Blumen für den Schulsenator? Von uns nicht!
Offener Brief an Jürgen Zöllner
Unterschrieben vom 38 KollegInnen der Carlo-Schmid-Oberschule
Wir, die unterzeichnenden KollegInnen der Carlo-Schmid-Oberschule in Spandau, begrüßen die geplante Bildungsreform insofern, als sie die Hauptschule endlich abschaffen will! Leider bleibt diese Reform aber im Ansatz stecken, wenn sie das Gymnasium als Schulform weiter erhalten und nur den »Rest« zusammenfassen will. Das ist ein Reformversuch, der den sozial stärker gestellten Familien und Wäh-lerInnen nicht wehtun soll. Und das in einem Land, in dem Untersuchungen immer noch hartnäckig belegen, dass die Herkunft den Bildungsweg entscheidend bestimmt! So wird weiterhin bewusst und gezielt die strikte Zweiteilung unserer Gesellschaft manifestiert: Erste-Klasse-Abteile in Flugzeugen, Bahnen, Krankenhäusern und in Schulen. Listig meinen einige »ExpertInnen«, die Schulen müssten sich nur um mehr Wettbewerb bemühen, dann könnten sie doch den Gymnasien einfach den Rang ablaufen. Ein geniales Rezept. Wenn sich die RegionalbahnerInnen nur ein bisschen mehr fortbilden, könnten sie ohne weiteres mit einem ICE Schritt halten.
Seit Jahren sieht die Bundesrepublik neidisch auf finnische Bildungserfolge, aber die Grundzüge des dortigen Schulsystems, die Gemeinschaftsschule, will man nicht übernehmen, allenfalls hier und da eine Kleinigkeit. Grundlegendes im deutschen Schulsystem soll sich bloß nicht ändern! Da würde die Länderhoheit angetastet, Bayern eventuell die Republik ausrufen, die bildungsbewussten WählerInnen würden sich vergrämt abwenden und noch mehr Privatschulen gründen. Also behält man das Gymnasium lieber bei und stopft einfach die HauptschülerInnen in die anderen Schulformen. Vermutlich bleibt die gute Ausstattung der Hauptschulen in Bezug auf SchülerInnenfrequenzen dabei ganz still und heimlich auf der Strecke.
Dabei enthält die erste Stufe dieser »Schulreform« durchaus Elemente, die in die richtige Richtung weisen: Kooperation mit Grundschulen, freie Gestaltung von Differenzierungsmöglichkeiten und »verbindliches duales Lernen« in Ganztagsschulen sowie eine »enge Vernetzung mit außerschulischen KooperationspartnerInnenn« könnten in der Tat zu besseren Erfolgen führen. Allerdings darf es nicht bei Sprechblasen bleiben, sondern es müssen auch entsprechende personelle und materielle Ressourcen bereitgestellt werden – eine Reform zum Nulltarif gibt es nicht.
Wenig durchdacht erscheint uns aber die »Reform«, wie sie im zweiten Schritt geplant ist: Das Gymnasium soll »veränderte Lernformen und Möglichkeiten zur stärkeren individuellen Förderung« entwickeln, sodass dann eine »Abschulung«, also eine Verweisung unbequemer oder leistungsschwacher SchülerInnen an die »mindere« Schulform nicht mehr möglich ist.
So wünschenswert es ist, dass den Gymnasien der bequeme Weg, unliebsame SchülerInnen zu entsorgen, genommen wird, so fragwürdig bleibt die Konsequenz, die sich daraus ergibt: eine Schullandschaft mit zwei Schulfor-men, die hermetisch voreinander abgeschirmt werden. Eine aberwitzige Vor-stellung, die dem Wunsch von Teilen der Bevölkerung, sich in einer scheinbar behüteten Enklave zu verbarrikadieren, entgegenzukommen sucht. – Dies wird zu unschönen Kämpfen um Gymnasialplätze führen, vielleicht sogar mit den »bewährten« Aufnahmeprüfungen aus den 50er Jahren.
Eine ernst zu nehmende Reform müsste innerhalb einer Schulform Durchlässigkeit und Erreichbarkeit unterschiedlicher Abschlüsse organisieren. Auch GymnasiallehrerInnen werden nicht bestreiten, dass nach vier oder sechs Grund-schuljahren individuelle Bildungslaufbahnen und –erfolge nicht exakt vorhersehbar sind. Wer Bildungsfähigkeit als eine statische Größe betrachtet und Kindern im Alter von 12 Jahren suggeriert, sie gehörten zur Elite (oder eben nicht), wird kaum dazu beitragen, Bildungsressourcen zu aktivieren.
Wir verstehen nicht, dass die Berliner Schulpolitik die Erfahrungen und das Know-how ihrer Gesamtschulen so wenig nutzt und so leichtfertig und un-überlegt aufs Spiel setzt. Berlin verfügt über erfahrene, engagierte und erfolgreiche Gesamtschulen wie kaum ein anderes Bundesland. Fast alle sind versiert, zäh und erfindungsreich in der Organisation äußerer und innerer Differenzierung. Viele konnten sich – trotz der Konkurrenz durch die Gymnasien – beachtliche Profile geben. Ihre Oberstufen demonstrieren, dass sie trotz der meist schwierigeren Schülerklientel mit den Gymnasien mithalten können. Viele Gesamtschulen haben längst bewiesen, dass auch sie eine sogenannte Elite heranbilden können.
Eine Schulreform, die das nicht würdigt und nicht in der Lage ist, Gesamtschulen zum Kern einer Schule für alle zu machen, bleibt Makulatur, erscheint mut- und kraftlos, wird kein Problem lösen und den politisch Verantwortlichen vermutlich keine einzige zusätzliche WählerInnenstimme bringen.
Bildungspolitik verdient einen langen Atem und nicht nur das Schielen auf möglichen Gegenwind durch politische GegnerInnen, die am liebsten die altehrwürdigen Gymnasien aus der Wilhelminischen Zeit auf den Plan rufen möchten. Wer die Hauptschule abschaffen will, muss konsequenterweise auch das Gymnasium abschaffen. Das geht nicht von heute auf morgen, aber erfolgreiche Bildungsnationen haben uns vorgemacht, dass es geht. Und dass es gut geht.
|