Lernbehinderte Kinder brauchen keine Sonderschule
Ein Bericht aus der Praxis
von Edeltraud Huldisch, Schulleiterin der Paul-Moor-Schule in Spandau
Ich berichte aus der Paul-Moor-Schule in Spandau, einer Schule, die zwei Schulen unter einem Dach vereint, mit einem Kollegium und einer Schulleitung: eine Grundschule und Sonderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Anfang der 90er Jahre machten wir LehrerInnen uns auf den Weg, »Integrationspädagogisches Zentrum« zu werden. Wir hatten die Erfahrung gemacht, dass die separierte Förderung von SchülerInnen kaum erfolgreich ist und insbesondere die Jugendlichen ihre Ausgrenzung negativ erlebten. Sie versteckten sich morgens vor Gleichaltrigen, um beim Betreten unserer Schule nicht gesehen zu werden.
Am Lernen gehindert
Aus der Schule für Lernbehinderte wurde 1992 eine zweizügige Grundschule mit Integrationsklassen und einem kleinen Sonderschulzweig. In unserer Grundschule lernen im gemeinsamen Unterricht 8 bis 12 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Jahrgang. Wir hofften die Sonderschule überwinden zu können, da in Spandau schon damals viele Schulen integrative Arbeit leisteten. In den letzten Jahren gab es einen Ansturm auf die Sonderklassen. Wir mussten wieder Klassen mit dem Förderschwerpunkt Lernen im Grundschulalter einrichten. ÄrztInnen, VertreterInnen von Ämtern und Organisationen, LehrerInnen raten den Erziehungsberechtigten, ihr Kind in der Sonderschule anzumelden: Es brauche kleine Klassen und eine ruhige Lern-atmosphäre. Ja, beides braucht das Kind. Das aber ist in der Sonderschule mit Förderschwerpunkt Lernen nicht zu finden; in unserer Schule nicht. In unseren Sonder-Klassen sind beinahe ausschließlich Kinder aus sozial schwächsten Familien zusammengefasst, deren Verhaltensprobleme alle am Lernen hindern. Selbst erfahrene SonderpädagogInnen berichten mir, dass in ihren Sonder-Klassen eine Förderung derzeit nicht möglich ist. In der kleinen Klasse mit 10 Kindern gibt es Streit und Konflikte, Lärm, Störungen, Herum- und Hinausrennen. An gezieltes Lernen ist nicht zu denken. Haben dann die KollegInnen nach Monaten Schwerstarbeit einen Grundstein gelegt, kommt ein neuer Schüler oder Schülerin mit neuen Verhaltensschwierigkeiten und die Aggressionen fast aller Kinder sind wieder an der Tagesordnung. Einzelne Lernwillige werden massiv am Arbeiten gehindert.
Störendes Verhalten potenziert sich
Es kann doch nicht sein, dass Fachleute nicht wissen, dass sich störendes Verhalten potenziert, wenn Kinder mit ähnlichen Problemen zusammengefasst werden. Sie behindern sich wechselseitig. Besonders ärgerlich ist es, wenn SonderpädagogInnen, oft AmbulanzlehrerInnen an den Grundschulen, bei uns anrufen, da bekäme ein Kind den Förderschwerpunkt Lernen und es käme in seiner Grundschulklasse nicht mehr mit, also müsse es in die Sonderschule! Wir raten den KollegInnen, bei uns zu hospitieren. In den Sonderklassen sind kaum Doppelsteckungen von Lehrkräften vorgesehen. SchulhelferInnen wurden uns noch nie bewilligt. Eine Schulstation wurde wegen Geldmangels geschlossen.
Wir helfen uns in Kooperation mit der Grundschule: Der Schulhelfer eines behinderten Kindes der Grundschule springt in Notsituationen in den Sonderklassen ein und arbeitet mit einzelnen Kindern oder Jugendlichen im Schulgelände. Akut schwer zu steuernde Kinder werden tageweise oder länger in eine Grundschulklasse umgesetzt und ihr Verhalten ändert sich umgehend. Schwierige ältere SchülerInnen werden mitunter als ComputerhelferInnen in den Anfangsklassen eingesetzt. Die SchülerInnen der Sonderklassen profitieren von der Atmosphäre und dem Ansehen der Grundschule, doch dass sie »SonderschülerInnen« sind, bleibt ihnen bewusst.
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