Geschenke
Zum Beispiel, als Selma mir diese gehäkelten Haussocken aus der Türkei mitbringt….
von Gabriele Frydrych
Als Beamtin darf ich keine Geschenke annehmen und muss Diamanten, Jachten und Rennpferde leider zurückweisen. Sogar den Zwanzig-Euro-Schein, den mir eine Mutter für meine Unkos-ten in die Hand drücken will (ich hatte sie mehrfach angerufen, weil ihre Tochter lieber ins Einkaufszentrum als in die Schule ging).
Einen Blumenstrauß hingegen dürfte ich annehmen. Ich bekomme aber keinen. Nicht mal, wenn ich nach anstrengenden Klassenfahrten mit tiefen Augenringen aus dem Bus schwanke. Wenn ich großes Glück habe, sagen manche Eltern »Guten Morgen« oder in äußerst seltenen Fällen sogar »Danke«. An anderen Schulen soll es Kindseltern geben, die den Lehrern zu jeder Gelegenheit Blumen schenken, sich hinterher aber in Büchern darüber beklagen, dass sie damit nur notgedrungen für gute Stimmung sorgen. Dann lieber keine Blumen. Die leuchtenden Augen meiner Schüler sind Dank genug...
Aber manchmal lassen sich die lieben Kleinen zu Geschenken hinreißen und wollen partout, dass man ihre milden Gaben vor der ganzen Klasse auspackt. Ich beherrsche mittlerweile mein Mienenspiel recht gut und kann glaubhaft Rührung, Freude und tiefes Glück darstellen. Zum Beispiel, als Selma mir diese gehäkelten Haussocken aus der Türkei mitbringt: in leuchtendem Orange mit lila Ornamenten und in Kleinkindergröße. Selma murmelt ein wenig verschämt: »Die dehnen sich noch!« Das stimmt aber nicht. Und da ich nichts wegwerfen kann, habe ich die Socken bei meinem Freund im Schrank versteckt. Der kann auch nichts wegwerfen.
Schwere Süßigkeiten müssen sofort verkostet werden. Das ist eine Herausforderung an meine schauspielerischen Talente, denn morgens kann ich Süßes nicht ausstehen. Glücklicherweise gibt es Kollegen, die alles essen, wenn es umsonst ist. Die Schachteln, die ich im Lehrerzimmer deponiere, leeren sich wie von selbst. Nur den Asti Spumante für 1,99 will niemand trinken.
Ich bekomme auch hübsche Figurinen aus aller Welt: eine vollbusige Barby zum Aufziehen, die Flamenco tanzt, einen dicken nackten Fischer aus Speckstein – oder soll das Buddha sein? Einen Delfin mit Zylinder, ein Schweineorches-ter und einen Jesus mit Lamm (aus Marzipan). Mohammed schenkt mir einen großen hölzernen Würfel. Statt Zahlen stehen Freizeitmöglichkeiten drauf. Allerdings weniger Radfahren und Häkeln, sondern Küssen und weiterführende Aktivitäten. Die Klasse findet den Würfel so toll, dass ich ihn in der Schule »vergesse«. Kollegen berichten von ihren Geschenken: alte Schweinsfüße von einer feinfühligen Jungenklasse, schwüle Parfüms aus dem Orient, kitschige Blumenvasen und Wandteller mit ringenden Athleten, Zuckerbrot und Peitsche für eine gestrenge Zuchtmeisterin des Englischen. Eine Kollegin ohne Garten bekommt einen Apfelbaum. Ein Kollege wird mit dem Titel »Bestgekleideter Lehrer« und großen Feinripp-unterhosen belohnt.
Meine Klasse weiß, dass ich Psycho-Thriller mag. Ich betone aber oft, dass ich Andeutungen und dezenten Grusel schätze und mich ungern ekle. Zum Geburtstag packe ich eine DVD aus, die ich noch am selben Abend ansehen soll. Es fällt mir schwer, bis zum Ende durchzuhalten: Vier Jugendliche trampen in aller Unschuld durch Australien und werden von einem Eremiten eingefangen, der seine Beute zerteilt und für Notzeiten einweckt. Die DVD habe ich entsorgt. Vor kurzem treffe ich einen Ex-Schüler auf der Straße, der mir stolz erzählt, er sei jetzt Theaterleiter. »Und Sie? Immer noch Lehrerin?« Er hat was Gönnerhaftes in der Stimme. Ich kann meinen Neid kaum unterdrücken. Schließlich habe ich mal Germanistik studiert und davon geträumt, Intendantin zu werden. Bei näherem Nachfragen stellt sich jedoch heraus, dass Jakob ein Filmtheater in einem Außenbezirk leitet. Er verspricht mir Frei-Popcorn, wenn ich vorbeikomme. Das ist doch ein sinnvolles Geschenk! Genau wie dieser Pokal, auf dem ein Männlein ganz offensichtlich Golf spielt. Auf den ursprünglich eingravierten Text hat Sina einen Zettel geklebt: »Der besten Lehrerin der Welt«!
Ich freue mich schon auf Weihnachten! Vielleicht gewinne ich beim Grusel-Wichteln diesen singenden, tanzenden Elch! (Grusel-Wichteln: das ideale Würfelspiel für alle, die scheußliche Geschenke los werden wollen. Spielregeln auf Wunsch bei der Autorin erhältlich.)
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