Bildung ist auch ein Standortvorteil
Über den Bildungsverbund in der Gropiusstadt und im Brunnenviertel
ein Gastkommentar von Frank Bielka, Vorstand der Wohnungsbaugesellschaft Degewo
Ein Berliner Wohnungsunternehmen, das sich mit dem Thema Bildung beschäftigt? Die zunächst skeptischen Blicke, die ich dafür manchmal ernte, wandeln sich schnell in Staunen und Anerkennen, wenn die Zusammenhänge klar werden. Denn auch wenn wir, als Degewo, ein ungewöhnlicher Mitspieler auf der Bildungsbühne Berlin sind, so wissen wir doch um die Bedeutung der Schulen und Kindertagesstätten für ein Wohngebiet. Die Infrastruktur für Kinder und Jugendliche ist, neben der Wohnqualität, ein wesentlicher Faktor für die Stabilität eines Kiezes.
Bildungsverbund im Kiez
Viele Eltern entscheiden sich für die Zukunft ihrer Kinder und wollen dort wohnen, wo ihre Kinder eine Perspektive in den Kitas und Schulen bekommen. Finden sie diese Rahmenbedingungen nicht vor, ziehen sie erst gar nicht hin oder ziehen weg, wenn die Kinder in das entsprechende Alter kommen. Dem Kiez tut das nicht gut. Die Schulen als Seismografen der Stadtquartiere bekommen diese Entwicklung sehr schnell zu spüren.
Im Weddinger Brunnenviertel haben wir bereits vor einigen Monaten einen Bildungsverbund ins Leben gerufen. Nach den guten Erfahrungen übertragen wir das Modell jetzt nach Neukölln, wo sich sieben Schulen zum Bildungsverbund Gropiusstadt zusammenge schlossen haben. Das Gemeinsame lautet: Den neuen Herausforderungen begegnen, mit denen die Schulen heute konfrontiert sind, bessere Ergebnisse erzielen und den Bildungsstandort aufwerten. Oder anders ausgedrückt, nach neuen Wegen suchen, bevor es Pro- bleme gibt. Denn alle Akteure im Kiez registrieren sehr genau, dass in der Gropiusstadt der Anteil von SchülerInnen mit Migrationshintergrund wächst, schneller sogar als in der Gesamtbevölkerung Berlins.
Was aber haben LehrerInnen davon, wenn sich ein Wohnungsunternehmen wie die Degewo aktiv einmischt und einen Bildungsverbund initiiert? Um eines vorweg klarzustellen: Die Degewo nimmt nicht für sich in Anspruch, den pädagogischen Sachverstand liefern zu können. Unsere Leistung besteht vielmehr darin, die Akteure im Stadtquartier zu vernetzen. Das hat mit dem Bildungsstadtrat von Neukölln, Wolfgang Schimmang, begonnen, einem Partner, der sich der Bedeutung von Schulen und Kindertagesstätten für einen Kiez schon länger bewusst ist. Mit seiner Unterstützung konnte ich die Schulaufsicht des Berliner Senats von der Idee überzeugen, Schulen, Freizeiteinrichtungen, das Quartiersmanagement, ehrenamtlich Engagierte, Elternvereine, Unternehmen und die Verwaltungen zusammenzuführen, um den Bildungsstandort Gropiusstadt zu stärken.
Zunächst bedeutet das Engagement im Bildungsverbund für die LehrerInnen vor allem eins: mehr Arbeit. Doch das schreckte die Schulen in der Gropiusstadt keinesfalls, ganz im Gegenteil: Fast 300 LehrerInnen sowie VertreterInnen der Schulbehörde kamen Anfang April zur »Zukunftswerkstatt«, um Ziele und Vorgehensweise der beteiligten Schulen zu diskutieren.
Degewo als Katalysator im Stadtquartier
Als Teilziele hat sich der Bildungsverbund zunächst auf die Verbesserung der Zusammenarbeit mit den Eltern, auf eine engere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft zur Berufsvorbereitung, auf die Verbesserung der Übergänge von der Kita in die Grundschule und von der Grundschule in die Oberschule und auf die Steigerung der Methodenkompetenz durch mehr Teamarbeit geeinigt.
Der Neuköllner Schulrat Helmut Hochschild hat unsere Initiative auf dem Treffen als Win-win-Situation bezeichnet: »Durch den Bildungsverbund von Schule und Wirtschaft lernen die Schülerinnen und Schüler die Wirklichkeit kennen. Die Schulen profitieren durch ein breites Angebot und die Degewo verbessert durch den Bildungsverbund die Qualität der Schulen und stabilisiert damit den Kiez.«
Auch wenn der Impuls von außen, von einem Wohnungsunternehmen, für viele AkteurInnen vor Ort zunächst neu, ungewöhnlich und überraschend ist, erkennen doch alle sehr schnell die Chancen, die sich ihnen dadurch bieten. Wir verstehen unsere Rolle hier als Katalysator im Stadtquartier.
Einbeziehung der Eltern
Fragt man die am Verbund beteiligten LehrerInnen, so wünschen sie sich Unterstützung von außen, beispielsweise um eine Brücke zu den Eltern zu schlagen, die immer schwerer zu erreichen sind, für die Mitarbeit aber gewonnen werden müssen. Ohne unterstützende Eltern haben es Kinder und Schulen schwer, erfolgreich zu sein. Dennoch ist die Kommunikation zwischen Eltern und Schule gerade in der Gropiusstadt nicht leicht. Hier leben viele Menschen, die, sagen wir es mal ganz direkt, kein sehr inniges Verhältnis zum deutschen Bildungswesen haben. Manchmal sind die Schwellen zu hoch, manchmal ist es einfach Unkenntnis, warum der Dialog nicht klappt. Viele Schulen haben erkannt, dass es nicht hilft, auf die Eltern zu warten oder sie schlicht zu ignorieren. Die Schulen wissen, dass sie eine Brücke zu den distanzierten Eltern schlagen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. So tun sich die Schulen zusammen und suchen nach erfolgreichen Praxisbeispielen. Und dabei hilft dann der Koordinator, der ursprünglich von der Degewo geschickt wurde. Und so schließt sich der Kreis: Wenn die Schulen Erfolge vorzuweisen haben, unterstützen sie die soziale Stabilität der Wohnquartiere – denn sie halten aufstiegswillige Familien oder ziehen diese gar an und tragen damit zur Lebensqualität in deren Umfeld bei. Davon profitieren alle, die Wohnungsgesellschaft wie andere lokale Anbieter und auch die LehrerInnen, die dann in einem ganz anderen Umfeld und Klima arbeiten können. Gemeinsames Interesse sollte es sein, ein lebendiges und attraktives Quartier zu schaffen. Das Projekt trägt bereits Früchte. Im Herbst ist beispielsweise eine Schulmesse ge plant, in deren Rahmen sich alle Schulen und Kitas vorstellen.
Wir sind außerdem stolz darauf, dass die Bundesregierung im Rahmen ihrer nationalen Stadtentwicklungspolitik den Bildungsverbund als ein Projekt des Experimentellen Wohnungs- und Städtebaus (ExWoSt) in die Förderung aufgenommen hat. Das zeigt uns, dass auch außerhalb Berlins registriert wird, welche Chancen in der Initiative stecken.
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