| Die Stadt-als-Schule Berlin
Mitten im Leben lernen
Die Stadt zum Lernort, zur Schule machen. Nicht nur für das Leben, sondern mitten im Leben lernen, ist ein Konzept aus Amerika. Dort gibt es diesen Bildungsansatz seit über 20 Jahren. Studenten der Fachhochschule für Sozialarbeit Berlin brachten das City-as-School-Konzept von einem Besuch in New York City mit.
Sie erprobten den Bildungsansatz, den sie dann "Praxislernen" nannten, in einem vierjährigen Modellversuch mit nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen unterschiedlicher Schulbildung und entwickelten die Idee weiter. 1992 wurde daraus ein Berliner Schulversuch im sozialen Brennpunktbezirk Kreuzberg für Schülerinnen und Schüler des 9. und 10. Schuljahres, die mit traditionellem Unterricht in Konflikt geraten sind.
"Praxislernen" versteht sich als ein Reformvorhaben schulischen Lernens, bei dem Tätigkeit in Ernst- und Alltagssituationen sowie deren Aufarbeitung und Reflexion zu Allgemeinbildung führen soll. Schüler erhalten die Möglichkeit, interessenbezogen, handlungs- und produktorientiert zu lernen. Die Stadt mit ihren vielfältigen Lerngelegenheiten wird für die Hälfte ihrer wöchentlichen Schulzeit zum Lernort.
Der zweijährige Bildungsgang ist in sechs Trimester unterteilt, sodass die Schüler insgesamt sechs Praxislernprojekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Berliner Betrieben, Verwaltungen, sozialen und kulturellen Einrichtungen durchführen.
Neue Lust am Lernen
Schüler erleben Schulzeit oft als unbedeutend im Hinblick auf ihre Lebenssituation. Familiäre Probleme, Gefühle von Sinn- und Perspektivlosigkeit, Langeweile durch Unterforderung, Überforderung, fehlende Anerkennung, fehlendes Interesse an ihrer Person und Lebenssituation von Seiten der Lehrer führen zu Schulunlust bis hin zur Schulverweigerung.
Es ist das lebensverbundene selbsttätige Lernen in Ernstsituationen, welches zu neuer Lernmotivation führt. So erleben Jugendliche Kenntnisse und Kompetenzen zum einen als persönliche Bereicherung, zum anderen als wesentliche Voraussetzung für das Berufsleben. Die Möglichkeit, von persönlichen Interessen sowie dem individuellen Leistungs- und Entwicklungsstand ausgehend, entdeckend lernen zu können, wird als reizvoll erlebt. Außerdem spielt die Anerkennung, die Jugendliche in der Erwachsenenwelt erhalten können, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Jugendliche wollen sich "im wirklichen Leben" beweisen und nicht länger Informationen aus zweiter Hand auf der Schulbank bekommen – ein altersgemäßes Bedürfnis!
Neue Lerninhalte
Nicht nur unter Bildungsfachleuten, Eltern und Schülern, sondern auch aus Wirtschaftskreisen wird der Ruf nach veränderten Bildungsinhalten und Kompetenzen lauter. Kooperations-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Teamgeist, Flexibilität und die Übernahme von Verantwortung sind Qualifikationen, die an Bedeutung gewinnen. Ebenso notwendig wird die Fähigkeit, sich immer wieder den neuen Anforderungen der Gesellschaft stellen zu können. Das bedeutet lebenslanges Lernen.
Ziele der Stadt-als-Schule Berlin
Diesen veränderten gesellschaftlichen Bedingungen und Anforderungen Rechnung tragend versteht die Stadt-als-Schule ihren Bildungsauftrag:
- Vermittlung von Faktenwissen auch über den Schulfächerkanon hinaus (z.B. Deutsch, Politik, Geschichte, Recht, Medizin, Psychologie, Chemie)
- Aneignung und Erweiterung von Fertigkeiten ( z.B. Verbesserung der Kulturtechniken, Herstellung von Holzverbindungen, Fahrradreparaturen)
- Ausbau von Methodenkompetenzen (z.B. Informationsgewinnung und -verarbeitung, Arbeitsplanung und -organisation)
- Weiterentwicklung von Sozialkompetenzen (z.B. Kritik- und Konfliktfähigkeit, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit)
- Stärkung von Selbstkompetenzen (z.B. Interessenentwicklung, Kreativität, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung)
- Entwicklung konkreter Lebens-, Ausbildungs- und Berufsperspektiven
Wie wird aus Tätigkeit Bildung?
Bei jedem Praxislernprojekt muss der Frage nachgegangen werden, wie der Lernprozess so gestaltet werden kann, dass das Lernen über das praktische Tun hinausgeht. Der jeweilige Praxisplatz mit den dort tätigen Menschen, den Arbeitsaufträgen, den für den Schüler potentiellen Betätigungsmöglichkeiten soll einen möglichst großen Aufforderungscharakter zum Handeln besitzen. Er soll zum Fragen und Ausprobieren anregen.
Im Verlauf ihres Praxislernprojektes planen und reflektieren die Schüler ihre Tätigkeit, erkunden Sachverhalte und Zusammenhänge, eignen sich Kenntnisse und Fertigkeiten, Arbeits- und Lernmethoden sowie Sozialkompetenz auf Grundlage eines individuellen Lernplans an. Dieser individuelle Lernplan wird jedes Trimester gemeinsam mit dem Schüler erarbeitet.
Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem materiellen oder ideellen Produkt (selbstständige Aufgabe) zu. Mit der Bearbeitung und Präsentation der selbstständigen Aufgabe zeigen sie, inwieweit sie in der Lage sind, sich Sachwissen anzueignen, Ressourcen zu nutzen.
Anders lernen heißt auch anders lehren
Der zuständige Pädagoge wird im Wesentlichen zum Berater, Organisator und Initiator von Bildungsprozessen. Am ausgewählten Praxisplatz prüft der Pädagoge das "setting". Ausgehend von der konkreten Praxisplatzsituation entwickelt der Pädagoge in Absprache mit dem Schüler und den Experten vor Ort dann im Laufe des Trimesters einen individuellen Lernplan.
Lehrer lernen von Schülern
Der Pädagoge begleitet das "Lernen in der Stadt", indem er regelmäßig Besuche am Praxisplatz vornimmt, gemeinsame Gespräche mit dem Mentor und dem Schüler über den jeweiligen Stand des Lernprozesses sowie weitere Schritte führt. Dabei wird der Pädagoge oft zum Lernenden, muss sich ständig in neue Sachgebiete einarbeiten und sich selbst den jeweiligen Praxisplatz erschließen.
Lernen in der Schule
An zwei Tagen in der Woche lernen die Schüler in der Schule. Ziel ist die Aufarbeitung, Vertiefung und Ergänzung der Erfahrungen aus den Praxislernprojekten sowie das Erarbeiten von Grundkenntnissen und Fertigkeiten.
Schüler sollen sich in der Kommunikationsgruppe austauschen, voneinander lernen und im eigenen Tempo an ihren Erkundungs- und Fachaufgaben arbeiten. Die Kommunikationsgruppe ist auch der Ort, an dem jeweils am Ende eines Trimesters die Präsentationen der Praxislernprojekte stattfinden. Hinzu kommen die Fächer Mathematik und Englisch, ein Wahlpflichtangebot (z.B. Musik, Kunst, Computer, Schreibwerkstatt) sowie die drei Lernbereiche "Sprache, Kunst und Kommunikation", "Gesellschaft und Wirtschaft" und "Natur und Technik", in denen interdisziplinär gearbeitet wird.
Leistungen messen und beurteilen
Ein gelungenes Praxislernprojekt schließt u.a. mit einem materiellen oder ideellen Produkt ab. Das kann eine schriftliche Auseinandersetzung mit dem Thema "Fernsehen für Kinder" an einem Praxisplatz in einer Kindertagesstätte, das Modell einer Aufschlussbohrung (Praxisplatz Brunnenbau) oder der mehrseitige Cartoon zum Thema "Ausländerfeindlichkeit" (Praxisplatz bei einem Cartoonisten) sein. Zum jeweiligen Projekt wird eine Dokumentation angefertigt, die Vorgehensweisen, einzelne Arbeitsschritte, fachliche Informationen und Ergebnisse enthält. In einer Präsentation stellt der Schüler sein Projekt der Kommunikationsgruppe und/ oder auf Trimesterendveranstaltungen der Schulöffentlichkeit vor.
Jedes Trimester erhalten die Schüler von ihren zuständigen Pädagogen einen ausführlichen Bildungsbericht von ein bis zwei Seiten über Lernerfolge am Praxisplatz und in der Schule sowie über ihr Arbeits- und Sozialverhalten. Ergänzt wird die verbale qualitative Beurteilung durch eine Punktebewertung, die Leistungen und Versetzungsentscheidungen "justitiabel" machen soll.
Stand Januar 1999
Seit dem Schuljahr '95/96 ist die vorläufige Endausbaustufe des Schulversuchs erreicht, sodass es zurzeit sieben Lerngruppen mit insgesamt 135 Schülern gibt. Der Schulversuch wurde im Sommer 1996 nach Beendigung der ersten Versuchsphase um weitere vier Jahre bis zum Jahre 2000/2001 verlängert und in Bezug auf die Adressatengruppe erweitert. Ab dem Schuljahr '97/98 dürfen nun bis zu 30% Schüler aufgenommen werden, die noch nicht schulgescheitert sind. Der Antrag der Stadt-als-Schule, gleichberechtigt mit anderen Berliner Hauptschulen bei entsprechenden Leistungen auch einen dem mittleren Schulabschluss (Realschulabschluss) gleichwertigen Abschluss vergeben zu können, wurde im Frühjahr '96 gestellt und im Sommer '97 genehmigt, sodass Schüler seit dem Schuljahr '97/98 auch den mittleren Schulabschluss erlangen können.
Petra Perten
Nachtrag Dezember 2001:
Mit dem Schuljahr 2000/01 ist die Versuchsphase von 9 Jahren beendet und die Schule in eine Hauptschule besonderer pädagogischer Prägung überführt worden. Der Arbeitsrahmen der Stadt-als-Schule ist im wesentlichen gleich geblieben.
Abweichend vom Schulversuch wird nunmehr mit Halbjahren gearbeitet. Die Adressatengruppe ist weiter geöffnet worden. |