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Nr. 06 / 2008 Theateraufführungen kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

Zwei bemerkenswerte Initiativen: das Nachbarschaftshaus Urbanstraße startet einen Versuch Legislatives Theater und hat bereits zwei Veranstaltungen im Saalbau Neukölln durchgeführt; die Grips-Theaterpädagogen haben Grips-Werke e.V. aus der Taufe gehoben: eine Organisation, die helfen soll, die theaterpädagogische Arbeit zu stärken und auszubauen und nicht zuletzt »Kindern und Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien den kostenlosen Theaterbesuch« zu ermöglichen.

In der Schiller-Werkstatt zeigt Grips »Nebenan«, »eine kleine Oper für Menschen ab 6«: ganz einfach und rührend schön – für (fast) alle Altersgruppen. Es geht um simple Nebensächlichkeiten im Alltag, um Einsamkeit und Zueinanderfinden, eine amüsante und berührende »Gender«-Geschich te aus der Seniorenperspektive.

»Winner and Looser«, Lutz Hübners neues Stück, wartet auf mit flotten Sprüchen, flüssigen Dialogen, coolen Typen, bewegter Handlung, bleibt aber insgesamt flach, bedeutungslos, begnügt sich mit Action. Das Stück beginnt als Rückblende – kommt jedoch nicht wieder in der Gegenwart der Rückblende an; es wird also nicht zum Ende geführt und schon gar nicht zur Bilanz oder gar Reflexion gebracht. Dabei bleibt völlig unklar, wer da die Wiederholung mit dem Ruf »Und Action« startet, wie auch der Aufbau sonst dramaturgisch unklar ist. – Von Überraschung zu Überraschung wird auf Tempo gemacht; Vertiefung, reichere Psychologie, Hintergründe bleiben im Dunkel. Allerdings: Die Premiere im Grips wurde vom Publikum begeistert aufgenommen (ab 14).

Engelbrot und Spiele, im alten Hansa-Theater mit neuer Leitung und weit gespanntem, auch literarisch interessanten Spielplan, zeigt im Studio »König Picus«, eine Geschichte aus Ovid mit Renaissance-Musik und dem Text von Ovid, zeitweilig auch lateinisch rezitiert, musikalisch exquisit mit Laute und Gesang, sparsam, aber sehr klar in Ausstattung und andeutendem Spiel. Zusätzlich integriert wird Schwittersche Lautpoesie zur Laute; gekonnt, aber eher überflüssig, jedenfalls zu lang, weil es den dramatischen, selbst den epischen Duktus stört (für Sek II, sehr zu empfehlen vor allem dann, wenn thematische/formale Bezüge hergestellt werden können).

»Faust, eine Theater-Gerichtsshow nach Goethe« im Kulturhaus Mitte, eine überzeugende, sprachschöne Aufführung mit viel originalem Text; eingebettet in Gerichtsverhandlung und Alltagssprache, dadurch näher an uns herangeholt und mit der Möglichkeit, andeutend und gleichsam improvisierend zu spielen und überdies Goethes Geschichte zu hinterfragen, ohne sie zu zerstören (ab 15).

Dreimal Tanz. Im Haus der Kulturen der Welt ist das indische Ramayana eigentlich nur ein Vorwand, obwohl indischer Kathak-Tanz und exotisches Kolorit gezeigt werden. Inhaltlich geht es in der »Entführung von Sita« jedoch um Gegenwart, um unsere Hilflosigkeit, mit der wir auf Terror reagieren, um Medienkritik, hohles Konferenzgebaren (mit Anklängen an Kurt Jooß) und wirre Betriebsamkeit. Zu großes Stilgemisch, penetrante Wiederholungen, unverständliche Einsprengsel, unklare Grundpositionen nehmen der Tanzcollage viel von ihrer Wirkung (ab Sek II).

Im Hau 1 hat Constanza Makras mit Berliner Jugendlichen ein faszinierendes Kaleidoskop tänzerisch-spielerisch-musikalischer Kurzszenen erarbeitet, das mit wie selbstverständlicher Sicherheit und Präsenz vorgeführt wird, farbig und temporeich, getragen von verblüffendem Können, von Spaß und Lebenslust. Genannt wird das Programm allerdings »Hell on Earth« – warum nur?

Im Theater an der Parkaue dann »1000 Posen« als Auftakt zu einer begrüßenswerten intensiven Beschäftigung mit Tanz im Kinder- und Jugendtheater (ein Festival dazu Herbst). Auch hier stimmt der Titel nicht: Es gibt viel Bewegung, keine Fixierungen (Posen), viel offenen Kostümwechsel, leider auch immer wieder unmotivierte Brüche, Abbrüche, Stilwechsel, letztlich eine beliebige Reihung (ab 13).

In der Schaubühne große Theatertechnik, Verwandlungen, Video, eingesperrter Tanz, musikalisch-performative Exerzitien ... all das mit wenig Bezug zu den beiden Kammerspielen, die nacheinander gespielt werden. »Die Stadt« mit einem seltsamen Paar und seltsamen Besuchern; »Der Schnitt« als Einblick in ein seltsames Machtregime und die Schwierigkeiten von Mächtigen und Machtwechseln. Ganz spannend – aber ... (ab Sek II; für Technik-Freaks auch früher).


 

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