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Nr. 12 / 2008: Ungleiche Chancen in Berliner Bezirken

Ungleiche Chancen in Berliner Bezirken

Der Prozentsatz von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf spiegelt eine sehr unterschiedliche regionale Bewilligungspraxis wider

von Frank J. Müller, GEW-AG für Inklusion und Ulf Preuss-Lausitz, TU Berlin

Wer wissen möchte, wie groß der Anteil Schülerinnen und Schüler mit den Förderschwerpunkten »Körperlich/motorische Entwicklung«, »Sehen«, »Hören« und »Geistige Entwicklung« an allen der Jahrgänge eins bis zehn in Berlin ist, kann dies über die aktuelle KMK-Statistik* errechnen: Insgesamt 2,9 Prozent (»Lernen«, »Emotional und soziale Entwicklung« und »Sprache« 3,8 Prozent). Wer aber wissen will, wie unterschiedlich sich der Anteil in den Berliner Bezirken verteilt, erhält keine Informationen. Erfasst werden bezirksweise nur jene Kinder, die in Förderschulen des Bezirks gehen, unabhängig von ihrem Wohnbezirk. Wie viel Steglitzer SchülerInnen zum Beispiel hörbehindert sind und einen Förderbedarf haben, wäre jedoch für eine langfristige integrative wohnortnahe Planung wichtig. Auch weiß niemand, ob etwa geistigbehinderte Schüler in den bezirklichen Alterskohorten sich aus sozialen, und damit gesundheitlichen, Gründen ungleich verteilen. Die Schulen mit dem Förderschwerpunkt »Geistige Entwicklung« existieren nicht in jedem Bezirk und haben daher größere Einzugsbereiche. Die Statistik rechnet dann diese SchülerInnen dem Schul- und nicht dem Wohnbezirk zu. An genaueren Angaben scheint die Verwaltung desinteressiert.

Um bezirkliche Unterschiede sichtbar zu machen, kann man sich jedoch auf den Förderschwerpunkt Lernen konzentrieren, denn es gibt über 40 Schulen in allen Bezirken der Stadt. Wir stellen für diesen Förderbereich pro Bezirk die Förderquote (alle Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf »Lernen«), die Integrationsquote (Kinder mit 2,7dem FB »Lernen« im gemeinsamen Unterricht) und die Sonderschulquote (Kinder mit dem FB »Lernen« in Sonderschulen) dar. Es gibt extreme Bezirksunterschiede, sowohl in der Förderquote als auch im Integrationsanteil. Sind Hellersdorfer SchülerInnen dreimal dümmer als Schöneberger? Und warum werden sie dort so selten integriert, siebenmal seltener als in Kreuzberg? Meist gilt: Hohe Etikettierungsquoten sind verbunden mit geringer Bereitschaft zum gemeinsamem Unterricht. Vor allem Ostberliner Bezirke etikettieren gern (trotz geringer Migrantenanteile) und sondern gern aus.

Der AK Gem hat diese Tatsache den Bildungssenatoren wiederholt vorgetragen, ohne erkennbare Wirkung. Zwar ist der Senat aus Einsparungsgründen an einer geringeren Förderquote interessiert, aber Integration wird behandelt wie ein lästiges Erbe. Stattdessen wird auf die »Autonomie« der Bezirke verwiesen, so als ob es kein gemeinsames Schulgesetz mit dem Vorrang der gemeinsamen Erziehung und keine politische Verantwortung gäbe. Und was tun die Bildungspolitiker der SPD und der sonst so engagierten Linken? Sie ignorieren Bezirksunterschiede bei der Integration, dabei bedeuten diese: ungleiche Bildungschancen – zu Lasten der Kinder.  

 (alte) Bezirke  Förderquote  Integrationsquote  Sonderschulquote

Mitte

2,8

2,7

97,3

Marzahn

5,5

9,9 

90,1 

Hellersdorf 

6,1 

10,7 

89,3 

Hohenschönhausen 

4,2

10,9 

89,1 

Lichtenberg 

3,9 

10,5 

89,5 

Treptow 

3,5 

13,6 

86,4 

Pankow

3,6 

17,5 

82,5 

Zehlendorf 

1,5 

18,6 

81,4 

Köpenick 

2,5 

19,6 

80,4 

Prenzlauer Berg

1,4

 24,8

75,2 

Neukölln 

3,8 

26,9 

73,1 

Friedrichshain 

2,4 

26,8 

73,2 

Tempelhof 

1,7 

31,2 

68,8 

Wilmersdorf 

1,8 

41,3 

58,7 

Charlottenburg 

1,4 

42,1 

57,9 

Reinickendorf 

2,3 

43,9 

56,1 

Wedding 

3,7 

53,8 

46,2 

Tiergarten 

3,7 

57,3 

42,7 

Steglitz 

1,4 

59,3 

40,7 

Schöneberg 

2,1 

60,4

39,6

Spandau 

2,4

67,0 

33,0 

Kreuzberg 

3,0 

71,2 

28,8 

Berlin West 

2,5 

46,5 

53,5 

Berlin Ost 

3,6 

14,3 

85,7 

Berlin gesamt 

2,8 

33,3 

66,7 

Tabelle Förderschwerpunkt Lernen: Förderquote, Integrationsquote und Sonderschulquote, nach (alten) Bezirken, 2007/2008, in v.H. (Kl.1-10)


*KMK: Sonderpädagogische Förderung in Schulen 1997 bis 2006 (Stat. Veröff. Nr. 185), Bonn April 2008

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