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Nr. 01 / 2008: Theateraufführungen kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

Munter und vielgestaltig auch in diesem Jahr das flott-kommunikative Diyalog Festival; Eröffnung mit einem charmant-jugendlichen Chor und einem Gastspiel aus Bern; dann unter anderem das Theater Molino mit „Hase Hase“ – ein notwendiger Hinweis auf ein wichtiges, leider immer noch aktuelles Stück. Für Kinder gab es
„Vorsicht Grenze“, ein Grips-Stück, diesmal gespielt von einer türkisch-deutschen Gruppe, tänzerisch bewegt und formschön. Deutlich gemacht werden schon für Kinder (ab 5) Unterschiede zwischen Grenzziehung und Kontaktaufnahme, Männern und Frauen, Kindern und Erwachsenen, Soldaten und Zivilpersonen, Freiheit und Ordnung.-

Im Grips selbst dann „Prima Klima“ - die Story eher unwahrscheinlich: ein Karren, um Gedanken zum Markte zu fahren - eine Art Wäscheleine, auf der sich die wichtigen Themen zum Erdklima gut sichtbar aufhängen lassen. Abgehandelt aber wird das Ganze mit flotten Dialogen, witzigen Szenen, quirligen Teenies, mit Tempo und voller Überraschungen. Dazu ein vorzüglich gemachtes Materialienheft (68 Seiten!) für die Weiterarbeit. Also: gelungen und sehr verständlich für Kinder (ab 8) und überaus wichtig! –

Prime Time im Wedding spielt „Blutroter Wedding“ - eine in den Dreißigern angesiedelte Film-Krimi-Persiflage. Was dabei an Kiez- und (auch kritischer!) Gegenwartsnähe verloren geht, wird  an filmbezogener Parodie gewonnen – wenigstens zum Teil. Ansonsten aber ist Prime Time immer noch und immer wieder erfreulich kommunikativ, spielt bei angenehmer Kneipenatmosphäre in gut geeigneten Räumen deftig-frisches Theater als direktes, hautnahes Vergnügen (ab 14). –

Wirklich erstaunlich, was AufBruch mit dem Gefangenentheater Tegel zu realisieren gelingt! Diesmal  kein großes politisch-historisches Thema wie bei „Räuber Goetz“ mit der Frage auch nach unserer nationalen Identität, sondern die Familiengeschichte der „Atriden“, bei der es zwar auch um Macht und Gewalt geht, aber vor allem um Fragen von persönlicher Schuld und Verantwortung, von Lebensaufgabe und Eigenwillen. Die geschliffenen intellektuell-emotionalen Auseinandersetzungen werden mit klaren Mitteln intelligent und eindrucksvoll realisiert; der Text stammt vor allem aus Sartres „Fliegen“, wird aber wiederum ergänzt aus vielen Quellen – häufig zusammengefügt  zu diszipliniertem chorischen Spiel, getragen von Vitalität, Kraft, Intensität. Ein als kompakte Einheit auftretendes Ensemble, in dem aber auch Individualitäten herausgespielt werden und persönliche Verhältnisse – etwa zwischen Orest und seinem Erzieher; ein betreffendes Theater, das wiederum betroffen macht; eine Kombination sozialer Arbeit (mit Spielern und Publikum!) und großer Kunst. Nicht von ungefähr! Seit nunmehr 10 Jahren arbeitet AufBruch in Tegel mit Körper- und Stimmarbeit, Bewegungs- und Sprechtraining; Gesprächsprotokolle im Programmheft zeigen, wie intensiv auch inhaltlich gearbeitet wird. Fehlt nur noch eine Einladung zum Theatertreffen. Denn leider kann ich nicht einfach raten „Hingehen!“ - die allzu kurze Aufführungsserie ist schon abgeschlossen. Die Inszenierung aber sollte unbedingt wieder aufgenommen werden – auch wenn Aufführungen im Gefängnis eine immense Organisationsarbeit verlangen! Es lohnt – auch und gerade für die Besucher. Also: aufpassen und auf die nächste Chance warten. -

Eine zweite Gratulation zu 10 Jahren Theaterarbeit geht nach Potsdam: an das T-Werk mit Degater, Unidram und dem Jugendtheater Havarie!
     

 

 

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