13:50 bis 15:20 Uhr an zwei verschiedenen Tagen eingerichtet, wo die beteiligten Kolleginnen keinen Unterricht haben, sich also gemeinsam treffen können. Darüber hinaus wurden für das Startjahr alle Stundenressourcen gebündelt, um den komplizierten und zeitaufwendige Startprozess mit einer Entlastung von je einer Unterrichtsstunde zu begleiten. Das war durch die Beteiligung an MES möglich. Unsere Erfahrungen zeigen aber: Diese Unterstützung muss dauerhaft gewährt werden. Ohne sie blieben wir im zweiten Jahr auf halbem Wege stecken. Nachdem im zweiten Jahr die Stundenentlastung nicht verlängert werden konnte, brach der Teamprozess in vielen Teams zusammen. Auch das Zeitfenster wurde nur noch zu knapp 30 Prozent genutzt. Als positive Signale aus der Schulverwaltung ausblieben, wurde ein Antrag in der Gesamtkonferenz, einen gemeinsamen Präsenznachmittag in der Woche für Teamarbeit von 13:50 bis 17:00 Uhr bei Entlastung um eine Pflichtstunde anzubieten, auf unbestimmte Zeit vertagt. Vielleicht waren wir nicht mutig genug, unseren eigenen Weg weiter zu gehen gegen zentrale Regelungen in den Organisationsrichtlinien. Eines aber ist gewiss: Mit 100 Prozent Ausstattungen lässt sich nur Mangel verwalten. Entwicklung braucht erheblich mehr Unterstützung: 110 Prozent Personalausstattung in eigener Verantwortung und eine Verdopplung der Schuletats der Einzelschulen. So könnte Deutschland wieder Anschluss in Europa finden. Es fehlen im deutschen Bildungswesen jährlich 45 Milliarden Euro im Vergleich zu anderen entwickelten Staaten.

Was muss Berlin daraus lernen?

KollegInnen sind bereit, am Anfang zusätzliche Zeit zu investieren, wenn sie unterstützt werden und sich Arbeitsbedingungen verbessern. Unsere Schülerinnen stellen im Rahmen von interner und externer Evaluation fest: Lehrerinnenteams sprechen sich besser ab. Der Unterricht und die Lernergebnisse werden besser. Es lohnt sich also für alle Seiten, hier zu „investieren“. Die Schulverwaltung investiert für den Mehraufwand und die besseren Ergebnisse in eine Stundenabsenkung, die Schulleitung organisiert stabile Zeitfenster, Raum und Mittel und die Kolleginnen investieren in mehr Zeit vor Ort. Beim MeS gab es gute Ansätze und Ergebnisse. Kaum etwas davon wurde in der Fläche Berlins fortgeschrieben.

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