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Nr. 12 / 2008 : Wir müssen integrativer werden

Wir müssen integrativer werden

Über notwendige Änderungen im Ganztagsbetrieb

von Hedwig Matt, Lehrerin an der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg

Beeil dich, Janina! Wir gehen gleich essen.« Cem und Lena sind in dieser Woche Janinas Partnerkinder. Nach Schluss des Unterrichts warten sie auf ihre Mitschülerin und achten darauf, dass sie Jacke und Schultasche mitnimmt, bevor sie gemeinsam über den Schulhof zum Hortgebäude gehen. Janina ist ein Kind mit Down-Syndrom.

Janina hat Glück

Seit drei Jahren arbeitet Janinas Schule mit offenem Ganztagsbetrieb. In diesem Schuljahr hat Janina Glück: In ihrer Hortgruppe ist neben der Erzieherin eine Facherzieherin für Integration, die auch vormittags stundenweise im Unterricht mitarbeitet. Sie kann gut einschätzen, was sie Janina am Nachmittag noch abverlangen kann. Heute war Schwimmunterricht. Janina ist müde und darf sich in die Polsterecke zurückziehen. An der Wochenhausaufgabe arbeitet sie morgen weiter. Die Facherzieherin verlässt nun für eine halbe Stunde die Hortgruppe und trifft sich mit dem LehrerInnenteam, um das Wichtigste für die nächste Woche zu besprechen. Dazu ist nämlich sonst wenig Gelegenheit.

Nicht alle profitieren vom Ganztagsbetrieb

Leider profitieren nicht alle der 30 Integrationskinder an Janinas Schule wie sie von der Umstellung auf den Ganztagsbetrieb. So kann Serhats Gruppe wegen seines Rollstuhls nur im Schulhaus betreut werden; im Hortgebäude gibt es keinen Fahrstuhl, auch fehlt es dort an Räumen. Das hat zur Folge, dass Serhats Klassenzimmer für den Unterricht und die Hortzeit genutzt wird. Zwischen den Schultischen kann er sich kaum fortbewegen, seine Ecke zum Ausruhen und Ausstrecken ist eng und alles andere als ruhig.
Sheyla, schwer mehrfach behindert, ist in der 5. Klasse. In diesem Jahr muss sie sich in eine neue Hortgruppe mit jüngeren Kindern eingewöhnen, weil ihre KlassenkameradInnen wegen der Altersgrenze den Hort nicht mehr besuchen dürfen – eine Belastung, die pädagogisch von ErzieherInnen und LehrerInnen aufgefangen werden muss. Das gilt auch für Kinder, die deutliche emotionale und soziale Schwierigkeiten haben. Auch für sie braucht es in der Ganztagsschule mehr ruhige Räume, viel Zuwendung und Zeit, die nicht immer gegeben ist, weil Räume und Ressourcen zu knapp bemessen sind.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass die Chancen der Ganztagsschule oft noch nicht ausreichend genutzt werden können.


Wo Änderungen notwendig sind

Aus der Praxiserfahrung scheint mir unabdingbar,

  • dass die Doppelnutzung von Klassenräumen aufgegeben wird und vor allem Rückzugs- und Entspannungsräume geschaffen werden;
  • dass die Gruppengrößen gesenkt werden;
  • dass es mehr ausgebildete FacherzieherInnen für Integration gibt;
  • dass die Therapien räumlich und zeitlich in die Hortzeit integriert werden;
  • dass die Stundenzumessung insbesondere für Kinder mit Verhaltensstörungen deutlich erhöht wird;
  • dass die Begrenzung der Hortbewilligung für nicht behinderte Kinder in den Klassen 5 und 6 vor allem für die MitschülerInnen von Kindern mit besonderem Förderbedarf geöffnet wird, damit deren soziale Bindungen gestärkt werden und
  • dass mehr zeitliche Spielräume für die Absprachen von LehrerInnen und ErzieherInnen geschaffen werden.
    Ganztägige Schulen eröffnen so auch für Kinder mit Schwierigkeiten und Behinderungen größere Chancen der Entwicklung und Förderung.  

 

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