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Nr. 12 / 2008: Theateraufführungen kritisch gesehen

Theateraufführugen kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

»Malka Mai« im Hans-Otto-Theater Potsdam erzählt die bewegende Geschichte eines jüdisch-polnischen Mädchens. Auf der Flucht vor den Nazis von Mutter und älterer Schwester getrennt, irrt sie in fremder, oft feindlicher Welt herum zwischen Polen und Ungarn, ist schließlich allein im Ghetto – so viele verschiedene Fluchtstationen, dass auch erwachsene Zuschauer den Überblick verlieren und damit genau in die Situation von Malka kommen: verwirrt-verloren. Zu dieser äußeren Welt wird auch die innere Dynamik der Familie gezeigt und schließlich ein glückliches Ende (ab 10).
 
»Unter Strom« lebt die »tolle« Clique, immer »gut drauf«. In einer Art Rückblende versucht sie, mit sich und ihren Erfahrungen klar zu kommen (ein Kumpel hört Stimmen, war in der Psychiatrie). Manchmal gelingt ihre Kommunikation über Körper (Bewegung, Tanz, Geste) und coole Sprüche; meist scheitern sie (vor allem die Jungen) an ihrer Sprachlosigkeit. Die kraftvolle Aufführung, gespielt in passender Atmosphäre im Club Maria am Ostbahnhof, ist eine gute Gelegenheit, über (bei Jugendlichen deutlich zunehmende) psychische Probleme ins Gespräch zu kommen. (Strahl in Zusammenarbeit mit FETZ, Zentrum für beginnende Psychosen).


Ebenfalls bei Strahl, allerdings in der Probebühne, »Akte R« – eine DDR-Fluchtgeschichte, nach Dokumenten, Berichten, Interviews der Wirklichkeit eindrucksvoll nachgestellt. Ein zunächst naiv-unpolitischer Jugendlicher verliebt sich in einen westdeutschen Politiker, gerät ins Visier der Stasi, will über Ungarn fliehen, kommt in den Stasi-Knast Hohenschönhausen, wird glücklicherweise relativ bald vom Westen frei gekauft. Das ist nicht nur ein spannender Einblick in das Getriebe von Stasi und Verfolgung, in privat-politische Verhedderungen, sondern macht auch die Folgen dieser Eingriffe und Entwürdigungen deutlich. Das Stück beginnt mit episch erzählender Brechung, bleibt dann meist in der Realität der fortlaufenden Handlung. Ich hätte mir weitere (innere) Monologe gewünscht, WIE sich die äußeren Geschehnisse im Opfer auswirken (verarbeitet oder abgewehrt werden); dieses »Manko« ist zugleich ein Vorteil für die Diskussion, ein wichtiger Ansatzpunkt für die Nacharbeit an Stück und Thema (sehr zu empfehlen als Einblick in einen wichtigen Aspekt jüngerer Geschichte ab 15; weitere Informationen im Programmheft).

Das Theaterhaus Mitte hat mit »Warten auf Regen« ein faszinierendes Projekt realisiert. Das von dem Iraker Mithal Ghazi nach Motiven von Becketts »Godot« geschriebene Stück wird im Rahmen einer internationalen Begegnungswerkstatt von vier verschiedenen Gruppen (deutsch, kurdisch, arabisch und in einer Kooperation Bagdad-Erbil-Berlin in gleich fünf verschiedenen Sprachen) gespielt. Eine Begegnung der Kulturen auch im Stück. Becketts Clochards sind hier zwei »Einheimische«, ausgebrochen aus dem Gefängnis. Auf der Suche nach Rettung auf Regen wartend treffen sie auf zwei amerikanische Soldatinnen, in der Wüste verloren wie sie selbst. Noch einmal »clash of civilisations« – ein Teufelskreis, der immer wieder neu beginnt? Oder doch die Möglichkeit von Hoffnung, die ein »Engel« andeutet und ein Segel im Hintergrund? Wie auch immer das Stück gesehen wird – das Projekt an sich ist ein deutliches Zeichen für die Hoffnung, die in der Zusammenarbeit liegt.

»Rosa« im Grips! Ein mehr als doppeltes Stück: die vital dem Leben zugewandte Rosa mit ihren Liebesgeschichten und Partnerproblemen UND die schon als Schülerin politisch aktive, entschiedene Kämpferin zwischen Polen, Russland, Deutschland, der Schweiz (ganz zu schweigen von den diversen Sozialisten-Kongressen), Kriegsgegnerin schon im 1. Weltkrieg, mehrfach inhaftiert, ermordet 1919 in Berlin. Und zu ihrem Kampf für »das Belebende, Heilsame und Reinigende der Freiheit« noch ein ganzes Panorama von namhaften Politikern und wichtigen Ereignissen – wer nicht einiges an historischem Wissen mitgebracht hat (und möglichst auch vertraut ist mit dem Grips-Theater und seiner Geschichte) wird schnell überfordert, überflutet von Einzelheiten ohne eine eigentliche politische Wertung. Da helfen auch nicht die Positiva: das hinreißende Spiel der Rosa und die präzise Regie, die erstarrte historische Bilder diskret ironisierend in einer Fülle von eindrucksvollen Figuren lebendig werden lässt. Also: eine große Aufführung, die ein gehöriges Maß an historischem Wissen verlangt (ab 15).

Neubeginn im Ballhaus Naunynstraße: Kasse und Theatercafé sind statt gemütlich-verkramt jetzt kühl-modern gestylt, das »Junge postmigrantische Theaterfestival« beginnt mit »Dog eat dog«, sorglich inszeniert und gespielt, mit nervös-nervigem Videogeflirre im Hintergrund. Eine Geschichte in mehreren Ebenen, mit Kontakten zur Realität (der Türsteher einer Disco), mit Dopplungen, Identitätswechseln, die den Zusammenhang bereichern, aber auch unklar machen, sprachlich durchaus gekonnt, dramaturgisch eher unnötig verwirrend (ab 15).

In der Schaubühne wird »Hamlet« auf fünf Schauspieler konzentriert, bis auf Hamlet selbst alle in Doppelrollen.  Damit gelingt eine kräftig-kompakte Aufführung, die immer wieder auch durch die auf offener Bühne erfolgenden Rollenwechsel fasziniert – dabei freilich den Macho-Charakter von Shakespeares Hamlet noch unterstreicht. Denn die einzige hier mitspielende Frau (wechselnd zwischen Königin und Ophelia) könnte zwar durchaus »himmlische Rosen« flechten – bekommt aber in diesem Männer-Getriebe weder Chancen noch Gewicht (ab Sek II).  

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