Bildung darf keine Ware sein
Über die Kommerzialisierung des Bildungssystems
von Ulrich Thöne, Bundesvorsitzender der GEW
Um die 80.000 Milliarden Dollar kreisen der-zeit um die Welt auf der Suche nach einer profitable Anlage. Hier geht es nicht um das Märchen, dass die Gewinne von heute die Investitionen von morgen und das wiederum die Arbeitsplätze von übermorgen seien. Nein! Aus Geld soll mehr Geld werden – egal wie. Nichts wird unversucht gelassen. Alles soll zu einer profitablen Anlage umgewandelt werden. Und solange öffentliche Finanzen in die Bildung fließen, besteht das vordringliche Problem darin, den Geldsegen in die richtigen Taschen umzulenken.
Studierende, Melkkühe von Fonds
Wer viel spekuliert, der möchte möglichst die Risiken minimieren und deshalb sein Geld in ganz verschiedenen Projekten anlegen. Dafür ist man oder frau auch bereit, sich mit einer niedrigeren Rendite zufriedenzugeben. Ein Kind dieser Risikodiversifikation« ist die Gründung eines Anlagefonds zur Studien-finanzierung. Bei diesem Fonds erhoffen sich die Anleger, genügend finanzschwache StudienbewerberInnen zu finden, die sich im Gegenzug zu ihrer Studienfinanzierung verpflichten, für eine gewisse Zahl von Jahren einen Anteil ihres künftigen Lohnes an den Fonds zurückzuzahlen. Die Anleger sehen ihre Gewinnchance darin, von jungen Menschen erheblich mehr zurück zu bekommen, als sie selbst vorgestreckt haben. Vorab werden den Anlegern von den Fondsbetreibern schon einmal 6,5 Prozent jährliche Rendite garantiert.
Bei der Bildungsgesprächsrunde der Kanz-lerin Angela Merkel berichtete ein namhafter Teilnehmer davon, dass in seiner Nachbarschaft eine private Kita entstanden sei. Die Eltern zahlten pro Platz 700 Euro und hätten auch das Recht, darüber zu entscheiden, wer in die Kita aufgenommen wird und wer nicht. Unwidersprochen brachte der Teilnehmer die Geschichte auf den Punkt: Dies ist Klassenkampf von oben! Sein Appell, angesichts der heftigen sozialen Auslese sei es dringend an der Zeit, mit außergewöhnlichen Maßnahmen umzusteuern, verhallte folgenlos.
Für die GEW ist klar: Bildung ist keine »Ware«. Die Privatisierung verändert die Erfahrungen von Menschen. Sie verändert die Bedeutung und die jeweilige Rolle der Lehrenden sowie der Heranwachsenden, ihrer Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung ihrer sozialen Be-ziehungen. Aus SchülerInnen und StudentInnen werden Kunden. Aus Mitspracheberechtigten und für das Gelingen des Prozesses mitverantwortlichen Beteiligten werden Verbraucher, die sich gezielt das herauspicken können, was ihnen ihr Portemonnaie erlaubt. Verantwortung und Selbstverantwortung werden reduziert auf den profitablen Umgang mit dem Portemonnaie.
In den USA hat die Bush-Regierung an vielen Stellen Privatisierungen vorangetrieben; so zum Beispiel auch in den Schulen. Die damit gemachten Erfahrungen sind teilweise so schlimm für die beteiligten SchülerInnen, Eltern aber auch LehrerInnen, dass die Behörden auf öffentlichen Druck hin sich gezwungen sehen, die Privatisierung wieder zurückzunehmen. Die Leiterin der damit betrauten Behörde in Virginia zum Beispiel wird zitiert: »Wenn eine Schule ein Problem hat, ist der Gedanke an Privatisierung das Letzte, was ihnen einfallen sollte. Vielmehr sollten sie sich um die Lösung des Problems kümmern. Privatisierung aber ist keine Lösung.«
An dieser Stelle möchte ich einem Missverständnis vorbeugen. Hier soll nicht eine Angebots- und Trägervielfalt von frei gemeinnützigen Initiativen oder kirchlich gebundenen Einrichtungen problematisiert werden. Diese Einrichtungen standen und stehen nicht in Konkurrenz zum öffentlichen Schulwesen, sondern verstehen sich selbst als Ergänzung. Privatisierung im engeren Sinne meint die Kommerzialisierung.
Gegen die Spaltung der Gesellschaft
Die GEW ist für den Ausbau eines guten, öffentlichen Bildungssystems, ohne Gebühren und Kosten für Lehr- und Lernmittel. Wir kommen zu dieser Konsequenz, weil Bildung in Deutschland nicht nur die soziale Spaltung innerhalb der Gesellschaft vorantreibt, sondern weil die Privatisierung auch die letzten sozialen Räume in denen menschliche Beziehungen nicht nur durch die Brille eines profitablen Verkaufs betrachtet werden, zerstört. Wir meinen, unsere Kinder brauchen Werte, die in Zukunft ein friedliches, soziales Zusammenleben dieser Gesellschaft möglich machen.
Aus diesem Grund hat sich die GEW auch entschlossen, regelmäßig über die Privatisierung zu berichten. Mittlerweile sind sieben kleine Broschüren entstanden, die einen guten Einblick in die derzeitige Entwicklung geben. Wir erhoffen uns eine Verbreitung der Informationen, einen Austausch und eine Anregung zur Diskussion. Wir wollen so die Basis schaffen für eine möglichst breit getragene Bereitschaft, aktiv zu werden für eine öffentliche gute Bildung für alle!
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