Ein Fluchtbericht
Neukölln ist inzwischen so bekannt, dass der Name gar als Buchtitel taugt. Sicherheitshalber aber mit dem Untertitel »Frontbericht aus dem Klassenzimmer«. Das klingt nach Krieg, ist aber allenfalls ein Kleinkrieg: gegen das marode Schulgebäude, die unfähige oder nicht vorhandene Schulleitung, die ausgebrannten KollegInnen und großmäulige, unkonzentrierte SchülerInnen. Es dauert schon mal zwanzig Minuten, bis der Geräuschpegel abgedimmt und die Aufmerksamkeit hergestellt sind, sodass Unterricht möglich ist. Aber wenn es Lichtblicke gibt, dann ist das vor allem das Verdienst der Schüler: Die Kunstlehrerin Rogg verzweifelt zwar oft an ihnen, merkt aber auch, wie viel Potenzial da schlummert; Schätze, die man heben könnte. Aber: »Ein Blick auf die Krankenstatistik müsste alarmieren. Man fragt sich: Wer evaluiert diese Zahlen? Müssten sie nicht dafür sorgen, dass sofort ein ganzes Team von Supervisoren ausrückt, um Diagnosen zu stellen, gar um Hilfe zu leisten? Niemand kommt.« Rogg bewirbt sich schließlich weg von dieser Schule, obwohl doch endlich ein neuer Schulleiter gekommen ist, der engagiert die Schule verändern will – und das auch tut. Aber da ist es für sie anscheinend schon zu spät. Klaus Will
Ursula Rogg: Nord Neukölln. Frontbericht aus dem Klassenzimmer, Heinrich Hugendubel Verlag 2008 (19,95 Euro)
Heilsamer Schock in der Einzelzelle
Fadi Saad weiß, wo es lang geht und wie man mit all den entwurzelten Jugendlichen nichtdeutscher Herkunftssprache spricht, damit sie auch zuhören. Denn Saad, 1979 als Sohn palästinensischer Eltern in Berlin-Wedding geboren, spricht nicht nur ihre Sprache, sondern teilt auch ihre Erfahrungen. Leider hat Saad einen Hang zu einfachen Lösungen und ein etwas selbstherrliche Art. Da sind die Sozialarbeiter alle Weicheier, denen die Jugendlichen nichtdeutscher Herkunftssprache auf der Nase herumtanzen. Und die Jugendrichter richten mit ihren milden Belehrungen sogar Schaden an: Hätten die Richter ihn damals gleich beim ersten Mal verknackt, so liest sich Saads Darstellung, wäre es gar nicht erst zu seinen sieben weiteren Prozessen wegen diverser Vergehen gekommen. Erst als er verurteilt wird zu einem Arrestwochenende in einer Einzelzelle, bekommt Saad einen heilsamen Schock, macht eine Lehre und ist heute in Nord-Neukölln Quartiersmanager. Sein farbiger Bericht, inklusive der Ausführungen über deutsche und nichtdeutsche Eigenheiten und Unarten, ist manchmal etwas einfach gestrickt, wirkt aber auch dadurch sehr authentisch und eignet sich gut als Gesprächsanlass über Urteile, Vorurteile und die Schwierigkeiten der Toleranz. Vielleicht sollte man aber darauf achten, dass über die Rolle und die Verantwortung der Herkunftsfamilien mehr gesprochen wird, als Saad das tut. Klaus Will
Fadi Saad: Der große Bruder von Neukölln. Herder Verlag 2008 (12,95 Euro)
Neuköllner Arabboy
Auch aus einer Innensicht berichtet die heutige ZDF-Journalistin Güner Yasemin Balci, die im Rollbergviertel groß geworden ist und dort in einem Jugendklub gearbeitet hat, der schließlich geschlossen wurde, weil die Gewalttaten nicht in den Griff zu bekommen waren. Ihr Buch »Arabboy« beschreibt die »Karriere« eines Jungen aus dem Milieu der arabisch-libanesischen Familien, die in den achtziger Jahren als Kriegsflüchtlinge nach Berlin kamen, hier immer nur einen Duldungsstatus hatten, der ihnen untersagte, einen Job anzunehmen. Aus diesen prekären Verhältnissen heraus hat sich ein Milieu entwickelt, das auch das Rollbergviertel prägt und damit Balcis Arabboy. Kriminelle Energie paart sich hier mit brutaler Gewalt, Gefühle werden als Schwächen geahndet, Frauen sind lediglich Sexualobjekte. Eine Kälte, die einen schaudern macht. Solche Verhältnisse gibt es wohl nicht nur in Neukölln und sie sind auch nicht nur eine Spezialität libanesisch-arabischer Clans. Aber wenn nicht Jugend- und Bildungseinrichtungen verstärkt werden, um den zahlreichen Nachwuchs in diesem Milieu eine Alternative zu bieten, dann wird sich nichts ändern. Etwas sehr reißerisch geschrieben, das »normale« Elend gerät dabei etwas aus dem Blick. Klaus Will
Güner Yasemin Balci: Arabboy. S. Fischer Verlag, 2008 (14,90 Euro)
Mir fehlt in dem Buch die Empathie für die Schüler
Erdmute Safranski über Ursula Roggs »Frontbericht«
Das Interview führte Klaus Will
Erdmute Safranski unterrichtete von 1972 bis 2007 an der Ernst–Abbe–Oberschule und war viele Jahre Personalrätin in Neukölln. Außerdem war sie von 1990 bis 1999 Pressesprecherin der GEW. Seit einem Jahr ist sie im aktiven (Un-)Ruhestand.
Erdmute, du hast lange am Neuköllner Ernst-Abbe-Gymnasium unterrichtet und warst Personalrätin im Bezirk. Ist das, was die Kollegin Rogg in ihrem Buch schildert, der normale Alltag an einem Neuköllner Gymnasium?
Nein, nach meiner Erfahrung nicht. Die Autorin schildert ein Nordneuköllner Gymnasium. Ich kenne Nordneukölln gut, denn meine Schule ist die Nachbarschule des Albert-Schweitzer-Gymnasiums, um das es hier im Buch geht. Die Zusammensetzung der Schülerschaft ist identisch, sie ist mir also vertraut. Ich finde, dass der Untertitel des Buches, »Frontbericht aus dem Klassenzimmer«, falsch ist. Das klingt nach Krieg und ist eine reißerische Übertreibung. Viele Probleme, die sie beschreibt, wie: mangelnde Konzentration, nicht zuhören können, sich nicht anstrengen wollen und so weiter gibt es auch in Zehlendorf. Sie begründet aber alle Probleme, nicht nur die sprachlichen, mit dem sozialen und kulturellen Hintergrund der Schüler.
Und ist das nicht berechtigt?
Ich gehe von einem authentischen Erfahrungsbericht aus. Rogg leitet aus ihren persönlichen Erfahrungen die These ab, dass wegen der sozialen Probleme der Familien in Nordneukölln kein geordneter gymnasialer Unterricht möglich ist, wie sie ihn von bürgerlichen Gymnasien kennt. Diese Interpretation teile ich nicht. Die sozialen Probleme vieler Familien im Kiez spiegeln sich zwar in den Grundschulen eins zu eins. Aber das Gymnasium als eine Auslese praktizierende Schulform schickt ja die lernschwachen, schwierigen Schüler über kurz oder lang weg. Das ist auch ein Teil des Problems.
Immerhin haben am Albert-Schweitzer-Gymnasium 90 Prozent der Schüler eine nichtdeutsche Herkunftssprache und viele kommen ohne Gymnasialempfehlung an die Schule.
Das ist richtig. Es ist natürlich ein Unterschied, ob in der Klasse überwiegend Schüler aus dem Bildungsbürgertum sitzen oder Schüler, die zweisprachig aufwachsen, einen anderen religiösen und kulturellen Hintergrund haben oder sogar aus Bürgerkriegsregionen kommen. Aber das heißt doch nicht, dass diese Schüler nicht leistungsfähig oder unmotiviert sind, wie Rogg suggeriert. Die Schüler haben Defizite im Wortschatz, der Grammatik und im Bildungswissen. Über Intelligenz, Lernfähigkeit und schulischen Ehrgeiz sagt das nicht automatisch etwas aus. Auch Roggs pauschales Urteil, die Schüler seien verwahrlost, würden von ihren Eltern nicht ausreichend betreut, kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Viele unserer türkischen Eltern zum Beispiel legen bei der Erziehung viel Wert auf Sekundärtugenden wie Anpassungsbereitschaft und Gehorsam, oft auf Kosten des Selbstbewusstseins und der Individualität.
In dem Buch geht es nicht nur um die Schüler, sondern ebenso um die Schulleitung und die Lehrkräfte. Fast anderthalb Jahre hat es an der Albert-Schweitzer-Schule gedauert, bis die Schulleitung neu besetzt wurde. Und das, obwohl bekannt war, dass die alte Schulleitung kaum noch handlungsfähig war.
Ja, die Schule war bei der Pensionierung des langjährigen Schulleiters ziemlich am Ende. Sowohl in Bezug auf die Zahl der Schüler als auch in Bezug auf den baulichen Zustand. Ein Grund für die Misere war neben der mangelnden Unterstützung durch die Schulbehörden, dass der alte Schulleiter und die Mehrheit des Kollegiums die Position vertraten: Wir sind ein Gymnasium und wer nicht unseren Vorstellungen entspricht, gehört nicht hierher. Auch bei Roggs Klagen schimmert der Traum vom bildungsbürgerlichen Akademikerkind durch. An meiner Schule hatten wir uns schon in den 80er Jahren gesagt: Okay, unsere Schülerschaft verändert sich, sie kommt vermehrt aus zweisprachigen Einwandererfamilien. Wir müssen uns überlegen, wie wir darauf reagieren können, damit sie überhaupt bis zur Oberstufe kommen. Genau diese Überlegungen fehlten damals am Schweitzer-Gymnasium, jedenfalls beim Schulleiter und der Mehrheit des Kollegiums.
Die Schule hat sich dann, als sie nach eineinhalb Jahren endlich einen neuen Schulleiter bekommen hat, umorientiert.
Ja, und das finde ich gut. Mit dem neuen Schulleiter akzeptiert das Schweitzer-Gymnasium die Schüler aus dem Kiez so, wie sie sind, und will sie intensiv fördern, zum Beispiel durch besondere Angebote, Hausaufgabenhilfe, einen Ganztagsbetrieb. Sie will sich als »Leseschule« profilieren, wodurch nicht nur die Deutschkenntnisse verbessert werden, sondern die kulturelle Bildung insgesamt. Rogg erkennt das zwar an, kritisiert aber das Reformtempo und geht, wie ich finde, sehr ungerecht mit dem Schulleiter und seinen Bemühungen ins Gericht.
Sie verlässt die Schule dann ja auch!
Ja. Sie beschreibt in ihrem Buch über weite Strecken einen Zustand, den es nicht mehr gibt. Die gesamte Schulleitung ist nicht mehr da, die Schülerschaft hat sich nahezu verdoppelt, das pädagogische Konzept hat sich entwickelt, das Schulgebäude wird renoviert. Die meisten Leser des Buches werden aber den desolaten Zustand der Schule nicht als vergangen betrachten, sondern für aktuelle Münze nehmen. Die KollegInnen an der Schule sind verständlicherweise deswegen sehr empört.
Du hast mir im Vorgespräch gesagt, dass du das Buch nicht – wie ich – in einem Rutsch gelesen hast, sondern immer Pausen einlegen musstest. Warum?
Ich fand die Schilderung sehr bedrückend, aber auch ärgerlich, ganz besonders im ersten und zweiten Teil. Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin nur Belege für ihre Hauptthese suchte, nämlich dass man an einem Gymnasium in Nordneukölln nicht unterrichten könne. Diese These teile ich überhaupt nicht. Ich glaube auch, dass die meisten Lehrkräfte an den drei Nordneuköllner Gymnasien das völlig anders sehen als sie. Eine Schule mit einer unfähigen oder fehlenden Schulleitung kann auch in Steglitz oder Charlottenburg den Bach runtergehen.
Also viel Effekthascherei und wenig Substanz?
Für mich gibt es im Buch einen gewissen Bruch. Wie allgemein bekannt, wird in Berlin Schulpolitik mehr als Last denn als Chance begriffen, die Schulen sind weitgehend auf sich allein gestellt. Im Vorwort und im Epilog betont auch Rogg, dass die Gesellschaft mehr investieren muss, damit der Nachwuchs auch in Nordneukölln ordentliche Entwicklungsbedingungen bekommt. Aber auf den 200 Seiten dazwischen stellt sie nicht die Frage, wer politisch für die von ihr geschilderte Misere verantwortlich ist. Implizit bleibt die Schuld damit allein bei den Eltern und Lehrern hängen. Außerdem fehlt mir die Empathie für die Schüler, die ich von einer Lehrerin erwarte. Am Anfang des Buches sagt sie einmal, man könnte viel über Schule erfahren, wenn die Lehrkräfte ihre Scham ablegen würden und darüber berichten würden. Rogg macht es. Sie beschreibt ihre SchülerInnen und die Lehrkräfte aber so, dass sie für Eingeweihte als Personen zu identifizieren sind mit ihren Schwächen und ihrem privaten Hintergrund. Das ist tatsächlich schamlos und eine Verletzung ihrer persönlichen Würde. Die Autorin bedient Vorurteile und profiliert sich hier auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren können. Das finde ich nicht gut.
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