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Nr. 12 / 2008: Scharfe Kritik am deutschen Bildungssystem

Scharfe Kritik am deutschen Bildungssystem

Glaubt man den Kultusministern, ist mit der Bildung in unserem Lande alles in bester Ordnung. Das deutsche Gymnasium nimmt in der Welt einen Spitzenplatz ein, so Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbandes. Die Ergebnisse der letzten PISA-Untersuchung zeigen bessere Werte als noch 2001 und eine aktuelle Untersuchung belegt die Erfolge der Reformbemühungen. Christian Füller entlarvt in seinem Buch diese Behauptungen als Wunschvorstellungen, die mit der Realität des Schulalltags wenig zu tun haben. Füller beginnt seine Zustandsbeschreibung bei den Lehrkräften. Er beschreibt die Widersprüche zwischen »sollen« und »wollen«. Lehrer wollen ihre SchülerInnen nach den besten Möglichkeiten fördern aber das Schulsystem zwingt sie zum Gegenteil: »Die ganze Apparatur von Zensuren, Zeugnissen und Versetzungsregeln ist dazu da, Schüler aus- und umzusortieren«. Seine Hauptkritik gilt dem Bildungsverlierer produzierenden, selektierenden, gegliederten Schulsystem.

Füller belegt seine scharfe Kritik mit Aussagen des deutschen Leiters von PISA 2000, Jürgen Baumert. Danach verstärkt die deutsche Schule das Leistungsgefälle zwischen den SchülerInnen. Und sie tut das, indem sie SchülerInnen aus bestimmten Schichten gezielt in bestimmte Schulformen sortiert. Dabei entstehen soziale Lernmilieus in einer Reinheit, wie sie nicht einmal Familien erzeugen können. 23 Prozent der SchülerInnen zählen zu den notorischen Schlechtlesern, 10 Prozent der 15-Jährigen gehören zu den funktionalen Analphabeten. Andererseits sind die Chancen eines Akademikerkindes auf ein Gymnasium geschickt zu werden sechseinhalbmal so hoch wie die eines Arbeiterkindes. 16 Prozent der Hauptschulen (in Berlin 60 Prozent) gelten als Schulgettos, in denen Lernen so gut wie unmöglich ist. Die deutsche Schule produziert weltweit die höchste Zahl an Sitzenbleibern.

Füller zeigt an einer Reihe von Beispielen, wie Schule unter den gegebenen Bedingungen trotzdem erfolgreich arbeiten kann, vorausgesetzt eine Schule hat den Mut, die Regeln deutscher Schule außer Kraft zu setzen. Natürlich reicht dies allein nicht aus. Füller führt deshalb sieben Voraussetzungen für die neue Schule an: Verantwortlichkeiten herstellen, eine neue Lernkultur schaffen, Kultusminister entmachten und Schule entstaatlichen, Recht auf Bildung aber ohne Haupt- und Sonderschule, Lehrer stark machen, mehr Geld ins System und Eltern als Helfer gewinnen. Diesen sieben Voraussetzungen wird nicht jeder uneingeschränkt zustimmen können, besonders was sein Plädoyer für private Schulen betrifft. Allerdings muss hervorgehoben werden, dass das staatliche Schulsystem alles andere als gerecht ist und die Privilegierung sogenannter Besserverdiener im staatlichen System seit Jahrzehnten Alltag ist. Manfred Triebe


Christian Füller: Schlaue Kinder, schlechte Schulen. Droemer, München 2008, 286 S., 16,95 Euro


 

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