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Nr. 12 / 2008: Die vergessenen Klassen

Die vergessenen Klassen

Über die Kleinklassen für zugezogene nichtdeutsche SchülerInnen

von Christiane Thöne, blz-Redaktion

Jelson kommt schon wieder zu spät. Er öffnet die Tür nur wenig und nähert sich gebeugt dem Lehrertisch. »Zu spät«, sagt er leise und geht zu seinem Platz. Er möchte sich entschuldigen, aber er kann es noch nicht auf Deutsch.

Jelson kommt aus dem Kongo. Sein Alter ist schwer zu schätzen. Er sagt, er sei 15. Er ist seit einem halben Jahr in Berlin. Wie er hierher gekommen ist, kann er nicht erzählen und wenn er es eines Tages erzählen kann, wird er es vielleicht nicht tun. Jelson kam allein nach Berlin. Es hätte auch eine andere große deutsche Stadt sein können. Ihm sagte keine etwas. Er wusste auch gar nicht, dass er auf dem Flughafen in Berlin gelandet war.

Er lebt jetzt in einem Heim für unbegleitete Jugendliche weit draußen am Stadtrand. Es geht ihm gut, sagt er. Er hat Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Die Betreuer sind nett. Jelson schläft schlecht. Eigentlich kann er nachts gar nicht schlafen. Manchmal schläft er im Unterricht. Dann, wenn er mal nicht zu spät kommt.

Jelson geht in einer Berliner Hauptschule in eine Kleinklasse. Dort lernt er Deutsch. Seine MitschülerInnen kommen aus der allen Teilen der Welt. Manche sind in ihren Heimatländern nie in eine Schule gegangen, mussten Bürgerkriege und Vertreibung erleben, einige haben schon einen Schulabschluss gemacht.

Die Pommernschule hat vier solcher Kleinklassen. Sie sind in vier Niveaustufen eingeteilt. Die Kleinklasse 1 beginnt mit »Wie heißt du?« und die Kleinklasse 4 endet mit der Eingliederung in die Regelklassen. Jelson ist immer noch in der Kleinklasse 1. Er lernt nur langsam. Es gibt kein Wörterbuch für seine Stammessprache. Seine Arbeit ist mühsam, aber er gibt nicht auf. Heute sieht er besonders schlecht aus. Er hat einen Termin bei der Ausländerbehörde. Seine Duldung läuft ab. Er wird noch oft solche Termine haben. Am Tag danach ist er froh. Er hat es wieder für drei Monate geschafft. Er zeigt sein Papier in der Klasse herum. Seine MitschülerInnen nicken verständnisvoll. Mehrere teilen seine Sorgen. Auch sie sind unbegleitete Flüchtlinge, meist aus den Krisengebieten dieser Welt.

Aber da gibt es auch Magda aus Polen, die mit ihren Eltern nach Berlin gekommen ist. Sie ist erst 13, gut gelaunt, oft übermütig. Sie ist gern hier, das Lernen fällt ihr leicht. Häufig fährt sie am Wochenende zu ihrer Oma nach Poznan.

In Kleinklassen gehen aus dem Ausland zuziehende SchülerInnen nichtdeutscher Herkunftssprache. Sie dienen ausschließlich dem Spracherwerb Deutsch mit dem Ziel des Übergangs in eine Regelklasse. Dieses Ziel sollen die SchülerInnen in nur 36 Unterrichtswochen erreichen. Kleinklasse bedeutet Vielfalt und Verschiedenheit: verschiedene Schicksale, verschiedene Hautfarben, verschiedene Altersstufen und verschiedene Lernvoraussetzungen. Kleinklassen für Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache gibt es schon lange in Berlin, nur hießen sie früher Vorbereitungsklassen, Eingliederungslehrgänge oder Förderklassen und es waren maximal zwei Schuljahre für den Spracherwerb vorgesehen. Im Schuljahr 2005/ 2006 wurden 2.116 SchülerInnen in 196 Kleinklassen unterrichtet. Allein in Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es in diesem Schuljahr sieben dieser Klassen. Schon immer wurden sie gern an Hauptschulen angegliedert. Welche Gründe wohl dafür hergehalten haben mögen? Im Schulgesetz werden sie nicht mehr erwähnt. Es wundert deshalb nicht, dass viele KollegInnen, auch SchulleiterInnen, nichts von und über Kleinklassen wissen.

Viele SchülerInnen erreichen überdurchschnittliche Schulabschlüsse auf der Hauptschule oder wechseln vorher auf Gesamtschulen oder Gymnasien. Nicht nur deshalb sind sie ein wichtiger Teil der Berliner Schullandschaft und verdienen Beachtung: be Berlin!  

 

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