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Nr. 05/1999
Schwerpunkt: Rausch und Ekstase
Suchtprophylaxe in der Berliner Schule

Rausch und Rauschmittel begleiten den Menschen seit Alters her. Wer ihnen ausweichen will, mag sich für Abstinenz entscheiden, verordnen lässt sie sich jedoch nicht.

Das Konzept der Suchtprophylaxe hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt: Während in den Anfängen Abschreckung, später Information und Aufklärung im Vordergrund standen, rückt seit den Achtzigerjahren verstärkt die Ursachen- und ressourcenorientierte Prophylaxe in den Mittelpunkt. Da Suchtursachen immer in Beziehung der Person zu ihrer Umwelt und den "Versprechungen" der jeweiligen Suchtmittel zu sehen sind, gibt es nur den ganzheitlichen Weg in der Prophylaxe, der alle möglichen Suchtursachen berücksichtigt. In der alltäglichen Erziehungsarbeit sind wir aber nicht nur mit den Defiziten und Schwächen konfrontiert, sondern auch mit den manchmal verschütteten oder brachliegenden Stärken der Kinder und Jugendlichen. In beiden Bereichen, den Stärken und den Schwächen, setzt heute Suchtprophylaxe in der Schule an. Dies bedeutet kurz umrissen: Stärkung der Ressourcen, Minimierung der Risikofaktoren sowie Sachinformation zum angemessenen Zeitpunkt.

Dieses Konzept von Suchtprophylaxe wurde zuletzt durch das Rundschreiben 20/1997 modifiziert und bestätigt und hat folgende Inhalte und Ziele:

  • Erziehung zur Selbstständigkeit und Selbstverantwortung,
  • Förderung des Selbstwertgefühls und der Genussfähigkeit,
  • Förderung der Kontakt- und Beziehungsfähigkeit,
  • Förderung der Kreativität und Erlebnisfähigkeit,
  • Erziehung von Kritik- und Konfliktfähigkeit.

In Anknüpfung an den Erziehungsauftrag der Schule ist es grundsätzlich Aufgabe aller Lehrer und Lehrerinnen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten und durch ihr eignes Verhalten zur psycho-sozialen Stabilisierung der ihnen anvertrauten Schüler und Schülerinnen beizutragen. Viele Kollegen/innen werden diesem Anspruch in ihrer täglichen Arbeit gerecht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie sind suchtprophylaktisch wirksam, indem sie gute pädagogische Arbeit leisten, sich fortbilden und gegebenenfalls Unterstützung bei geeigneten Ansprechpartnern holen.

Seit 1977 gibt es an allen Berliner Oberschulen KontaktlehrerInnen. Im Volksmund werden sie oft Drogenbeauftragte, Drogenkontaktlehrer/innen, Beratungslehrer/innen oder Vertrauenslehrer/innen genannt. Das ist falsch. Aber ein Stückchen Wahrheit steckt in all diesen Benennungen: Beauftragt sind die Kontaktlehrer/innen Eltern, Schüler und Lehrer bei auftretenden Problemen zu beraten. Kontakt haben sie zu Beratungsstellen, zum Jugendamt, zur Erziehungs- und Familienberatung, zum Gesundheitsamt, zu Streetworkern und anderen Personen, die im Einzelfalle weiterhelfen können. Kontakt haben sie auch zu SchülerInnen in den Pausen und in ihren Freistunden. Und bestenfalls haben sie auch guten Kontakt zu den SchülerInnen, die sie unterrichten. Denn sie sind nicht nur zur Wissensvermittlung da, sondern auch für persönliche Gespräche. Das Vertrauen ihrer Gesprächspartner darf dabei aber nicht gebrochen werden. Was ihnen anvertraut wird, darf nicht weitererzählt werden. KontaktlehrerInnen werden aber auch bei Ordnungsmaßnahmen, die Missbrauch oder Handel von Drogen betreffen, beratend hinzugezogen. Kontaktlehrer/innen sind keine Therapeuten, sie sollten aber die Schüler/innen mit ihren Sorgen oder Problemen ernst nehmen. Darüber hinaus hat jeder Bezirk eine/n Koordinator/in, der/die eine entsprechende Fortbildung durchlaufen hat und regelmäßige Treffen der KontaktlehrerInnen organisiert. Diese Mitarbeiterbesprechungen dienen der Weitergabe von Informationen, der Kommunikation der KontaktlehrerInnen untereinander, der kollegialen Wissensvermittlung, der professionellen Fortbildung und der Fallbesprechung. Koordinatoren halten Kontakt zu bezirklichen und überregionalen Einrichtungen und Beratungsstellen und zur Schulaufsicht. Um auch überregional wirksam werden zu können, treffen sich die Bezirkskoordinatoren auf Landesebene zu regelmäßigen Arbeitssitzungen, auf denen der Austausch von Informationen, Fortbildung und Beratung, sowie Innovationen in der Suchtprophylaxe im Vordergrund stehen.

Suchtprophylaxe kann keine Wunder vollbringen, aber sie leistet einen wichtigen Beitrag zum Orientierungsbedürfnis von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und weist den Weg in die Un-"Abhängigkeit".

Gerhard Fridrichowicz, Doris Friedrich, Heinz Kaufmann, Alfred Seewald, Sigrun Spanke

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