ErzieherInnen allein gelassen
Personalnotstand im sozialpädagogischen Bereich der Schulen
von Klaus Schroeder, Leiter Referat Jugendhilfe und Sozialarbeit
Die desolate Personalsituation in den sozialpädagogischen Bereichen der Grund- und Sonderschulen hat zu einer immer größer werdenden Zahl von Protesten geführt und auch zu zwei demonstrativen Akten, der beabsichtigten „Rückgabe“ des Merkmals der gebundenen Ganztagsschule durch die Holler-busch- und die Kronach-Grundschule. Beide Schulen haben festgestellt, dass sie mit der gegebenen Personalausstattung mit ErzieherInnen nicht klarkommen können.
Die schriftliche Reaktion der Senatsverwaltung ist ausgesprochen frech und arrogant. Nicht die unzureichende Personalbemessung sei das Problem, sondern dass die beiden Schulen wohl nicht in der Lage seien, sich zu organisieren.
Ähnliche Reaktionen ernteten Eltern, ErzieherInnen und Lehrkräfte einer anderen Grundschule, denen nach einem Protestbrief über die unzureichende Personalbemessung der ErzieherInnen die „Organisationsberatung“ ins Haus geschickt wurde. Wenn die Betroffenen sich an die Öffentlichkeit wenden, da alle internen Hinweise ungehört verhallen, möchte die Senatsverwaltung davon nichts hören. Sie reagierte darauf mit einem Maulkorberlass. Außerdem wurde für sämtliche Lehrkräfte eine Präsenzzeit von 8 bis 16 Uhr angeordnet.
Kostengünstige Vertretungsreserve
Bildungspolitisch könnte die Möglichkeit der Verzahnung von schul- und sozialpädagogischen Inhalten und Arbeitsweisen in einer gebundenen Ganztagsschule ein Fortschritt sein. In der Realität haben wir aber zu wenige gebundene Grundschulen und eine Personalausstattung mit ErzieherInnen, die eine Zusammenarbeit mit Lehrkräften erschwert bis unmöglich macht. Nicht selten müssen sich ErzieherInnen um 40 bis 50 Kinder in der Zeit außerhalb des Unterrichts kümmern. Langzeiterkrankte ErzieherInnen werden weiter mitgezählt, als ob sie noch einsetzbar wären. ErzieherInnen werden auch gerne als kostengünstige Vertretungsreserve für ausgefallene Lehrkräfte eingesetzt. Es ist daher kein Wunder, wenn sich die KollegInnen nicht wertgeschätzt in ihrer Qualifikation und ihrer Arbeit empfinden.
Bislang ist der zuständige Senator ebenso wenig wie sein Staatssekretär oder die Leitung der Abteilung II auf die Forderungen und die Vorschläge der GEW BERLIN oder der Betroffenen zur Verbesserung der Personal- und Bildungssituation in den Ganztagsschulen eingegangen. In einem Gespräch des Haupt-und Gesamtpersonalrats mit der Leitung der Abteilung II lehnte diese eine Verbesserung des Personalschlüssels für ErzieherInnen sogar ausdrücklich ab.
Öffentlichkeit schaffen
Gleichzeitig ist in der Öffentlichkeit noch zu wenig bekannt, dass aufgrund der unzureichenden Personalsituation immer mehr sozialpädagogische Angebote in den Schulen ausfallen. Die Pädagogik wird ersetzt durch reine Aufbewahrung der Kinder, womit deren Bildungs chancen geschmälert werden.
Diese desolate Personalpolitik müssen wir stärker in die Öffentlichkeit bringen. Unsere Stärken sind die Solidarität untereinander und die Bündnisse mit den betroffenen Eltern und den Kindern. Den Eltern ist an den Ganztagsschulen zunehmend bewusst, dass die Chancen ihrer Kinder wachsen, wenn sie durch die enge Verzahnung von Schul- und Sozialpädagogik gefördert werden. Die zuständige Senatsverwaltung würde in Sonntagsreden diese Absicht sicherlich unterstreichen. Es ist erstaunlich, wie sich in den letzten Jahren die Formulierungen des Senats über seine bildungspolitischen Absichten an die Formulierungen angeglichen haben, mit denen die GEW und die Fachleute seit Jahren den Ausbau der Grundschulen zu Ganztagseinrichtungen fordern. Aber Taten lässt der Senat dennoch nicht folgen.
INFOKASTEN
Herr Senator Zöllner, auf die Kleinen kommt es an!
Bildung von Kindern bedarf der gezielten Planung, Vorbereitung und Reflexion. Der derzeitige Personalschlüssel stellt diese Zeit nicht ausreichend zur Verfügung. Vollbeschäftigte ErzieherInnen benötigen zusätzlich mindestens fünf Stunden pro Woche für Vor- und Nachbereitung, Beobachtung und Dokumentation, Teamzeit, Elterngespräche und die fachliche Fortbildung. Die Kitas brauchen mehr ErzieherInnen! MitarbeiterInnenführung, Konzeptentwicklung und Qualitätsmanagement erfordern ebenfalls Zeit. Diese Leitungsaufgaben müssen heute größtenteils nebenher erledigt werden. Eine Kita mit 100 Kindern braucht wieder eine freigestellte Leiterin mit Vollzeitstelle. Jedem Kind muss die Zeit gegeben werden, die es zum Lernen benötigt. Dies muss die Gutscheinvergabe besser berücksichtigen. Sie darf sich nicht nur am Betreuungsbedarf der Eltern orientieren. Für eine angemessene Bildung und Förderung soll allen Kindern mindestens ein Teilzeitplatz angeboten werden. Wir fordern Herrn Zöllner, den Senat und das Abgeordnetenhaus auf, sofort die notwendigen Maßnahmen einzuleiten, damit unseren Kleinen eine angemessene Betreuung mit dem von allen gewollten Bildungsauftrag endlich erhalten. Die Zeit drängt, denn unsere Kinder können nicht warten.
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