Teach First oder »Mein erstes Mal«
Künftige Führungskräfte sollen in sozialen Brennpunktschulen unterrichten
von Matthias Jähne, Hochschulreferent der GEW BERLIN
Seit Monaten tingelt die Gründerin der Initiative »Teach First Deutschland«, Kaija Landsberg, durch die Lande, um Kultusministerien für ein Programm zu begeistern, das in den USA und Großbritannien offenbar mit Erfolg läuft. Nun hat Superminister Jürgen Zöllner zugeschlagen und für Berlin als erstem Bundesland eine Zusammenarbeit mit -Teach First vereinbart.
Das Konzept sieht vor, dass hoch qualifizierte StudienabsolventInnen mit überdurchschnittlichen akademischen Leistungen für zwei Jahre als Lehrkräfte in Schulen gehen. Sie sollen in sozialen Brennpunktschulen nicht nur ihre hohe Fachkompetenz einbringen, sondern den SchülerInnen »Vorbilder« sein und ihnen helfen, »ihr Potenzial auszuschöpfen«. In Berlin sollen ab dem Schuljahr 2009/10 zunächst 30 dieser sogenannten Fellows tätig werden. Geplant ist, diese für 40 Stunden in der Woche in ausgewählten Schulen einzusetzen. Dabei sollen sie 15 Unterrichtsstunden selbstständig unterrichten und ansonsten Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe, Kooperation mit Ausbildungsbetrieben, Elternarbeit und andere Pflichtaufgaben von Lehrkräften erledigen.
Damit, so Zöllner in einer Pressemitteilung vom 22. Oktober, »ergeben sich neue Möglichkeiten zu differenzierter und individueller Förderung von Schülern«. Vorbereitet werden die »Lehrer auf Zeit« von Teach-First Deutschland in Zusammenarbeit mit der Bildungsverwaltung vor und während des Einsatzes in etwa 350 Unterrichtseinheiten. Mehr Personal für die Schulen, zudem noch jung, hoch qualifiziert und hoch motiviert, zu 20 Prozent mit Migrationshintergrund – dagegen ist doch nichts einzuwenden, oder? Aber wer profitiert hier eigentlich von wem? Berlin lässt sich diesen frischen Wind in den Schulen jährlich fast eine Million Euro kosten. Nach eigenem Bekunden will Teach First künftige Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und Bildungssektor mit diesem Programm »für das Thema Chancengerechtigkeit sensibilisieren«. Damit soll eine »Brücke zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten« geschlagen und, es kommt noch besser, dazu beigetragen werden, »die größer werdende Kluft zu verringern«. Damit, so die Gründerin der Initiative und Absolventin der privaten Hertie School of Governance in Berlin, »wollen wir mehr Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem schaffen«. Wer das zweijährige Programm als »Lehrer auf Zeit« durchlaufen hat, soll sich langfristig aus führenden Positionen heraus weiter für benachteiligte SchülerInnen einsetzen. Die Unternehmen, in denen die Fellows später tätig werden, erhalten »exklusiven Zugang zu hoch talentierten und motivierten Absolventen mit Führungs- und Managementerfahrung«.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich hier um ein staatlich gesponsertes Sozialkompetenz-Training für angehende Manager handelt. AbsolventInnen mit gut situiertem familiären Hintergrund, gerne von Privat-hochschulen, soll hier das soziale Rüstzeug für ihre spätere Karriere vermittelt werden, das sie weder im Elternhaus noch im Studium erworben haben. Für die künftigen Führungskräfte verbessern sich durch die Teilnahme an Teach First die Berufs- und Karriereaussichten enorm. Nicht zuletzt deshalb haben sich bereits über 200 InteressentInnen für das Programm gemeldet. Die Unternehmen, die ehemalige Fellows einstellen, profitieren gleich doppelt. Sie erhalten Nachwuchskräfte, die bereits eine strenge Auswahl bei Teach First durchlaufen haben und sparen sich obendrein die Kosten für teure Trainee-Programme in Kommunikation und Sozialkompetenz für ihre Nachwuchskräfte. Das macht sich auch in der Hochglanzbroschüre gut: Von Unternehmen, die sich im Sozial- und Bildungsbereich engagieren, kauft man doch gern. Teach First wird unter anderem unterstützt von der Vodafone-Stiftung, der Lufthansa, Google und der Zeit-Stiftung.
Und was bleibt für die Schulen? Sie brauchen dringend mehr junge, hoch qualifizierte und engagierte Lehrkräfte, die den SchülerInnen helfen, ihre Talente zu fördern und ihre Leistungen zu verbessern, die als Vorbilder wirken und den gleichen sprachlichen und kulturellen Hintergrund haben. Wenn dem so ist, dann soll Berlin bitteschön auch mehr ausgebildete Lehrkräfte einstellen. Gerade in sozialen Brennpunktschulen sind weniger FachwissenschaftlerInnen gefragt, als vielmehr pädagogische ExpertInnen, die von unterrichten, erziehen, fördern und integrieren was verstehen. Trotz aller Vorbereitung der Fellows auf ihren Einsatz in der Schule bedient Teach First leider wieder die Stammtischparole »Unterrichten kann doch jeder – wir waren doch alle mal in der Schule«. Wozu noch Lehramt studieren? Die angehenden Lehrkräfte, die nach mindestens fünf Jahren Studium auf einen Referendariatsplatz warten und nach zwei Jahren Referendariat auf eine Einstellungschance in der Berliner Schule, müssen sich veräppelt vorkommen. Kein Mensch käme auf die Idee, eine Initiative »First check up« ins Leben zu rufen, um dem Ärztemangel zu begegnen.
Dass die 30 Lehrkräfte auf Zeit »zusätzlich zu regulären Lehrerstellen« eingesetzt werden, wie Zöllner in seiner Pressemitteilung vom 22. Oktober behauptet, ist eine nette Beruhigungspille. Denn erstens ist »zusätzlich« das, was über den als Regelausstattung definierten Grad hinausgeht. Und diesen legt Berlin immer noch selbst fest. Und zweitens darf bezweifelt werden, dass die 15 Unterrichtsstunden, die jeder Fellow leisten soll, nicht auf den Bedarf angerechnet werden.
Mit einer Million Euro, die Berlin in das Programm steckt, könnten 20 neue Lehrkräfte eingestellt werden, und zwar mit voller Unterrichtsverpflichtung. Mit dieser Summe könnte Berlin auch die Tarifbedingungen für die neu eingestellten Lehrkräfte deutlich verbessern: Rund 230 Neueingestellte könnten damit gleich nach der Tarifstufe 2 unter Berücksichtigung des Referendariats bezahlt werden. Aber das bringt ja keine publicity für den Supersenator.
Wenn Unternehmen und von diesen getragene Stiftungen wirklich etwas für mehr Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem tun wollen, dann nur zu: mehr Praktikumsplätze, mehr Ausbildungsplätze, mehr Stipendien.
Zitate aus der Projektdarstellung von Teach First und der Pressemitteilung der Senatsbildungsverwaltung vom 22. Oktober 2008; siehe auch http://www.teachfirst.de
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