| "Ein Kind ist in den Brunnen gefallen"
Die Entwicklung der suchtprophylaktischen Arbeit als Metapher
Ganz hinten in der letzten Ecke des Schulhofes ist ein tiefer Brunnen. Lange dachte man: "Ach, es wird schon nichts passieren!" Dann fiel doch ein Kind hinein. Was tat man? Man entdeckte es zum Glück noch, konnte ihm einen Rettungsring zuwerfen, hüllte es in warme Decken und brachte es ins Krankenhaus. (Sekundärprophylaxe)
Nun begannen die Überlegungen. "Was können wir tun, damit kein Kind mehr in den Brunnen fällt?" Es kamen viele Vorschläge: dicke, hohe Mauern, Drahtgitter, Bewachung – Abschreckung –
Aber gerade dadurch wurde der Brunnen sehr interessant. Einmal, am Abend, als die Wache schon zu Hause war, kamen ältere Kinder mit einer Leiter, um über den Rand zu schauen. Der Hausmeister konnte das gefährliche Drüberhangeln gerade noch unterbinden.
Daraufhin wurde eine außerordentliche Konferenz einberufen. Das Kollegium beschäftigte sich lange mit dem Problem, eine Ärztin sprach über Schürfwunden, Brüche und Unterkühlung. Die Klassen wurden intensiv vor den Gefahren des Brunnens gewarnt – Aufklärung –
Nun war der Brunnen ständiges Gesprächsthema bei den Kindern: "Ich würde mich anseilen." "Ich kann gut klettern." "Mir würde nichts passieren."... In den Pausen war er umlagert, die Aufsichten hatten alle Hände voll zu tun.
Bei einem Studientag kam plötzlich die Idee auf, den vorderen Teil des Schulhofes umzugestalten. Attraktive Spielangebote entstanden. Ein Referendar steckte auf einer Klassenreise eine Klasse mit seinem Hobby an, dem Jonglieren. Es entstand eine Gruppe, die das in den Pausen anderen beibrachte, die Bälle dafür wurden in einer AG hergestellt.
Es gab auch zwei Aufsichten mehr, die aber nicht die Bewacher des Brunnens waren. Sie boten sich als Gesprächspartner an, regten Spiele an, waren einfach präsent. Manchmal gingen sie mit Kindern zum Brunnen hin, sprachen über den Reiz dieses tiefen Schachtes und darüber, warum gerade Gefährliches so neugierig macht.
Die Kinder fühlten sich wohler auf dieser Schule, die Lehrkräfte sicherer im Umgang mit der Gefahr.
Doris Graf-Bergfeld
Koordinatorin in Reinickendorf |