Theateraufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Wiederum mit vielen Beiträgen und vielen begeisterten ZuschauerInnen das diesmal 13. (!) Neuköllner Theatertreffen der Grundschulen. Ich sah zwei Tanzstücke mit knappen Dialogpartien: Per Gynt mit der Musik von Grieg – vom Brautraub über Afrika zurück nach Norwegen; fantasievolle Kostme, unterschiedliche Tanzstile, gut zur Musik passend; leider bleiben die herzig anzuschauenden Trolle unerklärt. Dann Die unheimliche Höhle – aus dem Halbkreis gespielt, Tänze zu unterschiedlicher Musik, einfache, aber optisch attraktive Masken (schade, dass sie kaum en face gespielt werden, und schade auch, dass der Vorhang immer wieder den Ablauf unterbricht).
In Potsdam der Circus Montelino mit »... oder die Sehnsucht echt zu sein« : Wie en passant präsentieren die jugendlichen SpielerInnen ihre zirzensischen Techniken, fügen sie ein in die Alltagsbewegung eines kontaktlosen Durcheinandergehens, evozieren damit Gegenwart und moderne Welt, kontrastieren sie aber sogleich mit der Kontrastfigur eines Clowns und durch ein absurdes Paar mit Rätseldialogen; ihre Fragen und verblüffenden (Nicht)Antworten entwickeln sich zu einer kleinen Liebesgeschichte, diskret, leichthin – so wie auch das ganze Programm getragen ist von einer durchgängigen mühelos erscheinenden tänzerischen Beweglichkeit, duftig hingetupft. Die eigentliche Faszination des Programms aber geht aus von der intensiven Kommunikation der Spieler und Spielerinnen untereinander, von ihren Begegnungen, den selbstverständlichen Kontakten, dem Miteinander in den Auftritten, die immer wieder auch szenisch-theatral formuliert werden. Ein Programm mit einem ganz besonderen Zauber.
»Ehrensache« bei den Vaganten spielt in der Gegenwart einer gutachterlichen Untersuchung, die einen Mordfall wie die Motive des oder der Täter aufklären will. Die eigentliche Tat liegt also in der Vergangenheit; ihre indirekte Darstellung (durch Gespräche ÜBER das Ereignis) könnte also die Möglichkeit zu Brechungen und Reflexionen geben. Das wird jedoch vom Autor Lutz Hübner kaum genutzt. Er baut seine Spannung primär auf die »Aufklärung« des Tathergangs, nicht auf die mitlaufenden Motive und Gefühle und kaum auf Reflexionen NACH der Tat AUF die Tat; er begnügt sich mit Action. Freilich: der Text wartet auf mit flotten Sprüchen, flüssigen Dialogen, coolen Typen, bewegter Handlung, die bemerkenswert präzise und rasant gespielt wird. Das Stück erreicht sein Publikum – eine Vertiefung müsste die Nacharbeit in der Schule bringen (ab 14).
Kompromisslos klar realisiert die Tribüne ein finsteres Kapitel deutscher NS- und Medizingeschichte: Die Vernichtung und Verwertung lebensunwerten Lebens, beschönigend Erlösung oder Euthanasie genannt. »Tiergartenstraße 4« nennt den historischen Ort, nennt Täter und Opfer, zitiert aus Quellen, spielt die Problematik aber auch in die Gegenwart hinein: Wie gehen wir um mit Kranken, Alten, Hilflosen? Ein wichtiges Stück zu einem schwierigen Thema und ein vorzüglicher Anstoß nicht nur für Ethik, Religion, Geschichte (ab Sek II). Hans-Wolfgang Nickel
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