Pilotphase Gemeinschaftsschule
Ein Überblick zum Stand der Dinge
von Marliese Seiler-Beck, Sprecherin des Runden Tisch Gemeinschaftsschule
Diverse Zeitungsartikel zum Thema Gemeinschaftsschule kann man getrost zur Seite legen, vor allem, wenn gegen die Pilotphase polemisiert wird. Es wird zum Teil versucht die Pilotphase Gemeinschaftsschule kaputt zu schreiben. Die in den Artikeln zitierten PolitikerInnen der parlamentarischen Opposition tragen mit dazu bei.
Chronologie des Bewerbungsverfahrens
Im Sommer 2007 nahmen weit über 50 Schulen am Interessenbekundungsverfahren zur Pilotphase Gemeinschaftsschule teil. Die Überraschung war groß. Kaum jemand hatte mit einer so großen Anzahl interessierter Schulen gerechnet. Noch vor den Sommerferien fand eine erste Konferenz mit den interessierten Schulen statt. Nur wenige Schulen hatten bis zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, die Teilnahme an der Pilotphase intensiv zu diskutieren. Dies geschah nach den Sommerferien. Die Senatsschulverwaltung gab allen interessierten Schulen eine gestufte Orientierung, ob sie eine Bewerbung empfiehlt bis zu der Bewertung, dass sie eine Bewerbung nur sehr eingeschränkt empfiehlt. Entscheidend war unter anderem, welche Konzepte zur Lernförderung in heterogenen Gruppen die Schulen verwirklichen wollen. Die Schulen konnten sich bis Ende September entscheiden, ob sie sich offiziell für die Teilnahme an der Pilotphase bewerben oder nicht. In den meisten Fällen votierten die Schulkonferenzen einstimmig für eine Bewerbung. Einige Schulen entschieden sich dafür, einen Einstieg in die Pilotphase erst ein Jahr später zu wollen. Bis Anfang November trafen die Voten der Schulträger bei der Senatsschulverwaltung ein, ob sie die Bewerbung der Schulen für die Pilotphase ebenfalls befürworten oder nicht. Nach den Sitzungen der Projektgruppe und des Beirats, den beiden Beratungsgremien, entscheidet dann die Senatsschulverwaltung, welche Schulen an der Pilotphase teilnehmen. Im Dezember findet in Vorbereitung auf den Start im nächsten Schuljahr die erste Fortbildung für die ausgewählten Schulen statt. Im zweiten Halbjahr finden schulinterne und weitere vernetzte Fortbildungen statt. Die Pilotphase wird wissenschaftlich begleitet. Die Ausschreibung für Interessenten erfolgte europaweit. Die Entscheidung, wer den Zuschlag für die wissenschaftliche Begleitung erhält, wird ebenfalls im Dezember getroffen.
Folgerung: Die Pilotphase läuft schon jetzt erfolgreich, in einer straffen, aber sehr strukturierten Art und Weise. Wir können alle dazu beitragen, dass unsere Uralt-GEW Forderung „Eine Schule für alle“ umgesetzt wird. Das ist unsere Chance.
Da ist ja kein Gymnasium dabei!
Dürfen Schulen nur dann Interesse an Veränderung zeigen, wenn sie alle Ideen sofort umsetzen, ob sie dabei unterstützt werden oder nicht? Es bleibt offen, ob Schulen, die Interesse an der Pilotphase zeigen, aber feststellen, dass das Vorhaben nicht kompatibel mit ihren Vorstellungen ist, ihrer Schule oder der Pilotphase schaden, wenn sie nicht auch sofort mitmachen.
Die vielen Veränderungen in den letzten Jahren bedeuteten für die Kollegien Mehrarbeit. Trotzdem gehen mehr als 50 Schulen noch einen Schritt weiter, wollen mit ihrem Interesse oder ihrer Bewerbung praktizierte Chancengleichheit erreichen. Sie nehmen in Kauf, dass sich zumindest in der Anfangszeit die Arbeitsbelastung erhöht. Diesen Kollegien wird in der journalistischen Bewertung und durch die parlamentarische Opposition zum Teil nicht besonders viel Achtung und Respekt entgegengebracht. Begründung: Sie arbeiten ja nicht an einem Gymnasium. Es bleibt zu fragen, ob die Bewertung der Pilotphase gemäßigter ausgefallen wäre, wenn sich wenigstens ein Gymnasium beworben hätte. Oder hätten es 100 Gymnasien sein müssen, damit die Bewerberschulen nicht abgewatscht werden? Wer hat eigentlich etwas davon, eine zukunftsweisende Idee zu zerreden, ihr noch nicht einmal eine Chance zu geben? Welche Argumentation hätte man aus der Hutschachtel gezogen, wenn sich doch ein Gymnasium beworben hätte? Welche Ladenhüter-Argumente lagen wohl in petto, wenn sich keine Realschule, Gesamtschule, Hauptschule oder Grundschule beworben hätte?
Unter den Preisträgern des deutschen Schulpreises 2006 befand sich kein Gymnasium, ausschließlich integrative Schulen wurden ausgezeichnet, so auch die Offene Schule Kassel-Waldau, eine Gesamtschule ohne gymnasiale Oberstufe. Sie konnte die besten Ergebnisse in Leistungstests nachweisen, praktizierte Hochbegabtenförderung und hat jedes Jahr mindestens viermal soviel Anmeldungen, als sie SchülerInnen aufnehmen kann.
Wie geht es weiter?
Wir wissen es alle: Nichts wird so bleiben, wie es ist, vor allem nicht im Schulwesen. Wahrscheinlich haben die Ergebnisse aus PISA; TIMMS, VERA, der jährliche OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“ und auch die Kritik des UN-Sonderberichterstatters Munoz am deutschen Bildungssystem, das er als selektiv, diskriminierend und undemokratisch bewertet, dazu beigetragen, dass ein Stillstand im Bildungswesen nicht mehr möglich ist. Erfahrungen und Erkenntnisse der „Leuchtturmschulen“ sowie die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen vieler ErziehungswissenschaftlerInnen tragen zudem zur Veränderungsnotwendigkeit bei. Viele von uns im Schuldienst drängen nicht nach Veränderung, wenn diese nur nach Mehrarbeit schmeckt. Die Angst vor Veränderung ist allgegenwärtig, dies ist kein Spezifikum von uns LehrerInnen. Aber viele von uns merken, dass auch das Einzelkämpfertum, für das wir ausgebildet wurden, Kräfte zehrend, frustrierend und viel zu ineffektiv ist. Die meisten von uns wollen mehr als nur Fachwissen einbläuen. Aber wie? Dafür sind wir weder an der Universität noch in der zweiten Ausbildungsphase vorbereitet worden. Die möglichen Fortbildungsangebote für die Pilotphase können Anregungen bieten und sollten für alle Interessierten offen sein. Natürlich bietet das LISUM schon vielerlei in dieser Richtung an.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir, dass das Projekt Gemeinschaftsschule mit dem Wohlwollen der Unterstützer und der Widersacher startet, dass alle, aber besonders die Widersacher, die Kinder in den Fokus stellen, dabei jede einzelne SchülerIn im Auge behalten, dem Projekt Zeit und Entwicklung gönnen und die Prozesse wohlwollend-kritisch begleiten. Entwicklungsprozesse in der Schule wie in der Wirtschaft dauern Jahre. Nach fünf bis zehn Jahren können Veränderungen evaluiert werden.
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