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Nr. 04 / 2008 Theateraufführungen kritisch gesehen
Theateraufführungen kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

Havarie wagt sich an ein schwieriges Thema. In „Guten Tag Schönes Leben“, geschrieben nach präziser Recherche, geht es um (versteckte, maskierte) Armut. Auf der Bühne Realfiguren (Schüler, Austauschschülerin, Mutter) und Kommentarfiguren oder abstrakte Prinzipien: der Experte, das Amt, der Optimist (oder die Werbung), der Pessimist (Zweifler, Zyniker). Sie sind theatral höchst wirkungsvoll, zugleich geeignet, Informationen, Argumente, Begriffe einzuwerfen, eine zweite Diskussionsebene neben der Story-Ebene aufzubauen; sie bilden sehr genau die Abstraktheit unserer Welt ab, in der die Realfiguren sich kaum noch oder gar nicht mehr zurechtfinden. Auf der Schülerebene dynamisch-witziges Jugendgeplänkel; in der Familie zerbricht das Mutter-Sohn-Verhältnis an der Belastung durch das fehlende Geld. Der Zusammenbruch macht betroffen; ein kluges, inhaltsreiches Programmheft hilft bei der (wichtigen und sicherlich nützlichen, wenn nicht notwendigen) Nacharbeit. Ein ganz schwieriges Thema, mit hohem Können behandelt – und besonders schwierig, wenn geheime, verschämte Armut offenzulegen ist (ab 13 Jahre).

Sasha Waltz hat im Radialsystem ihr Erfolgsstück „Twenty to eight“ in neuer Besetzung wieder aufgenommen - präzise beobachtete Alltagserfahrungen aus einer WG des 20. Jahrhunderts: Rumhängen, anmachen, essen, trinken, wenig zu essen haben, Zoff! Also Alltag – aber so verblüffend in Form gebracht und so intensiv in Körperausdruck übersetzt, dass das zeitgeschichtliche Kolorit unmittelbar wirksam ist, dass die vielen kleinen Geschichten mitreißen durch verblüffende Wechsel zwischen tänzerisch gestalteter Bewegung und Alltagshaltung, zwischen chaotischem Gewusel und tänzerischer Form. Tanz als Reflexions- und Analyseinstrument und als großes Vergnügen (ab 14)!

Ein großes, umfassendes Vorhaben in der Schaubühne: „60 Jahre Deutschland“ -die deutsche Nachkriegsgeschichte in Dekaden, gesehen von jungen AutorInnen. Für jeweils zehn Jahre gibt es je drei kurze Uraufführungen ganz unterschiedlicher Handschrift, im Studio szenisch aufeinander bezogen – kritische Befragung der Vergangenheit als gewagtes und überaus erfolgreiches Konzept. Wichtig für PW, aber auch für Sek II allgemein; nützlich sind Vorinformationen für die SchülerInnen! Ebenfalls in der Schaubühne der „Kirschgarten“: reich aufgefächert und in die Gegenwart hinein geholt; die Berufe sind verändert, die Gefühle eher versachlicht; Handlungen und Geschehnisse sind akzentuiert – ein groß angelegter Einblick in Gesellschaft und wie sie sich verändert (oder auch nicht mehr verändern kann). Das macht nicht gerade betroffen, ist aber höchst sehens- und diskussionswert. Zusätzlich gibt es eine große Theaterszene beim Fest mit einigen Überraschungen. (ab Sek II; weil sich die Familienverhältnisse in der Aufführung erst allmählich erschließen, sind Vorinformationen nützlich).

Das Hebbeltheater wird 100; Rimini arrangiert dazu „100 Prozent Berlin“. Die ziemlich belanglose Revue, ähnlich einer Fernsehshow, macht immerhin Werbung für Theater, weil ein nicht mit Theater vertrautes Publikum auf die Bühne und in die Vorstellung geholt wird. 100 (statistisch relevante) Berliner geben viele „Informationen“, zusammenhanglose Schnipsel -  na gut - alle irgendwie auf Berlin bezogen. -

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