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Nr. 12 / 2007 Warum in Berlin kein Gymnasium Gemeinschaftsschule werden will

Warum in Berlin kein Gymnasium Gemeinschaftsschule werden will

Nicht das Gymnasium, sondern die mangelnde Ausstattung ist problematisch

von Rose-Marie Seggelke, Vorsitzende der GEW BERLIN

Peter Heyer ist schwer enttäuscht. Das merkt man seinem Beitrag „Reformbremse Gymnasium“ in der Oktober-blz deutlich an. Kein Berliner Gymnasium möchte derzeit am Pilotprojekt Gemeinschaftsschule teilnehmen. Seine Befürchtung, dass damit das Reformprojekt gebremst wird, teilen wir in der GEW BERLIN nicht. Wir sind sicher, die Gemeinschaftsschule wird kommen, auch wenn die Gymnasien zurzeit noch skeptisch sind. Niemand in der Ahornstraße hatte ernsthaft damit gerechnet, dass zum Kreis der Interessierten im ersten Durchgang Gymnasien gehören, die Gemeinschaftsschulen  werden wollen Warum auch? Die Bedingungen, unter denen Gemein-schaftsschule in Berlin erprobt werden soll, sind denkbar schlecht. Die geplante personelle Ausstattung der Pilotschulen reißt niemanden vom Hocker. Die Skepsis, ob so Gemeinschaftsschule erfolgreich erprobt werden kann, ist mehr als angebracht, und das nicht nur bei GymnasialkollegInnen.

Berechtigte Skepsis

Die Berliner Gymnasien sind bereits heute, nach der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur, Ganztagsschulen geworden, weil der Unterrichtsbetrieb bis in die Nachmittagsstunden ausgedehnt werden musste. Trotzdem gibt es an keinem Berliner Gymnasium bislang zusätzliches sozialpädagogisches Personal, das sich um die SchülerInnen kümmert. Wenn überhaupt eine Mahlzeit angeboten wird, ist das einzig und allein der Initiative engagierter KollegInnen und Eltern zu verdanken. Weder Räume noch zusätzliches Personal werden seitens der Senatsverwaltung dafür bereitgestellt. Auch Zöllners gebetsmühlenartig wiederholte Appelle, Schülerinnen und Schüler in jeder Schulform individuell zu fördern, stellen die GymnasialkollegInnen vor schwerwiegende Probleme. Individuelle Förderung darf nichts kosten. Zusätzliches Personal ist nicht vorgesehen. Wie – bitteschön – soll die individuelle Förderung in einer siebten Klasse mit bis zu 35 Kindern –in den Gymnasien durchaus der Nor-malfall – gestaltet werden? Dass in dieser Situation im Probehalbjahr auch Kinder auf der Strecke bleiben müssen, die durchaus „abiturfähig“ sind, sollten wir nachvollziehen können. Wirklich gute Schule braucht mehr Personal, sowohl Lehrkräfte als auch Sozialpädagoginnen. Dass hier die Gymnasien aufgrund ihrer negativen Erfahrungen der letzten Jahre besonders skeptisch sind, müssen wir akzeptieren.

Ohne Zweifel: Es gibt an den Gymnasien immer noch zu viele reformunwillige, strukturkonservative Kolleginnen und Kollegen, die die Gemeinschaftsschule kategorisch ablehnen, ohne sich mit ihr inhaltlich je auseinandergesetzt zu haben. Aber an denen wird die Gemeinschaftsschule nicht scheitern.

Wenn sie scheitert, dann weil man ein erfolgreiches Modell aus den skandinavischen Ländern übernehmen will, das allerdings kaum einen Cent mehr kosten darf als das herkömmliche Schulsystem.

INFOKASTEN

Ringvorlesund "Gemeinschaftsschule" gestartet


Am 25. Oktober eröffnete Ulf Preuß-Lausitz die von ihm initiierte Ringvorlesung zum Projekt „Gemeinschaftsschule“ an der TU Berlin. Unter den Zuhörern mischten sich leicht angegraute Veteranen aus den Schützengräben der Berliner Schulpolitik mit – leider noch zu wenigen – Studenten. Ulf Preuß-Lausitz hat bereits die Berliner Gesamtschulentwicklung mit seinen Forschungen und Publikationen über Jahrzehnte begleitet. So konnte er in seinem einleitenden Vortrag das Projekt „Gemeinschaftsschule“ einordnen als neuen, überfälligen Versuch, die eklatanten strukturellen Mängel des deutschen Schulsystems zu überwinden. Wie bei der Gesamtschule geht es wieder darum, eine Schule zu schaffen, die

  • alle schulische Abschlüsse anbietet
  • soziale Ungleichheit kompensiert
  • unter einer heterogenen Schülerschaft soziale Kohäsion fördert
  • praxisorientiertes, projektbezogenes und die auf der Eigentätigkeit der Schüler beruhendes Lernen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt
  • auf der Zusammenarbeit pädagogischen Personals aller Kategorien beruht
  • in Inhalten und Abschlüssen international anschlussfähig ist.

Am 10. Januar 2008 wird Anne Ratzki, lange Jahre Leiterin der Gesamtschule Köln-Hohlweide, die Erfahrungen einer vom Standardmodell abweichenden deutschen Gesamtschule zur Diskussion stellen. Bereits im November hat Rainer Domisch über die finnischen Erfahrungen gesprochen. KollegInnen aller Schularten sollten diesen Impuls der Wissenschaft für Schulpolitik und pädagogische Praxis für sich nutzen und zahlreich teilnehmen! Thomas Isensee

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