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Nr. 03/2000
Standpunkt: Wie wäre es mit Nachhaltigkeit, Herr Böger?
Wir alle sind uns einig: Die derzeitige Situation an Berlins Schulen ist katastrophal. An allen Ecken und Enden können in Bezug auf unsere Schulen Kritikpunkte angebracht werden, doch besonders schwer wiegen im Moment der Lehrermangel und der daraus resultierende Unterrichtsausfall. Statt sich endlich der Suche nach einer langfristigen Lösung zu widmen, begnügt sich die Senatsschulverwaltung seit Jahren damit von Zeit zu Zeit kurzsichtige Maßnahmen zu implementieren, die weder das Budget entlasten, noch den Unterrichtsausfall an den Berliner Schulen mindern. In Fortführung der guten alten Tradition seiner Vorgänger ist auch der derzeitige Schulsenator Klaus Böger wieder der trügerischen Schlange Simplicitas verfallen. Da Berlin es sich nicht leisten kann (oder vielleicht nicht leisten will?) neue Lehrer einzustellen, sollen jene, die sich bereits im Dienst befinden, einfach eine Stunde länger pro Woche in der Schule verbringen.

Auf den ersten Blick erscheint die Rechnung des Herrn Böger einleuchtend: Es fehlen Lehrer, neue können wir uns nicht leisten, darum müssen die alten länger arbeiten. Schaut man jedoch ein wenig genauer hin, so muss man erkennen, dass damit nicht auch nur ein einziges Problem gelöst würde. Längere Arbeitszeiten bedeuten für viele Lehrer eine höhere psychische Belastung, die bei ungenügender Entlastung in anderen Bereichen bekanntlich früher oder später physische Auswirkungen hat. Im Klartext heißt das, unsere Lehrer werden öfter krank. Das wiederum kann nun wahrlich nicht die Panazee für den Unterrichtsausfall sein. Zwar würde das Budget des Senats durch Mehrarbeit scheinbar entlastet, doch steht dies in keinem Verhältnis zu der erbrachten, oder sollte man eher sagen nichterbrachten, Leistung der kranken Lehrer. Weiterhin hat Schule neben dem Auftrag Wissen zu vermitteln auch noch den Anspruch, eine soziale Institution zu sein, in der Lehrer, Schüler und Eltern miteinander kommunizieren und die Schwierigkeiten des zwischenmenschlichen Umgangs gemeinsam bewältigen. Dieser Aspekt der Schule hat in den letzten Jahren ohnehin enorm gelitten und wird, mit Blick auf die geplante Mehrbelastung der Lehrer, in naher Zukunft in das virtuelle Museum für präkapitalistische Schulkultur überführt werden müssen. Denn außerunterrichtliche Kommunikation wird dann mangels Zeit und Nerven auf Seiten der Lehrerschaft nicht mehr möglich sein. Krieg der Menschlichkeit. Es lebe das Fließband! Statt unseren Lehrern laufend mehr Arbeit aufzubürden, sollte die Senatsschulverwaltung darüber nachdenken, wie sie die Problematiken Lehrermangel, Lehrerüberalterung und Unterrichtsausfall nachhaltig angeht und eventuell im gleichen Zug die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Lehrern mindert.

Christiane Hoger
amtierende Vorsitzende des Landesschülerausschusses

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