Aufführungen kritisch gesehen
Hans-Wolfgng Nickel
No limits (ein Festival mit integrativen Ensembles, mit geistig behinderten und nicht behinderten Künstlern, 2007 schon zum dritten Mal) wurde mit „Alice in den Fluchten“ vom Theater Rambazamba eröffnet: dramaturgisch wundervoll reich, spielerisch durch Temperament und Präzision überzeugend, optisch und akustisch voller Überraschungen – leicht überfordernd durch die Fülle der Anspielungen. Vor allem aber: musterhaft, wie dicht und genau die Inszenierung „dran“ ist an ihrem Ensemble (bzw., umgekehrt formuliert, wie kunstvoll und einfühlsam die Regisseurin die Aufführung aus den SpielerInnnen entwickelt).
Das genaue Gegenbeispiel war „Fondamenti di Difettologia“ aus Italien: inhaltlich wie formal ungenügend, eine abstoßende Mischung aus Theorie (10 eher unverständliche „Fundamente“ werden nacheinander projiziert) und uneinsichtigen, unmotivierten Handlungen, mit ritueller Langsamkeit zelebriert.
Das zweite Gastspiel aus Italien dagegen formschön und inhaltsreich, ein sinnlicher und sinnvoller Genuss trotz des Themas. „Diese grausame Finsternis“ ist nämlich ein moderner Totentanz, basierend auf Tagebüchern des aidskranken Amerikaners Harald Brodkey (posthum veröffentlicht als „Die Geschichte meines Todes“), umgesetzt in ruhige Bewegungen, wundervoll klare und reizvolle Bilder.
Dazu noch eine ästhetisch-didaktische Bemerkung. In beiden italienischen Gastspielen dominiert der Regisseur mit seinem Ausdruckswillen; die wenigen behinderten Spieler haben sich in die integrativen Ensembles einzuordnen und präzise, von außen bestimmte Rollen zu spielen: im ersten Fall werden sie eher herumgeschubst und seitlich abgestellt; im zweiten haben sie reizvolle, passende Spielaufgaben. Ganz anders also als Rambazamba, bei dem sich das Stück erst aus Ausdruckswillen und Ausdrucksmöglichkeiten des Ensembles entwickelt!
Einen Mittelweg geht das Züricher Theater Hora in „Herz der Finsternis“. Ein Gastschauspieler erzählt als „Solist“ den Roman von Joseph Conrad (leider die ganze Geschichte – das wird arg lang und ist eigentlich unnötig); das Behinderten-Ensemble hört zeitweilig nur zu, kommt immer wieder aber in eindrucksvollen Bildern zu intensivem Spiel.
Den Abschluss des Festivals bildete der Berliner Circus Sonnenstich mit „Varieté Olé“: ein ungetrübtes Vergnügen, ein Augen- und Ohrenschmaus, ein Nummern-Programm mit vielen kurzen Spannungsbögen, die durch Tempo und Musik zu einem großen Gesamt zusammengeschlossen werden. Es gibt viele kleine Regiehilfen, die über die ‚Nummer’ und das Akrobatische hinausweisen; es gibt neben Tempo und Witz rührend-besinnliche Szenen: das Spiel mit Uhr und Zeit; das kleine Lied vom fernen „Bonny“. Spezifisch für alle Szenen sind Hingabe und liebevolle Achtsamkeit, mit der die jungendlichen Akteure rollen, jonglieren, Pyramiden bauen, miteinander umgehen – und spielen!
„Room Service“ in der Schaubühne ist ein Missgriff. Mag sein, dass sich durch eine unübliche Besetzung frisches Publikum gewinnen lässt (ein legitimes Ziel); das harmlose schnell-schnell Türauf-Türzu-Stückchen im Theatermilieu, aufgemotzt durch Flegeleien und politische Dümmlichkeiten, aber will und will nicht komisch werden, sondern wird, bei großem szenischen Aufwand, nur immer öder.
„Klassentreffen – die zweite Generation“ im Hau bringt sechs Lebensgeschichten zwischen Deutschland und Türkei, schlicht erzählt, berührend und komisch. Witzig kontrastiert durch die dritte Generation (Basketball spielend, rappend) und die erste (schwatzend, singend) wird das „volle Menschenleben“ aufgeblättert - und wie sie es packen, „da ist es interessant“ (ab 14).
Der „Ikarus“ für Kinder- und Jugendtheater ist inzwischen renommiert; beim 7. Mal verwöhnte er durch eine ganze Ikarus-Woche mit ALLEN nominierten Aufführungen und zusätzlichen Diskussionen, mit ausführlichem Programmheft und zusätzlicher Schülerzeitung; er überraschte negativ mit der Preisvergabe: das unentschieden-geschwätzige „Norway today“ punktet, denke ich, nur als modernistische „Sensation“.
Grips zeigt die „Linke Geschichte“ jetzt in der Urfassung, also als „historisches“ Stück – aber immer noch Zeitgeschichte mit einer Fülle präziser Detailbeobachtungen und prägnanter Formulierungen – überaus brauchbar für PW und Geschichte (bei Vorbereitung ab 14).
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