Theateraufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Janoschs Kinderbuch „O wie schön ist Panama“ - bei Atze eine komisch verdrehte, witzig-nachdenkliche Fantasiereise in ein Wunschland; ein Vergnügen für die Kleinen UND die Eltern, weil sich in den bunten Abenteuern von Bär und Tiger durchaus menschlich-erwachsene Verhaltensweisen humorvoll spiegeln.
Grips zeigt in der Werkstatt „Titus“, den Monolog eines Jugendlichen. Seine Erlebnisse und Probleme in der Schule, die Probleme mit dem Vater, eine glückliche Beziehung (die von der Mutter des Mädchens zerstört wird) werden für mich unnötig und störend mit einem unmittelbar bevorstehenden Selbstmord „dramatisch“ eingeleitet. Dazu freilich kommt es nicht: die erzählende Selbstreflexion führt Titus ins Leben zurück.
„Alkohol“, ein schwieriges, leider auch notwendiges Thema. Eine gute Entscheidung in der Parkaue, das Thema indirekt anzugehen: wir sehen zu beim Dreh von Spielfilmszenen mit Getränken jeder Art; das gibt die Möglichkeit zu Schnitten, zu Sprüngen, zu Wiederholungen, zu Diskussionen über die gedrehten oder noch zu drehenden Szenen. Unbefriedigend freilich, dass die Dreharbeiten mit Verve auf Action getrimmt sind, dass die Grenzen zwischen Rolle und Spieler mehr und mehr verwischen, dass nicht klar wird, was für einen Film der Regisseur eigentlich drehen will, dass seltsame Einspielungen eigentlich nicht in Stil und Story passen, aber auch nur wenige Hinweise zur Themenbearbeitung bringen. Auch das Programmheft versammelt vorwiegend assoziatives Material. Immerhin Diskussionsstoff für die (notwendige!) Nacharbeit! - Bei „Penthesilea“ in der Schaubühne sehen wir eine eindrucksvolle Bühnenskulptur, die zu Beginn müh- und langsam verändert wird und zum Schluss zusammenfällt; sie rahmt die Aufführung, hat aber weder mit dem Stück noch mit dem Spiel der Akteure etwas zu tun. Und ähnlich kamen mir viele Bewegungen und Begegnungen auf der Bühne vor: eindrucksvolle Bilder (Körperbilder) – aber was haben sie mit der Geschichte zu tun? Im Laufe des Abends gibt es dann immer wieder auch eindringlich gestaltete Sprachbilder; auch Ansätze der Amazonengeschichte werden sichtbar; insgesamt aber wird neben Kleist her gespielt. Jedenfalls sollten Schulgruppen einiges von Kleist und seiner Penthesilea wissen, damit es nicht bei einer bloßen Bühnenshow bleibt. -
Ping Tan ist ein chinesisches unterhaltsames, älteres Erzähltheater mit Musik; die „Ping Tan Tales“ in den Sophiensälen sind Ergebnisse einer China-Reise und Recherche: viele kleine Splitter, eher chaotisch, aber reichhaltig in den Assoziationsmöglichkeiten; mit drei deutschen, zwei chinesischen SpielerInnen; in deutscher, chinesischer, englischer – aber auch noch französischer Sprache; mit mehreren Projektionswänden, Videofilmen, Filmaufzeichnungen und Life-Einspielungen. Der Programmzettel enthält zwar eine umfangreiche Danksagung an mehr als 40 Personen und Institutionen (durchaus aufschlussreich, ein gutes Spiegelbild der diffizil-differenzierten deutsch-chinesischen Beziehungen), aber leider sonst keinerlei Informationen. Schade – auch die Inszenierung ist nicht sehr denk-fördernd: als „Theaterinstallation“ deklariert, spielt sie häufig nur für Publikumssegmente, öffnet also nur wenig den Zugang zu dem wichtigen und jetzt auch noch höchst aktuellen Thema. Dabei gibt es immer wieder auch sehr kluge und witzige Texte - soweit sie verständlich sind. Also: anregend, aber anstrengend (falls man nicht einfach nur herumschauen will).
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