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Nr. 12 / 2007 Unterricht am Limit – 100 Prozent daneben

Unterricht am Limit – 100 Prozent daneben

Wie Senator Zöllner Unterrichtsausfall verhindern will

von Hartmut Schurig, stellvertretender Vorsitzender der GEW

Natürlich wird der Unterrichtsbetrieb noch nicht zusammenbrechen, wenn aus Mangel an Personal Klassen und Kurse zusammengelegt werden, wenn die Klassen voller werden, wenn Förder- und Integrationsstunden zugunsten der Absicherung von Vertretungsunterricht entfallen, wenn der Chor, die Arbeitsgemeinschaft und das Projekt für die Unterrichtserteilung geopfert werden, weil es andere Reserven nicht mehr gibt. Der sogenannte „Zusatzbedarf“ – die neue Kreation des Senators – wird zuerst abgeschmolzen, bevor Unterrichtsausfälle drohen.

Doch ist das die Schule, die wir wollen? Ist es das, was Mütter und Väter von der Schule für ihre Kinder erwarten? Nein, wir wollen Bildungsqualität und nicht nur die formale Absicherung von Unterrichtsstunden.

Unterricht am Limit hat uns Senator Zöllner verordnet. Das bedeutet, 100 Prozent Lehrerversorgung reichen für eine gute Schule aus – meint der Senator. Mit den zusätzlichen drei Prozent Vertretungsreserve könnten aktuelle Lü cken geschlossen werden. 100 Prozent, das klingt ja auch erst mal wie „vollständig“ oder wie „ausreichend“. Und dann zusätzlich noch drei Prozent Reserve, das muss doch einfach reichen!

100 Prozent sind ein Problem

Nur leider hat dieses scheinbar einleuchtende Bild mit der Praxis wenig zu tun.

Erstens: Nachweislich hatten zu den Herbstferien 43 Prozent der Berliner Schulen diese 100-Prozent-Ausstattung nicht zur Verfügung.
Zweitens: Fast nie sind an einer Schule alle KollegInnen an Bord. Immer gibt es Vertretungsbedarf.
Drittens: Bei Einrechnung derer, die wegen langfristiger Erkrankung keinen Unterricht erteilen können, liegt der Vertretungsbedarf im statistischen Mittel bei 10 Prozent. 3 Prozent Reserve können nicht ausreichen! Daher fordert die GEW diese 10 Prozent.
Viertens: Die 3 Prozent Vertretungsreserve des Senators sind gar nicht da! Sie sind in dem Moment, wo sie gebraucht werden, noch gar nicht an der Schule verfügbar, weil sie durch stundenweise Ersatzeinstellungen erst beschafft werden müssen.

Schwarzer Peter für die Schulleitung

Was also passiert, wenn in der hundertprozentig ausgestatteten Schule plötzlich eine Kollegin wegen eines Arbeitsunfalls ausfällt und sich ein zweiter Lehrer krank meldet? Den Schwarzen Peter hat nun die SchulleiterIn. Sie wird Unterricht ausfallen lassen müssen oder Vertretung anweisen oder Zusatzbedarf irgendwie verfügbar machen. Ersteres macht sich ganz schlecht in der Statistik (sie musste doch eine Zielvereinbarung unterzeichnen), Vertretung ist bei hundertprozentig eingesetzten LehrerInnen auch schwierig (Mehrarbeit?), Abschmelzung des Zusatzbedarfes geht immer mit Qualitätseinschränkungen einher. Es hilft nichts, erst mal muss vertreten werden.
So werden ganz schnell die nächsten verschlissen, die Krankheitsspirale nimmt ihren Lauf. Für die notwendige Ersatzeinstellung hat sich die Schulleiterin schon die Finger wund telefoniert und am Ende doch niemanden gefunden...

Arbeitsentlastung à la Zöllner

Unterricht am Limit heißt auch: Die Kraftreserven sind aufgebraucht. Das haben die KollegInnen vor einem Jahr in ihren Personalversammlungen deutlich gemacht, dass es so nicht weitergehen kann. Auf die entsprechenden Resolutionen und Beschlüsse hat der Senator verbal mit sehr viel Verständnis reagiert und mehrere Kommissionen eingerichtet. Eine davon sollte nach Möglichkeiten der Arbeitsentlastung durch Entbürokratisierung suchen, eine andere die Lehrkräfteplanung kritisch beleuchten und Verbesserungen vorschlagen. Im Sommer war es dann soweit. Zöllner präsentierte die Ergebnisse der beiden Arbeitsgruppen und ging sogleich an deren Umsetzung. Sie sollten zu einer spürbaren Entlastung im Schulalltag führen. Na endlich, seufzt man im Lehrerzimmer und studiert das Rundschreiben... Die Kurzeinschätzung kann nur lauten: Thema verfehlt, ungenügend! Wo ist die Arbeitsentlastung beim Erstellen von Bildungs- und Förderplänen, beim Beantragen und Abrechnen von Schülerfahrten, bei der externen Dateneingabe der Ergebnisse von Klassenarbeiten, bei Abiturgutachten, Protokollen, IT-Lösungen, Statistiken?

Zöllner schätzte in seiner Presseerklärung vom 2. Juli, dass die Lehrkräfte im Durchschnitt um 20 bis 30 Stunden Zeitstunden im Jahr entlastet würden, beziehungsweise um durchschnittlich mindestens zwei Prozent ihres Arbeitspensums. „In diesem Umfang haben Berliner Lehrer künftig mehr Zeit und Kraft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Unterricht und die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen.“

Mit einem Papier der AG Lehrerarbeitszeit kann jede Kollegin einmal für sich berechnen, wie groß die Arbeitsentlastung durch diese entbürokratisierenden Maßnahmen tatsächlich ist.

Anstelle von mehr Zeit und Kraft ist eher zu befürchten, dass die neue Qualität der Personalpolitik zu weiterem Verschleiß und zu weiterer Demotivierung führen wird. Da braucht es auch keine Senatsarbeitsgruppe, die nach Ursachen für die erhebliche Erhöhung des Krankenstandes sucht. Diese Ursachen liegen auf der Hand: Erhöhung der Pflichtstundenzahlen, Streichung der Abminderungen (gerade für Ältere), Verdichtung der Arbeit durch immer neue Aufgaben und nun die Streichung jeglicher Vertretungsreserve vor Ort.
Das ist 100 Prozent daneben!

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