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Nr. 11 / 2008: Jeder Fortschritt beginnt mit einem ersten Schritt

Jeder Fortschritt beginnt mit einem ersten Schritt

Zur Zusammenführung von Haupt- und Realschule

von Siegfried Arnz, Referatsleiter in der Senatsverwaltung für die Pilotphase der Gemeinschaftsschule

Seit ich Lehrer bin – und in der GEW – streite ich für die Überwindung des selektiven Schulsystems, das viele Kinder und Jugendliche um ihre Zukunftschancen bringt. Ich habe mich als Lehrer, als Hauptschulleiter und jetzt in der Senatsverwaltung dafür eingesetzt, dass für die SchülerInnen in den Hauptschulen, die über die Schule hinaus kaum eine Perspektive haben, gute Schule gelingt.

Es ist – trotz der unbestrittenen Leistungen der Hauptschulen – unsinnig, die »schwierigsten« Jugendlichen mit dem größten Unterstützungsbedarf in einer Schulform zusammenzufassen und dabei zu glauben, dies sei für deren Entwicklung gut. Jeder weiß, dass die entscheidende Funktion der Hauptschule ist, Auffangbecken zu sein für in anderen Schulformen Gescheiterte. Genau darin liegt für viele die Provokation in den Eckpunkten für eine Veränderung der Schulstruktur, die Senator Zöllner im September zur Diskussion gestellt hat. Das Auffangbecken soll geschlossen werden, nicht irgendwann, sondern am 1. August 2010.

Die Zahl der Anmeldungen in den Hauptschulen sinkt von Jahr zu Jahr, die Klassen werden immer schwieriger. Die Hälfte der 12.000 SchülerInnen sind Absteiger aus anderen Schulen, vorwiegend aus Realschulen, aber auch aus Gymnasien und Gesamtschulen. Die Schließung der Hauptschulen – oder deren Auslaufen oder die Zusammenführung mit den Realschulen oder deren Aufgehen in Regional- oder Gemeinschaftsschulen – bedeutet: Der Stempel »Hauptschüler« und die Möglichkeit, Schüler in die Hauptschule durchzureichen, entfällt. Diese Herausforderung anzunehmen ist das Gebot der Stunde.

Der Streit über das Zusammenführen der Haupt- und Realschulen sollte pragmatisch unter der Frage geführt werden, wem es nützt und wie es durchsetzbar und organisierbar ist. Natürlich wünsche ich mir die Gemeinschaftsschule, im Moment sicher das innovativste Schulentwicklungsprojekt in Berlin, so schnell wie möglich als nicht selektierende optimal fördernde Schule für alle, in die auch die Sonderschulen aufgelöst werden. Ich bin überzeugt, dass eine solche Schule erfolgreich sein kann.

Ob der Vorschlag des Senators, in der kommenden Legislaturperiode neben dem Gymnasium eine starke zum Abitur führende Schule zu etablieren, nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer Schule für alle ist oder ob man ihm folgt und akzeptiert, dass eine Überwindung des Gymnasiums zur Zeit in Deutschland politisch nicht durchsetzbar ist – ohne gut geplante und umgesetzte Zwischenschritte kommen wir dem Ziel »weniger Selektion und mehr Chancengerechtigkeit« nicht näher. Wem also nützt der vorgeschlagenen erste Schritt?

Sicher den Schülern in den Hauptschulen, die in anregenderer Lerngemeinschaft gefördert werden und ihren Lehrkräften, deren Engagement mehr Erfolg hätte. Auch den Schülern der Realschulen, die nicht mehr vom Abstieg bedroht sind und bessere Förderbedingungen erhalten und ihren Lehrkräften, die besser auf die Vielfalt ihrer Schüler eingehen können. Es kommt jetzt darauf an, den Schnitt mit der Hauptschule zu wagen und die beteiligten Schulen zu ermutigen, diese Chance zu ergreifen. Dazu gehören Konzepte wie Duales Lernen, Rahmenbedingungen wie angemessen ausgestatteter Ganztagsbetrieb, sichere Anschlussmöglichkeiten zu Abitur und Berufsausbildung und bestmögliche Unterstützung durch Prozessbegleitung und Fortbildung. Dafür trete ich ein und werbe dafür, diese historische Chance nicht zu zerreden sondern sie zu nutzen und zum Erfolg zu führen.

 

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