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Nr. 12 / 2007 Nichts ist illusionär, nichts verklärend

Nichts ist illusionär, nichts verklärend

Für ihr Buch „In Berlin vielleicht“ erhält Gabriele Beyerlein den Heinrich-Wolgast-Preis

von Ute Wolters und Cassen-Jan Harms, AG Jugendliteratur

Die promovierte Psychologin Gabriele Beyerlein erhält den mit 4.000 Euro dotierten Heinrich-Wolgast-Preis 2008. Beyerlein hat in der sozialwissenschaftlichen Forschung gearbeitet, bis sie durch das Erzählen für ihre Kinder ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte. Seit 1987 hat sie eine Reihe historischer und prähistorischer Abenteuerromane für Kinder und Jugendliche veröffentlicht, fantastische Literatur sowie Erstleser-Erzählungen. Weitere Informationen auf ihrer Homepage unter www.gabriele-beyerlein.de

Das preisgekrönte Buch

Beyerlein erhält den Wolgast-Preis für ihr Jugendbuch „In Berlin vielleicht“, das 2006 im Thienemann-Verlag erschienen ist. Dieser Berlin-Roman ist eine Geschichte des Kaiserreiches von unten – und Berlin steht hier stellvertretend für alle Städte, in die die jungen Mädchen vom Lande zogen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen: Lene, 14, ist seit sechs Jahren im Haushalt des Dorflehrers als Kindermädchen und unbezahlte Hilfe für die Lehrersfrau beschäftigt, ihre ledige Mutter arbeitet auf unterschiedlichen Höfen, ist hart geworden durch ihr Schicksal und kann dem Kind kaum Zuneigung zeigen. Sie ist ein schwärmerisches junges Ding, das hart und selbstständig zu arbeiten gelernt hat, ohne das besonders belastend zu finden. Nach der Konfirmation kann sie nicht mehr bei der Lehrerfamilie bleiben, weil sie ab jetzt Anspruch auf Bezahlung hat, die sich der Lehrer nicht leisten kann. Im Dorf mag Lene nicht bleiben wegen der Verachtung, die man dem unehelichen Mädchen zeigt. In der Großstadt Berlin findet sie eine Stelle als Hausmädchen bei einem Polizeioffizier. Hoffnungslos ausgebeutet, kündigt sie und bekommt eine Traumstelle als Hauswirtschafterin bei einem adligen Oberst. Sie bekommt genug zu essen, darf frei wirtschaften und zeigt sich trotz ihrer Jugend den Anforderungen gewachsen. Erst als der Oberst gegen seine homosexuelle Neigung heiratet und Lene von ihrem Freund, einem mittellosen Arbeiter, schwanger wird, muss sie ihre Stelle verlassen, hat aber das Glück, eine Entbindungsanstalt der Charité zu finden und einen Bäckerhaushalt, in dem sie durch ihre Arbeit einen Platz für sich und ihr Kind gewinnt.

Verdient macht sich Gabriele Beyerlein durch die Nähe, die sie zu diesem Mädchen aufbaut. Lene ist ein starkes Mädchen, das immer wieder an der menschenfeindlichen Situation zu zerbrechen droht, dennoch einen Ausweg findet und sich durchsetzt. Vielerlei wird geschildert, was unsere Kinder heute nicht mehr kennen, unbedingt aber kennen lernen sollten: Die Arbeitsbedingungen, die Herrschaftsverhältnisse, die doppelte Moral der kaiserlichen Gesellschaft, der Kampf gegen Vorurteile, der beginnende Klassenkampf der Jahrhundertwende. Aber auch etwas von der Geschichte der Sozialdemokraten, den Sozialistengesetzen, den Verfolgungen und Ängsten der Sozialisten der Jahrhundertwende liest man hier, unaufdring-lich und eher nebenbei. Dadurch aber, und weil es personalisiert ist, bleibt es eher haften als reine Sachinformationen. Und lesen lässt es sich wie ein Krimi, ein Abenteuerroman, weil die Lene ein schlüssiger Charakter ist, ein Mädchen, das erst noch sucht, träumt, schwärmt, leidet, hungert und arbeitet, zunehmend aber wächst und ihren Platz in der Gesellschaft findet. Nichts ist illusionär, nichts verklärend. Gabriele Beyerlein bleibt mit beiden Füßen auf dem Boden der Geschichte – und vergisst auch nicht die alten Hausrezepte zur Pflege von Teppichen und Mobiliar zu erwähnen.
Zu einer Geschichte für Jugendliche gehört auch ein Happy End. Das gibt es hier nur in eingeschränktem Maße: Für die Menschen von fast ganz unten war das nur scheinbar erreichbar. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre ab 12 Jahren.

„In Berlin vielleicht“ ist der erste Band einer Trilogie über Frauenschicksale im deutschen Kaiserreich. Der zweite Band „Berlin, Bülowstr. 80 a“, der 2007 erschienen ist, schildert ähnlich intensiv den Umbruch von Frauenrollen in einer verarmten adligen und aufstrebenden bürgerlichen Familie. Der dritte Band soll 2008 folgen.

Feierliche Preisverleihung im Grips-Theater

Das Bildungs- und Förderungswerk der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im DGB e.V. überreicht den mit 4.000 Euro dotierten Literaturpreis bei einem Festakt am 28. April 2008 im Berliner Grips-Theater. Der Preis wird überreicht vom GEW-Vorsitzenden Ulrich Thöne.

Das Bildungs- und Förderungswerk (BFW) der GEW hat den Heinrich-Wolgast-Preis im Jahr 1986 gestiftet, um die Darstellung der Arbeitswelt in der Kinder- und Jugendliteratur zu fördern. Ausgezeichnet werden Werke, die sich in beispielhafter Weise mit Erscheinungsformen und Problemen der Arbeitswelt auseinandersetzen.

Gabriele Beyerlein wird bei Interesse auch zu Lesungen in die Schulen in Berlin und Umgebung kommen. Wenn Klassen sich für das Preisbuch und eine Lesung interessieren, bitte Kontakt aufnehmen über E-Mail: woltersu@freenet.de.

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