Theateraufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Es gibt eine ganze Reihe von guten Ideen bei »Ferdausis Reisen« im Theater an der Parkaue: Textwahl (eine über 1000 Jahre alte persische Dichtung), Erarbeitung als Projekt, Einbettung in die Winterakademie, Austausch und Zusammenarbeit mit Wien und Istanbul, Mitwirkung von SchülerInnen (auch auf der Bühne), Erweiterung der Problematik auf Iran heute. Überdies verspricht ein Zelt mit variablen Sitzelementen für die Zuschauer Konzentration und Intimität. Die Realisierung aber verspielt sich und die Texte, sie traut dem Erzählen nicht und nicht den Geschichten, sie reichert sie an und zerstört sie damit, schnurrt vieles eilig herunter, garniert mit Theatereien, Video, Tonband, Dias ... Da kann es auch nicht trösten, dass die Zuschauer zwischendurch mit der Drehbühne herumgefahren werden (ab 10).
Strahl erkundet neue Ausdrucksmöglichkeiten. »Klasse Klasse« ist Maskentheater mit verblüffenden Verwandlungen, fast ohne Sprache, aber mit Beat-Boxen! Das mit Mund und Mikro äußerst variabel realisierte, virtuos reichhaltige, meist stark rhythmische Geräusch- und Tonrepertoire greift als wahrlich dramatischer Dialog in das Bühnengeschehen ein, interagiert mit einzelnen Figuren, realisiert akustisch weitere Rollen, kommentiert, schafft Beziehungen, akzentuiert. Inhaltlich geht es nicht um eine durchgehende Geschichte, sondern um scharf konturierte einzelne Schülertypen und Verhaltensweisen aus dem Schulalltag, spannende Blitzlichter, durch Spiel und Geräusch vergrößert, erkenn- und beobachtbar gemacht, einsichtig und kritisierbar – also beileibe nicht einfach eine witzige Unterhaltungsshow, sondern voller wichtigem Diskussionsstoff (ab 12).
»Woher Wohin?« im Ballhaus Naunyn ist ein Nachtrag zum Diyalog-Festival, zugleich eine Arbeitsdemonstration der StreetUniverCity – einer Bildungsinitiative für Jugendliche mit Intensivkursen, Pflichtprogramm, Wahlkursen (darunter Theater), einer Abschlussprüfung und einem Street-Master als Ergebnis; eine höchst verdienstvolle und erfolgreiche Initiative mehrerer Kreuzberger Organisationen. Die Aufführung macht in einer lockeren Abfolge von Szenen, flott und unprätentiös gespielt, Kreuzberger Youngsters sichtbar und ihr Leben, ihre Sorgen und Zukunftsvorstellungen, ihre Wünsche und Gefährdungen, ihre Suche nach Identität auf der Straße (ab 14).
Eine attraktive Raumgestaltung in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters in Potsdam, eine große Spielfläche als besondere Herausforderung, theatral gemeistert von den sieben Spielerinnen des Jugendclubs. Sie haben ein eigenes Stück entwickelt – »Größe Null« – 7 Frauenmonologe, die Einzelschicksale geschickt miteinander verknüpft. Irritierend freilich: Die knapp Zwanzigjähri gen spielen Frauenschicksale zwischen 25 und 35; Illusionen und Desillusionierungen vorwegnehmend; die Diskrepanz zwischen Rolle und Person, die nur behauptete, auch nicht (z. B. ironisch) gebrochene Lebenserfahrung nimmt der Aufführung viel an Wirkung – schade (ab 16).
Das Stück mit dem schrecklichen Titel »Änsegent 007 jagt Dr. Kro«, im Grips gespielt von der Staatspoperette, ist eine schwungvoll-schmissige, spielerisch und musikalisch qualitätvolle Bond-Parodie, die sich leider einen Teil ihrer Wirkung nimmt, weil sie zur gekonnten Text- und Story-Persiflage die Handlung zusätzlich noch in ein seltsames Tier-Fabel-Reich verlegt, eher abstrus als erhellend (ab 16).
Eine wichtige Erinnerung: Atze spielt weiterhin seine wunderbare Bach-Inszenierung – ein Muss zumindest für Musik-Interessierte.
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