Der Bockigkeit vorbeugen
Offener Brief an Peter Heyer zu seiner Philippika „Reformbremse Gymnasien“
von Wolfgang Harnischfeger, Vereinigung der Berliner Schulleiter in der GEW (VBS)
Lieber Peter!
Bei allem Engagement sollten wir uns nicht gegenseitig den guten Willen absprechen. Moralpredigten haben noch selten etwas anderes bewirkt als Bockigkeit und das Ende der Kommunikation.
Die GEW hat 1500 Mitglieder an den Gymnasien. Wie steigere ich „kein“, um der kalten Wut Ausdruck zu verleihen? „Keines, nicht eines“ der Gymnasien will Gemeinschaftsschule werden. Na klar, das hängt an der „vordemokratischen Tradition“, nicht von gestern, sondern von „vorgestern“ – und an den „nicht wenigen Eltern“, aber Rettung naht, sie werden allesamt trotz ihres elitären Anspruchs am Umlernen nicht vorbeikommen. Runter mit der Pickelhaube und her mit der demokratischen Gemeinschaftsschule, die mit vielen „sollte und müsste“-Konstruktionen, ohne einen einzigen inhaltlichen Gedanken übrigens, dagegengestellt wird. Dass die Gymnasien da nicht mitmachen wollen, ist ja auch kein Wunder bei Pädagogen, die, „wann immer die Schule der Meinung ist“, entscheiden: „Du ja, du nein!“. Peter, was soll man da als Angesprochener denn noch sagen? „Stimmt nicht, nachts nie und in den Ferien auch nicht!“? Damit sprichst du den Gymnasiallehren jegliche Pädagogik und jegliche Bemühung um die Kinder ab.
Peter, du hast kein Recht dazu, uns GymnasiallehrerInnen mit Vokabeln wie „undemokratisch, unakzeptabel, unwürdig, unpädagogisch“ zu bezeichnen. Wer uns in diese Ecke stellt, hat den Anspruch auf ein Gespräch verwirkt. Alle Kinder brauchen gute und engagierte LehrerInnen, und die findest du am Gymnasium wie an jedem anderen Schulzweig. Das Gymnasium hat sich in den letzten Jahren stärker gewandelt im Sinne von mehr Zugewandtheit den Kindern gegenüber als jede andere Schulart, aber das weißt du nicht, weil du über eine Institution und die in ihr arbeitenden Menschen urteilst, ohne sie zu kennen, vermutlich auf dem Erlebnishorizont deiner eigenen Schulzeit in der Mitte des letzten Jahrhunderts.
Mich erinnert das alles sehr an die Freund-Feind-Diskussionen der siebziger Jahre. Ich beteilige mich daran nicht mehr, weil sie schon damals eine Fehlersuche verhindert und manches im Schulbereich schlechter gemacht haben, als es nach unserem damaligen Wissens- und Kenntnisstand hätte sein müssen.
Und Peter, als Letztes: Es ist nicht so, dass „nicht wenige“ Eltern und „Teile der Öffentlichkeit“ am Gymnasium festhalten, sondern es ist die Mehrzahl der Eltern und die überwiegende Öffentlichkeit. Frag dich mal, warum, und frag gleich weiter, ob du der heimliche geistige Vater dreißig neuer Privatschulen in Berlin sein willst. Mit dem letzten Halbsatz habe ich jetzt deinen Diskussionsstil aufgegriffen, jetzt frage ich dich mal, ob du dich so behandelt wissen willst. Du wirst diesen Gedanken empört zurückweisen, und zwar zu Recht. Deshalb schlage ich dir vor, wir gehen zurück auf Los und setzen voraus, dass es mehr als einen Weg gibt, Kinder und Jugendliche so gut wie möglich und ihren Anlagen entsprechend zu fördern.
|