Der Druck verschärft sich
Kooperation mit freien Trägern in der Ganztagsbetreuung – ein Erfahrungsbericht
von Axel Bolm, Personalrat in Steglitz-Zehlendorf
Ich nehme die Sorgen der Schulen ernst, die sagen, dass die pädagogischen und räumlichen Voraussetzungen noch nicht so weit sind, um die Jahrgänge in der flexiblen Schulanfangsphase erfolgreich zu mischen.« So unser Senator für Wissenschaft, Forschung und Bildung. Und er persönlich oder seine Behörde gebar eine wegweisende Verbesserung der Ressourcen vor Ort: Jahrgangsgemischte Klassen erhalten einen Bonus von 2 Lehrerstunden bzw. 3-4 Erzieherwochenstunden plus zusätzliche Mittel in Höhe von 4 Erzieherwochenstunden für Doppelsteckung. Zweifelsfrei ist dies zu begrüßen. Kurzes Nachrechnen bringt es dann aber schnell zutage: Nur für 1 Schulstunde und 24 Minuten täglich ist somit durchschnittlich für eine JÜL-Gruppe das Zwei-Pädagogen-System gewährt. Vorausgesetzt, die vorhandene tägliche Personaldecke mit Vorrang der von den Eltern gebuchten Betreuungsmodule lässt dies überhaupt zu.
Hohle Versprechungen
Die Mitteilung in der Presse, die notwendigen 200 ErzieherInnen für die GGS (Ganztagsgrundschule) und JÜL (jahrgangs übergreifendes Lernen) werden nicht neu einzurichtende Stellen im Land Berlin sein, sondern sind Personalmittel, die an freie Träger gehen sollen, ließ jedoch Böses ahnen.
Und so geschah es auch. In der Einladung zur Grundschulleiterbesprechung von Steglitz-Zehlendorf wurden die Schulleitungen darüber informiert, dass zukünftig Mischformen mit Personal eines freien Trägers und Beschäftigten des Landes Berlin nicht mehr möglich sein sollen. Es wurde auch gefragt, welche Schulleitung sich zukünftig eine Kooperation mit einem freien Träger zulasten einer staatlichen Ganztagesbetreuung vorstellen könne. Vorrangig soll dann der Einsatz der staatlichen Erzieher in der Region erfolgen.
Es ist sicherlich nur ein übles Gerücht, dass sich spontan mehrere Schulleitungen bereits während der Sitzung ein zukünftiges Kooperationsmodell mit einem freien Träger vorstellen konnten.
Wut und bittere Tränen
Mehr als deutlich war das Gefühl von Bitterkeit, Traurigkeit gemischt mit Wut und Tränen der Verständnislosigkeit als die ErzieherInnen unserer Ganztagesbetreuung zusammensaßen und berieten. Sie waren kurz zuvor vom Schulleiter über seine Position zum Trägerwechsel informiert worden.
Die Entrüstung bei den ErzieherInnen und auch im Lehrerkollegium führte zur deutlichen Positionsbestimmung. In geheimer Abstimmung (bei einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen) fasste die Gesamtkonferenz folgenden Beschluss: »Die Gesamtkonferenz spricht sich entschieden gegen eine geplante Kooperation mit einem freien Träger bezüglich der Ganztagsbetreuung aus. Die mehrjährige Praxis an unserer Schule mit einer Ganztagsbetreuung mit staatlichem Stellenrahmen hat gezeigt, dass hier mit viel Engagement, Kompetenz und gelungenen Absprachen eine gut funktionierende Einrichtung entstanden und die Verzahnung mit den pädagogischen Prozessen der Schule vielfältig ist und im Interesse der Schüler und deren Eltern gelingt.
Es sind inzwischen zahlreiche wertvolle pädagogische Beziehungen und vorteilhafte Arbeitsbezüge entwickelt worden. Eine verzweigte und tragfähige Kooperation von ErzieherInnen und LehrerInnen hat sich herausgebildet, sodass ErzieherInnen und LehrerInnen inzwischen eine pädagogische Einheit bilden… .
Die Gesamtkonferenz fordert, dass das pädagogische Personal unserer Schule nicht aus den gewachsenen Bezügen herausgerissen wird. Wir erwarten, dass von Vorgesetzten und Dienstherrn die Verpflichtung der Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter ernst genommen wird.
Die Achtung vor dem Wert der bislang in der Ganztagsbetreuung geleisteten Aufbauarbeit und die Achtung vor der Würde des einzelnen Mitarbeiters verbietet eine Personalpolitik, die ihn oder ganze Mitarbeitergruppen zur Disposition stellen, will man nicht gleichzeitig Motivation, Einsatzbereitschaft und Identifikation großer Teile der Belegschaft gefährden. Auch die notwendige pädagogische Kontinuität für die Kinder wird so in Frage gestellt. Vor diesem Hintergrund fordert die Gesamtkonferenz den Schulleiter auf, von seinem Ansinnen einer Kooperation mit einem freien Träger Abstand zu nehmen.« Flächendeckende Privatisierung geplant
Auf der Warnstreikdemo am 6. März verdeutlichten uns Gespräche mit Personalräten und ErzieherInnen aus anderen Regionen der Stadt sehr schnell: Steglitz-Zehlendorf ist nicht als einzige Region von den Privatisierungsplänen betroffen. Manche der privaten Träger sind inzwischen dabei, mit ausgearbeiteten, angeblich attraktiven Konzepten zu werben. Da sie häufig nur mit befristeten Teilzeitverträgen arbeiten, entsteht in ihren Betrieben ein deutlich höherer Leistungsdruck. Und es wird von der Bereitschaft berichtet, sich von ErzieherInnen schnell zu trennen, wenn sie aus unterschiedlichen Gründen (zum Beispiel längere Krankheit) diesem Leistungsprofil nicht entsprechen.
Auch erbrachten Nachfragen in privaten Ganztagsbetreuungseinrichtungen, dass hier häufig mit zahlreichen Ein-Euro-Jobbern – von der Senatsschulverwaltung gegen das Votum der Personalräte durchgesetzt – das Betreuungsangebot geschönt wird.
Statt Qualifikation bald Billigkräfte?
»Siemens beabsichtigt sich von 5000 MitarbeiterInnen zu trennen«, dies war am Tag der Schulleitersitzung in Steglitz-Zehlendorf eine Hauptnachricht bei ntv, verbunden mit dem Hinweis, der Kurs der Siemensaktie sei gegen den allgemeinen Tagestrend an der Börse deutlich gestiegen. Globalisierung, Ausgliederungen und »Verschlankung« der Betriebsstrukturen in der privaten Wirtschaft und Privatisierungsbestrebungen im öffentlichen Sektor erhöhen letztendlich in gleicher Weise den Leistungsdruck auf die Beschäftigten und versuchen die Lohnkosten zu minimieren.
Der Wind wird vermutlich zukünftig rauer wehen an unseren Schulen und sparwütige, profilierungsbedachte und am kurzfristigen Medienerfolg orientierte Politiker gibt es in dieser Stadt leider zur Genüge. Sie werden versuchen nach der Ganztagsbetreuung auch in anderen pädagogischen Bereichen, wie Schulgründungen, mit Privatisierungen zu punkten.
Da hilft nur eins: Rein in die GEW
Die Gesamtkonferenz war zum Glück beendet. Wir trafen uns auf einen »Absacker« beim Italiener: sieben KollegInnen. »Über diese Sauerei sollte man in der Zeitung berichten. Aber wer veröffentlicht dies schon?« Es war Harald, der vor Jahren verbittert aus der GEW ausgetreten war, weil er sich mit seinen täglichen Belastungen in den seiner Meinung nach forschen bildungspolitischen Beschlüssen nicht vertreten fand und nun aber doch ständig innerlich und mehr oder weniger laut über seinen Austritt haderte: Es war ein denkwürdiger Moment, die Handykamera einer KollegIn klickte, denn Harald versprach mit Handschlag, wieder in die GEW einzutreten, sollte in der blz ein Artikel über die erneuten Privatisierungsbestrebungen der Ganztagsbetreuung gedruckt werden.
Dank Zöllner wird unsere kleine Schulgruppe nun also wachsen, aber wir haben auch ein dickes Brett zu bohren, die drohende Abwickelung der Ganztagsbetreuung an unserer Schule.
Und wir, wir sind an unserer Schule ins Gespräch gekommen über Dinge und Bereiche, die uns lieb und wert sind; über eine Kultur des Miteinander, die wir aufrecht erhalten möchten. Und wir sind dabei zu lernen, uns zu wehren. Deswegen wollen wir in Steglitz-Zehlendorf auf einer Personalversammlung der ErzieherInnen in gebührender Form die Privatisierungsbestrebungen thematisieren und uns zur Wehr setzen. Und mein Kollege Harald wird nun sein Versprechen halten und neues GEW-Mitglied werden.
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