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Nr. 03-04/1999
Schwerpunkt: Rechtsextremismus und Gewalt
Der "Judenstuhl"

Rechtsextremismus im Unterricht: Viele Pädagogen machen lieber einen großen Bogen um dieses Thema anstatt es offensiv anzugehen. Wer aber, wenn nicht die Schule, soll sich dessen annehmen? Häufig genug sind Pädagogen die einzigen ernst zu nehmenden Ansprechpartner für Schüler, weniger die Eltern. Wie kann man Einstellungen im Unterricht ändern, wie kann man informieren, ohne für rechtes Gedankengut zu werben?

Wissen Sie, was ein "Judenstuhl" ist? Ein Judenstuhl, so antworten Schüler auf dem Schulhof einer Realschule im brandenburgischen Fürstenwalde, ist ein wackliger Stuhl, der bald zu Bruch gehen wird. Warum? Weil der Begriff "Jude" bei ihnen negativ besetzt ist. Natürlich kennt kein Schüler, der beiläufig antisemitische Parolen zum Besten gibt, irgendeinen Juden, aber das ist unerheblich für die Existenz eines Vorurteils. Wer glaubt, Farbige seien weniger intelligent als Weiße oder Einwanderer seien krimineller als Deutsche, wird sich durch Statistiken kaum eines Besseren belehren lassen. Vorurteile erklären die Welt schlüssig und hinreichend, dazu sind sie da. Rassismus ist eine falsche, emotional stark besetzte, aber durchaus funktionierende Methode, die Gesellschaft zu deuten.

Einstellungen zur Gewalt

Die Schule steht in direkter Konkurrenz zu anderen Informationsquellen, die die Jugendlichen nutzen: die Meinungsführer ihrer Clique, Medien (wichtig: VIVA und MTV, immer häufiger auch das Internet), die Eltern. Ihre Einstellung etwa zur Gewalt wird vornehmlich durch das geprägt, was sie in ihrer Familie erlebt haben. Erfahren sie dort Ohnmacht, werden sie dazu neigen, ein autoritäres Verständnis der Gesellschaft zu übernehmen.

Das müssen Lehrer ernst nehmen: Die Frage, was die Schüler unter "Gewalt" verstehen, beantwortet zumeist schon, welche individuellen Erfahrungen sie selbst damit gemacht haben. Wer den Plot eines Films mit zahlreichen Gewaltdarstellungen von verschiedenen Schülern beschreiben lässt, verblüfft sie mit der Tatsache, dass jeder Gewalt anders begreift. Die Frage, warum das so ist, kann Ausgangspunkt dafür sein, das eigene Verhältnis dazu kritisch zu beurteilen.

Häufig bestärkt die Konfrontation mit denen, gegen die Jugendliche Vorurteile haben, nur die schon vorhandene Meinung. Gut gemeinte Versuche, zum Beispiel mit "multikulturellen" Festen und anderen Schulveranstaltungen Vorurteile abzubauen, sind nur bei denen erfolgreich, die ohnehin mit Menschen nichtdeutscher Herkunft keine Probleme haben. Wer Afrikaner immer nur musizieren sieht (wie bei Straßenfesten üblich), hat keine Chance zu begreifen, dass jemand mit dunkler Hautfarbe sowohl Deutscher sein kann als auch Mathematiklehrer.

"Ein Tutsi in Leipzig", der dort durch die Schulen tingelt, wird vielleicht höflich akzeptiert. Aber rassistische Vorurteile bauen sich dadurch nicht ab, der Afrikaner ist und bleibt Ausländer und somit kein Mensch, der die gleichen Pflichten und Rechte wie ein eingeborener Deutscher hat.

Rassismus-Forschung fehlt in Deutschland

Leider gibt es in Deutschland keine Rassismus-Forschung, somit auch nur wenig Curricula, die sich des Themas qualifiziert annehmen. In England etwa arbeiten Pädagogen mit speziellen Programmen, um verschiedene Berufsgruppen, etwa Polizei, aber auch Lehrer, in die Lage zu versetzen, mit rassistischen Vorurteilen – auch den eigenen – umzugehen. Hier zu Lande kreist der öffentliche Diskurs um das Thema "Ausländer" – wobei man verschweigt, dass die wesentliche Klammer rechtsextremer Ideologie seit jeher der Antisemitismus war und dass Rassismus nicht nach der Staatsangehörigkeit fragt, sondern scheinbar eindeutige biologische Merkmale von Menschen fremder Herkunft dazu benutzt, sie zu klassifizieren und schließlich zu diskriminieren.

Kein Pädagoge wird die eigene politische Meinung zu brisanten Themen verbergen können. Wer meint das tun zu müssen heuchelt. Schüler brauchen eine Reibungsfläche, überspitzt formuliert: eine nachvollziehbare und ethisch begründete Entscheidung des Pädagogen, kein Rechtsextremist zu sein. Schlimmer als ein rechter Lehrer ist ein Lehrer ohne Meinung.

Wer den Schülern durch die eigene Person das Gefühl vermittelt, man strebe danach, ein guter Mensch zu sein, nur weil die Gesellschaft das belohnt, hat kein hinreichendes Motiv, um als Vorbild zu gelten. Gewaltprophylaxe ist an Schulen deshalb so beliebt, weil sie garantiert ein hohes Prestige verschafft, aber man den Erfolg nicht kontrollieren kann. Das gilt auch für die häufig nur unterschwellig vermittelte Haltung gut sein zu wollen, weil man nicht den Mut hat böse zu sein.

In der Skinhead-Subkultur mit ihren Überschneidungen zum organisierten Neonazismus gilt der Wille, sich dem ästhetischen und moralischen Mainstream zu verweigern als Zeichen der Charakterstärke. Ich bin böse und unmoralisch und ich stehe dazu. Wer bekennende Rechtsextremisten in der Schule zu Wort kommen lässt, vermittelt den Schülern das Gefühl, deren politische Meinung sei eine von mehreren, unter denen auszuwählen sich jeder frei entscheiden müsste. Schüler der zehnten Klassen, die im Umfeld der organisierten Rechten verkehren, sind oft schon weltanschaulich gefestigt. Ein Lehrer, der nicht weiß, wer Fred Leuchter* ist, kann im Gemeinschafts- oder Geschichtsunterricht sehr schnell rhetorisch übervorteilt werden, wenn der betreffende Schüler ein halbes Dutzend "Kameradschaftsabende" besucht hat.

Rechtsextremismus ist ein politisches Problem

Lehrer neigen dazu, wie auch Sozialarbeiter, ihre Klientel zu unterschätzen. Rechtsextremismus ist weniger ein soziales als ein politisches Problem. Auch Schüler ab der 10. Klasse, die als strebsam und unauffällig gelten, können organisierte Neonazis sein, auch wenn sie die Ikonen der Szene nicht nach außen dokumentieren. Gerade Jugendliche mit hoher Leistungsbereitschaft haben eine Affinität zu einem Gesellschaftsverständnis, das den Fleißigen belohnt, den Faulen bestraft und den Erbkranken als "lebensunwert" einstuft. Wer meint, Orientierungslosigkeit sei eine Ursache des Rechtsextremismus, leistet sich ein bequemes Vorurteil, was mit der Realität wenig zu tun hat. Die diffus organisierte Ultrarechte besteht nur zu einem geringen Teil aus arbeitslosen Jugendlichen, sondern mehrheitlich aus Lehrlingen und Facharbeitern. Diese stehen in direkter Konkurrenz zur Schule und versuchen wie die Lehrer, dieselbe Klientel in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Burkhard Schröder

Burkhard Schröder lebt als Journalist und Schriftsteller in Berlin-Kreuzberg. Der Artikel ist zuerst in der Allgemeinen Lehrer-Zeitung abgedruckt worden.

* Wer ist Fred Leuchter? Leuchter wurde 1988 vom deutsch-kanadischen Nazi Ernst Zündel nach Auschwitz geschickt, um dort zu "untersuchen", ob wirklich Menschen vergast wurden. Wie zu erwarten war, fiel die Untersuchung negativ aus. Der so genannte "Leuchter-Report" ist eines der wichtigsten Propagandamittel der rechten Szene und kursiert dort als "Beweis", dass in Auschwitz keine Juden vergast wurden.

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