| Mit GRIPS gegen Gewalt
Die alltägliche Gewalt unter Kindern und Jugendlichen ist ein Hauptthema in den Stücken des GRIPS Theaters. Regina Pantos (AG Jugendliteratur und Medien) stellt einige Aufführungen vor und fragt in einem Gespräch mit den Theaterpädagogen des GRIPS Theaters, Anja Kraus und Stefan Fischer-Fels, nach den Absichten des GRIPS Theaters und ihrem Angebot für die Schulen.
In EINS AUF DIE FRESSE wird in erster Linie nach der Verantwortung von Schule und Gleichaltrigengruppe gefragt, Mobbing-Strukturen werden in ihrer Funktionsweise aufgezeigt und Auswege gesucht. Familiäre Hintergründe für die Gewalt werden hier nur angedeutet. In dem neuen Jugendstück MARIE stehen sie dagegen im Vordergrund. Hier wird ein fünfzehnjähriges Mädchen vorgestellt, das wegen seiner unberechenbaren Gewaltausbrüche von der Schule geflogen ist und mit Mutter und Stiefvater nicht zurecht kommen. Als ausgerechnet am Weihnachtsabend der leibliche Vater in das "Familienidyll" hinein platzt, werden die verdrängten Probleme aller Beteiligten auf den Tisch des Hauses gespült. In der Auseinandersetzung mit den Familienproblemen gewinnt Marie ein wichtiges Stück Identität als Voraussetzung für den Abbau von Wut und Aggression. Trotz der bedrückenden Thematik ist das Stück komödiantisch und bietet viel Anlass zum Lachen. In dem Stück CAFÉ MITTE wird das Thema Gewalt in einen größeren gesellschaftlichen Rahmen gestellt. Es zeigt eine Gesellschaft, in der die Menschen keinen Platz mehr für sich finden, in der sie um ihr existenzielles Überleben kämpfen. Aber es zeigt Menschen, die sich von der Gewalt um sie herum nicht entmutigen lassen, sondern Strategien entwickeln, aus dem Teufelskreis von Resignation und Wut auszubrechen.
Regina: Warum habt ihr gleich drei Stücke zum Thema "Gewalt" für Jugendliche im Spielplan?
Anja: Erfahrungen mit Gewalt in den unterschiedlichsten Formen haben heute fast alle Kinder und Jugendlichen in Berlin. Für unser Theater ist der klare Blick auf die Wirklichkeit der Anfang einer neuen Lebensbewältigung, bei der wir die Kinder und Jugendlichen mit unsern Mitteln unterstützen wollen. Darum zeigt das Theater über die Abbildung von Realität hinaus auch konkrete Lösungsansätze für die angesprochenen Probleme.
Regina: Zweifellos ist Gewalt ein aktuelles und brennendes Problem an vielen Schulen. Aber gerade darum wollen es vielleicht manche Lehrer/innen nicht auch noch im Theater sehen?
Stefan: Niemand muss Angst haben, das "heiße" Thema Gewalt zu bearbeiten, wenn er den "Entdeckungsreisen" des Theaters folgt: Gewalt kann ein Hilfeschrei sein, eine Antwort auf bedrückende Lebensverhältnisse, eine Reaktion auf Einsamkeit und Ausgrenzung. Aber Gewalt muss kein Schicksal sein, gegen das wir nichts tun können. Ein langer Weg beginnt mit dem ersten Schritt.
Regina: Nun gut, der erste Schritt ist getan, der Entschluss, mit der Klasse das GRIPS Theater zu besuchen ist gefasst. Wie geht es dann weiter?
Anja: Am besten besorgt man sich einen Spielplan des Theaters, den wir auch gern den Schulen auf Wunsch regelmäßig zuschicken. Er enthält Altershinweise, die man beachten sollte und kurze Informationen zu den Inhalten unserer Stücke. Außerdem gibt es zu den Stücken Programm- und Texthefte, sodass man die Klasse entsprechend auf den Besuch vorbereiten kann. Wir spielen natürlich auch noch andere Stücke als die drei zum Thema "Gewalt"! Für Gruppen verbilligte Karten können bei uns telefonisch vorbestellt werden und müssen mit einem Abrechnungsschein des Jugendkultur Service (früher: Theater der Schulen) abgeholt werden. (Vorbestellung für Vormittagsvorstellungen: 393 30 12, für Nachmittags- und Abendvorstellungen: 391 4004)
Regina: Und nach dem Besuch, was passiert dann in der Schule?
Stefan: In der "Nachbereitung" sollte der Phantasie keine Grenze gesetzt sein: Man hat nach dem gemeinsamen Erlebnis "Theater" Diskussionsstoff für Wochen. Man kann Fragen finden, die den Jugendlichen die Möglichkeit geben, über sich und ihr Lebensumfeld nachzudenken. Man kann Gedichte schreiben oder Tagebücher, z.B. aus der Sicht der Protagonisten des Stückes; man kann das Stück weiter schreiben oder ihm einen anderen Verlauf geben und es in ein Hörspiel verwandeln. Lieder dazu machen, Collagen oder Foto-Sessions zum Thema anregen, Rollenspiele oder andere einführende Theater-Spiele versuchen. Man kann Recherchen auf eigene Faust anstellen und bestimmte Aspekte des Stückes "journalistisch" aufbereiten.
Anja: Wer noch mehr Ideen zur Nachbereitung braucht, kann sich von uns beraten lassen. Er oder Sie muss einfach nur im GRIPS anrufen und nach uns fragen. Wir selbst kommen auch kostenlos zur spielerischen Nachbereitung in Schulklassen, die MARIE oder CAFÉ MITTE gesehen haben. Neben einer Diskussion zum Stück und den eigenen Erfahrungen machen wir ggf. auch Spiele, die den Jugendlichen das Medium Theater näher bringen.
Stefan: Die einzige Einschränkung: Unsere Kapazitäten für diese zeitlich aufwändige Form der Nachbereitung sind begrenzt. Wer aber rechtzeitig bereits bei der Anmeldung zu einem der Stücke bei uns nach einem Termin fragt, hat gute Chancen auf einen Besuch der GRIPS-Pädagogen. Und wer keinen Nachbereitungstermin mehr bekommt, kann von uns Ideen und Erfahrungen erhalten, selbstverständlich auch Materialien zum Stück.
Regina: Und wenn es nun richtig funkt, und Schüler und Lehrer wollen noch mehr übers Theater wissen?
Anja: Wem das immer noch nicht reicht, dem sei der Theaterpädagogische Dienst (Tel. 28 39 74 86) empfohlen. Mit ihm kooperieren wir u.a. in Sachen Lehrerfortbildung im Bereich Schauspiel, Dramaturgie und Regie für Lehrer/innen und bei der Nachbereitung zu CAFÉ MITTE. Und wenn ein ganzes Kollegium mehr über die Angebote des GRIPS Theaters wissen will, berichten wir im Rahmen einer Konferenz gern über Hintergründe und Angebote des Theaters.
Regina: Ihr macht diese Arbeit ja schon einige Jahre. Welche Erfahrungen habt ihr dabei gemacht?
Stefan: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Tabus aufgebrochen werden, wenn Jugendliche in unseren Vorstellungen sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Und dass eine Nachbereitung, die die Gedanken und Gefühle der Jugendlichen ernst nimmt, die Wirkung der Stücke nachhaltig vertieft. Das bestätigen uns auch immer wieder die Lehrerinnen und Lehrer, mit denen wir gearbeitet haben. Darum werden wir diesen Ansatz weiter verfolgen und wir freuen uns, wenn die Lehrer/innen unser Angebot annehmen.
Regina: Ich danke euch für das Gespräch.
Telefonisch zu erreichen sind Anja Kraus und Stefan Fischer-Fels über das GRIPS Theater.
Drei Jugendstücke zum Thema "Gewalt" im GRIPS Theater
EINS AUF DIE FRESSE
- Ab 8. Klasse Spielort: GRIPS Theater (U-Bahn Hansaplatz)
- Inhalte: Mobbing-Strukturen, gruppendynamische Gewaltstrukturen in "peergroups" und an Schulen, Sexualität, Vertrauen, Freundschaft, Konfliktlösungsstrategien Für die Fächer: Sozialkunde, Ethik, Religion, Deutsch
MARIE
- Ab 9. Klasse Spielort: SCHILLER-WERKSTATT (U-Bahn Ernst-Reuter-Platz)
- Inhalte: Gewaltbereitschaft, familiäre Konflikte, Selbstwertgefühl, Schulprobleme
- Für die Fächer: Sozialkunde, Religion, Ethik
CAFÉ MITTE
- Ab 10. Klasse Spielort: GRIPS Theater (U-Bahn Hansaplatz)
- Inhalte: Ausgrenzung, Verlust von Sicherheiten, Suche nach Identität, soziales Verhalten, Lebensperspektiven von Jugendlichen, Sucht und Sehnsucht/Berlin nach dem Mauerfall, Ausländer und Illegale
- Für die Fächer: Deutsch, Politische Weltkunde, Sozialkunde, Ethik, Religion
- Angebot der Nachbereitung durch die Theaterpädagogen in der Schule!
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