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Nr. 09/1999
Schwerpunkt: Bildungspolitik
Schulen unter Lupe genommen

Berliner Tagespresse stellte den Neu-Berlinern in großen Serien die Hauptstadt-Schulen vor.

Die Lokalredaktion des Tagesspiegel schickte im Herbst 1998 alle verfügbaren Leute auf Erkundungsjagd, um den Bonnern die Berliner Schulen näher zu bringen. Über fünfzig Schul-Porträts kamen in der Reihe "Berlins besondere Schulen" zusammen.

Zunächst ging es zu den stadtbekannten Gymnasien mit Orgel-AG, Rudermannschaft oder Schulchor - und möglichst grundständig oder doch dies anstrebend. Bis zur zwölften Folge war deshalb klar, was man beim Tagesspiegel unter einer "besonderen Schule" versteht. Dann aber kam eine unerklärliche Wende: Gut, eine Sonderschule ist schon deshalb besonders, weil sie eben eine Sonderschule ist. Auch das OSZ Chemie, Physik, Biologie ist in Berlin besonders: es gibt ja nur dieses eine. Aber mit der zuvor verwendeten Definition von "besonders" hatte das nur wenig zu tun - was der Serie nur gut getan hat! Nun wurde exemplarisch an einigen Schulen demonstriert, wie bunt die Schullandschaft in Berlin ist.

Diesen Eindruck bekommt man auch in der blz-Serie "Schulen in Berlin", in der Schulen selbst zu Wort kommen und ihre Arbeit vorstellen. Eine solche Serie hatte die blz zwar schon lange geplant, aber immer wieder verschoben: Erst der Ärger über die Tagesspiegel-Serie brachte den notwendigen Schub. In der blz sollen auch weiterhin in lockerer Folge Schulen zu Wort kommen. Vielleicht erhalten einige Kollegien durch diese Artikel auch Anregungen für Änderungen an ihrer Schule: "Das könnten wir doch auch mal machen! Die rufe ich mal an! Die machen das Gleiche wie wir!"

Die Berliner Zeitung zog erst im März 1999 mit einer Studie von Bildungsforschern der Humboldt-Universität nach. Immerhin 908 allgemein bildende Schulen waren angeschrieben worden, 633 Schulen hatten den siebenseitigen Fragebogen ausgefüllt zurück geschickt. "Es fällt schwer zu glauben, dass es in fast jeder dritten Schule unmöglich gewesen sein soll, die erbetenen Angaben zu machen. Offenbar verstehen die Lehrer nicht überall die eigene Bildungsarbeit als Angebot, für das zu werben sich lohnt", schreibt enttäuscht der Leiter der Studie, Professor Rainer H. Lehmann.

Anders als beim Tagesspiegel standen in der Studie der Berliner Zeitung die harten Daten der Schulen im Mittelpunkt: Ausstattung, Verkehrslage, Essen-Angebote, Anzahl der Schüler pro Lehrer, Anzahl der Schüler pro Computer. Nachdem die wichtigsten Ergebnisse der Studie in mehreren Artikeln dargelegt und interpretiert wurden, hat die Berliner Zeitung alle Ergebnisse tabellarisch zusammengefasst und als Beilage der Zeitung veröffentlicht. Leider fehlen einige wichtige Daten: Welche Gesamtschulen haben eine Oberstufe? Ist die Schule eine Ganztagsschule? Über welche Schulen kann man im Internet etwas erfahren?

Bei einigen Ergebnissen der Studie frage ich mich, ob der Aufwand ein vernünftiges Verhältnis zum Ertrag hat: Dass die Bausubstanz der Schulen in den Ost-Bezirken allgemein schlechter ist als in den West-Bezirken, ist nicht gerade eine neue Information. Ebenso wenig, dass in den Ost-Bezirken die Versorgung mit Frühstück und Mittagessen wesentlich mehr verbreitet ist als in den West-Bezirken. Auch dass die wenigsten Grundschulen voll mit Computern ausgestattet sind oder gar über einen Internet-Anschluss verfügen, ist bekannt.

Andere Ergebnisse sind wiederum ohne Erklärung nicht besonders aussagekräftig: Die reine Zahl der Schüler/Lehrer-Relation sagt nicht viel aus, wenn nicht gleichzeitig mitgeteilt wird, auf Grund welcher Eigenheiten der Schule diese Zahl zu Stande kommt (Integrationsklassen, Anteil Kinder nichtdeutscher Herkunft, Modellversuch usw.).

Aufschlussreich sind die Daten über die Computerdichte an Schulen. Bei den Gymnasien schneidet beispielsweise das Französische Gymnasium mit 238 Schülern pro Computer am schlechtesten ab, da kann sich das Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium (das als weitere Fremdsprache übrigens nicht Türkisch, sondern Spanisch anbietet) mit 86 Schülern pro Computer an zweitletzter Stelle noch sehen lassen. Das Canisius-Kolleg machte sicherheitshalber bei diesen für eine Privatschule sensiblen Daten keine Angaben. Bis diese Schulen den Standard der Kreuzberger Lina-Morgenstern-Gesamtschule (16 Schüler pro Computer) oder gar der Hohenschönhausener Fritz-Reuter-Gesamtschule (13 Schüler pro Computer) erreichen, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Aber vielleicht sollten sie sich erst einmal am Berliner Durchschnitt orientieren: der liegt bei 37 Schülern pro Computer. Ob es sich die Walter-Gropius-Gesamtschule in Neukölln noch lange leisten kann, dass sich bei ihr 74 Schüler um einen Computer drängen, während es in der Fritz-Karsen-Gesamtschule in unmittelbarer Nachbarschaft lediglich 39 Schüler sind - die noch dazu im Schulchor singen dürfen? Man sieht: Bei genauerem Hinsehen können aus der Studie noch einige Funken geschlagen werden.

Sehr nützlich, insbesondere für Neu-Berliner, sind Informationen, die man sonst mühsam erfragen muss: die Entfernung zum nächsten Bus, das Essens-Angebot der Schule oder auch die Schulwegsicherung. Allerdings wird der Informationsgehalt der Studie dadurch eingeschränkt, dass 300 Schulen nicht erfasst wurden. Vielleicht ist gerade die Schule nicht dabei, die man schon immer gesucht hat! Die Alt-Berliner haben diese Informationsoffensive über die Berliner Schulen möglicherweise mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Da kriegen die Bonner einen Service, der uns nie geboten wurde. Was die Hoffnung auf einige neue Abonnenten so alles bewirken kann!

Klaus Will

Das vom LSA herausgegebene Verzeichnis der Berliner Schulen gibt es beim Kulturbuch Verlag für 25 Mark, als CD-ROM für 24,95 bei der Berliner Schulwerbungs-GmbH. Die monatlich aktualisierte Fassung des Schulverzeichnisses findet man im Internet unter: http://home.t-online.de/home/LSA.

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