Der Skandal vor der eigenen Haustür
Kinderarmut: Ausmaß, Ursachen, Folgen und Lösungsstrategien
von Susanne Gerull, Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin
Kinderarmut ist seit einigen Jahren ein brennendes Thema nicht nur für SozialforscherInnen und PraktikerInnen. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass eine neue Studie erscheint und aktuelle Zahlen veröffentlicht werden. Der folgende Beitrag möchte ein Verständnis von Kinderarmut über den bloßen Mangel an materiellen Mitteln hinaus wecken und die Folgen für die betroffenen Kinder aufzeigen. Neben der Skandalisierung des Themas Kinderarmut in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik Deutschland sollen aber auch Lösungsansätze aufgezeigt werden, wie dem Problem mittel- und langfristig begegnet werden kann.
Lange Zeit wurde unter Armut ausschließlich Einkommensarmut verstanden. Mittlerweile hat sowohl die Forschung als auch die Praxis ein Verständnis von Armut entwickelt, das alle Lebensbereiche eines Menschen umfasst. Die Einbeziehung immaterieller Dimensionen wie Lebensbedingungen und Lebensqualität ermöglicht es ein ganzheitliches Bild von Notlagen zu entwerfen, statt lediglich Armutssymptome zu untersuchen. So verstehen wir heute unter Armut die Kumulation von Unterversorgungslagen und sozialen Benachteiligungen. Dabei nimmt das verfügbare Einkommen weiterhin einen wichtigen Stellenwert ein, denn Einkommensarmut gilt als »Schlüsselmerkmal« von Armut, da es fast alle anderen Lebensbereiche wie Arbeit, Wohnen, Bildung, soziale, kulturelle und politische Partizipation, Konsum, Ernährung, Gesundheit beeinflusst. Es geht bei dieser Sichtweise nicht um das physische Überleben im Sinne von absoluter Armut, wie wir sie beispielsweise aus Entwicklungsländern kennen. Vielmehr wird Armut immer in Relation zum Lebensstandard gesehen, der in der jeweiligen Gesellschaft als annehmbar gilt. Folgerichtig hat die Europäische Union bereits 1984 definiert:
»Als verarmt sind jene Einzelpersonen, Familien und Personengruppen anzusehen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar sind.« (Rat der Europäischen Union 19.12.1984)
Auf Einkommensarmut bezogen bedeutet relative Armut nach einem Konsens in der Europäischen Union, dass das so genannte Äquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens des jeweiligen Mitgliedsstaates oder der jeweiligen Region beträgt. Für den Vergleich der Einkommen unterschiedlicher Haus haltsgrößen werden Bedarfsgewichte verwandt. Nach den aktuellsten Daten von 2005 ist man danach in Deutschland als arm anzusehen, wenn man weniger als 781 Euro monatlich netto zur Verfügung hat. Dies betraf 2005 insgesamt 12,7 Prozent der Bevölkerung (Statistisches Bundesamt 2008).
Kinderarmut und ihre Folgen
Nach dem aktuellsten Kinderreport waren 2006 mehr als 2,5 Millionen Kinder und damit jedes sechste Kind in Deutschland zeitweise oder dauerhaft auf Sozialhilfe oder Sozialgeld angewiesen. Besonders betroffen von Armut sind laut dem 12. Kinder- und Jugendbericht Kinder aus MigrantInnenfamilien, wobei dies vor allem mit einem niedrigeren Bildungsniveau sowie niedrigeren beruflichen Status der Familien erklärt wird. Erschwerend kommen deren häufig schlechteren Wohnbedingungen hinzu. Die Ursachen für Kinderarmut in Deutschland liegen vor allem im sozialen Status der Eltern, der in einem weitaus höheren Maß als zum Beispiel in den skandinavischen Ländern den Bildungserfolg und damit auch das spätere Einkommen und die Berufsaussichten der Kinder diktiert. Dies führt zu einer »Kumulation und Verschränkung von Benachteiligungen bei Kindern aus sozial schwachen Familien« (Robert-Koch-Institut 2005).
Die Armutsquoten in Berlin liegen regelmäßig deutlich über denen in Deutschland insgesamt, so waren 2004 17,6 Prozent der BerlinerInnen arm (bei einer Armutsgrenze von weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens). Kinder und Jugendliche waren sogar deutlich stärker betroffen. 32,4 Prozent aller Minderjährigen lagen unter der Armutsgrenze. Auch hier waren Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund überproportional betroffen wie auch kinderreiche Familien und Alleinerziehende.
Einen Armutsbericht hat Berlin allerdings seit dem Jahr 2002 nicht vorgelegt. Laut Statistikbericht der Bundesagentur für Arbeit bezogen im Juli 2007 151.782 Berliner Kinder unter 15 Jahren Sozialgeld. Dabei sind die Chancen für Kinder in den Berliner Bezirken äußerst ungleich verteilt, so wurden bei den Einschulungsuntersuchungen 2004 Unterschiede im sozialen Schichtindex der Eltern (Index aus Bildung und Erwerbstätigkeit) zwischen Wedding und Zehlendorf von 36 Prozent festgestellt. Auch im Vergleich der Einkommen bilden sich diese bezirklichen Unterschiede ab, so ist Mitte (inklusive Wedding) mit einem mittleren Pro-Kopf-Einkommen von 800 Euro 2006 der ärmste Berliner Bezirk und Steglitz-Zehlendorf mit 1.075 Euro der reichste (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2007).
Lange schon wird in der Armutsforschung darüber diskutiert, ob ein Bezug von Sozialhilfe (bzw. Arbeitslosengeld II) nun »bekämpfte Armut« bedeutet, oder ob die BezieherInnen dieser Transfereinkommen als arm gelten dürfen. Wenn Armut impliziert, sich nicht gesund oder ausreichend ernähren zu können, so hat das Forschungsinstitut für Kinderernährung diese Frage im Herbst 2007 nun endgültig und eindeutig beantwortet: Die ForscherInnen haben errechnet, dass die im Regelsatz für Kinder vorgesehenen 2,57 Euro für Ernährung für eine ausgewogene Ernährung nicht reichen, es fehlen rund zwei Euro täglich.
Als Merkmale der Armut von Kindern und Jugendlichen werden in diversen Studien familiäre Brüche, unzureichender Zugang zu Wissen/Bildung und Information, Arbeitslosigkeit der Eltern, Gesundheitsprobleme, Gewalt in der Familie und das Fehlen verlässlicher Strukturen innerhalb des Familiensystems beschrieben.
Die Folgen sind weitreichend: Die Kinder verhalten sich überproportional verhaltensauffällig, was sich unter anderem in Aggressionen und Konzentrationsschwierigkeiten sowie motorischen Auffälligkeiten wie Hyperaktivität äußert. Sie weisen einen höheren Frühförderungsbedarf auf, und Früherkennungsuntersuchungen sowie Impfungen werden seltener wahrgenommen. Häufig kommt es zu sozialen und emotionalen Defiziten. Deutlich wird die Benachteiligung armer Kinder im gesundheitlichen Bereich, so leiden sie überproportional an Übergewicht (Adipositas), Störungen des allgemeinen Wohlbefindens, Schlafstörungen sowie Kopf-und Magenschmerzen. Auch verhalten sie sich gesundheitsriskanter, vernachlässigen häufiger die Zahnpflege, treiben weniger Sport, sehen länger fern und gehen oft ohne Frühstück aus dem Haus (Robert Koch-Institut).
Bildungsarmut wächst
Aus Kindern armer Eltern werden arme Eltern, und auch im Bildungsbereich hat die Sozialvererbung ein bedrohliches Ausmaß angenommen. So hat die World Vision Kinderstudie errechnet, dass nur 20 Prozent der Kinder aus sozial benachteiligten Familien als Berufswunsch das Abitur angeben. Bei den Oberschichtkindern sind dies dagegen 81 Prozent. Die Folgen der frühen Auslese im Bildungsbereich sind dramatisch: So sind die von Armut und Ausgrenzung betroffenen Kinder ohnehin schon kognitiv und sprachlich benachteiligt, und durch die frühen Selektionsprozesse im Übergang in die Regelschule kommt es zu weiteren deutlichen Abweichungen im Vergleich zu nichtarmen Kindern. Und auch die OECD stellte 2006 im Ländervergleich fest, dass die frühe Selektion in Deutschland zu einem größeren Bildungsabstand als in anderen Staaten führt (OECD 2006). Im März 2007 hatte der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Vernor Muñoz Villalobos, die Diskriminierung sozial benachteiligter Kinder im deutschen Bildungssystem angeprangert und damit die Regierung in helle Aufregung versetzt. Im Februar 2008 hat er nun um offizielle Antwort gebeten, da auf seine Hinweise und Empfehlungen bisher keine Reaktion erfolgte.
Sprach- und Sprechstörungen sind Indikatoren für die ungünstige soziale Entwicklung eines Kindes. Bei den Einschulungsuntersuchungen in Berlin 2004 wurde festgestellt, dass vor allem in Innenstadtbezirken wie Wedding und Neukölln viele Kinder nur unzureichende Deutschkenntnisse aufweisen. Deutsche Sprachkenntnisse werden dabei durch den längeren Besuch einer Kita positiv beeinflusst. Allerdings besuchen arme Kinder häufiger als nichtarme nur unregelmäßig die Kita und die Schule und haben öfter schulische Probleme.
Maßnahmen gegen die Armut
Ein geringes Einkommen schränkt die Chancen von Kindern in allen Lebensbereichen massiv ein. Die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland muss daher durch eine gerechte Einkommensumverteilung geschlossen werden. Ein gesetzlicher Mindestlohn sowie die Anhebung der Regelsätze in der Sozialhilfe und beim Arbeitslosengeld II sind einige der dringend erforderlichen Maßnahmen. Parallel muss die Kinderbetreuung optimiert werden, so muss Müttern und Vätern Erwerbstätigkeit ermöglicht werden. Berechnungen in Dänemark zeigen, dass erwerbstätige Mütter die ursprünglichen Kosten der Kinderbetreuung durch ihre Steuern selbst wieder einbringen. Neben dem finanziellen Aspekt würde dies sogar zu mehr Zuwendung durch die Eltern führen, denn laut der World Vision Kinderstudie bekommen Kinder von erwerbstätigen Eltern mehr Zuwendung als die von arbeitslosen Eltern.
Um gleiche Bildungschancen zu schaffen, muss die frühe Selektion durch das dreistufige Schulsystem abgeschafft werden. Kinder müssen zudem ganzheitlich gefördert werden, ohne die übliche Beschränkung auf kognitive Fähigkeiten. Interkulturelle Sichtweisen müssen grundsätzlich eingenommen werden. Gerade bei nicht-deutschen Eltern ist eine verstärkte Einbeziehung in die Erziehungs- und Bildungsarbeit erforderlich. Dabei müssen auch neue Formen der Kontaktherstellung entwickelt werden, wie sie in Großbritannien mit der Schaffung von »Early Excellence Centers« eingeführt wurden. Diese Kindergärten machen den Kleinsten ein umfassendes Lernangebot und fördern gleichzeitig die Eltern mit Gesundheits-und Erziehungsberatung, Koch-und Sprachkursen und Arbeitsvermittlung.
Auch muss die Institution Schule besser mit der staatlichen und freiverbandlichen Kinder- und Jugendhilfe vernetzt werden. Bei politischen Entscheidungen muss grundsätzlich auch die Kinderperspektive eingenommen werden, denn Kinderarmut ist ein eigenständiges soziales Phänomen und wird von Kindern anders erlebt als von Erwachsenen. Auch ist die zunehmende Akademisierung von ErzieherInnen, wie sie an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin durch den Studiengang »Erziehung und Bildung im Kindesalter« ermöglicht wird, zu begrüßen.
Persönliche Unterstützung ist wichtig
Der Armutsforscher Walter Hanesch stellte 2006 resigniert fest, dass trotz des breiten Konsenses in Politik und in der Gesellschaft, dass das Problem der Kinderarmut rasch beseitigt werden sollte, bis heute nicht viel passiert ist. Ganz im Gegenteil sind wirksame Maßnahmen bis heute unterblieben und das Armutsproblem hat sich weiter verschärft. Hartz IV hat daran entscheidend mitgewirkt, wie auch die Wohlfahrtsverbände immer wieder kritisch anmerken. Dabei ist das Risiko einkommensarmer Familien, komplexen Belastungen wie etwa schlechten Wohnbedingungen, einem negativ erlebten Wohnumfeld, Betroffenheit von Krankheit, Langzeitarbeitslosigkeit, Überschuldung und Sucht ausgesetzt zu sein, wesentlich höher als das nichtarmer Familien. Aber in jeder sozialen Benachteiligung liegt auch eine Chance. Die AWO-Studie zu Kinderarmut hat gezeigt, dass Kinder relativ unabhängig von ihren Eltern spezifische subjektive Deutungen und Bewältigungsstrategien von Armutslagen entwickeln. So kann beispielsweise der Übergang ins Berufsleben für einige arme Kinder auch die Chance zur Überwindung der Armut bedeuten. Dies ist allerdings abhängig von ausreichend Ressourcen wie ein gutes Eltern-Kind-Verhältnis, gute soziale Kontakte, FreundInnen, LehrerInnen, SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen. Dies bedeutet auch eine Herausforderung für die pädagogischen Berufe, die sich dem Phänomen Kinderarmut in vielfacher Weise stellen müssen. Die persönliche Unterstützung betroffener Kinder und Eltern, die Professionalisierung ihres Handelns, aber auch der öffentlichen Anprangerung sozialer Ungleichheit und ihrer Folgen für die Kinder und die Gesellschaft sollte dabei für sie im Fokus stehen.
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Dr. Susanne Gerull ist Dozentin an der Alice-Salo- mon-Fachhochschule in Berlin
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