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Nr. 03-04 / 2009: Theateraufführungen kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

Hans-Wolfgang Nickel

»Kaffee, Leben und Tod« bei Rambazamba: Eigentlich sollte es ein ordentlich organisierter »Kinder«-Geburtstag werden zwischen Gratulation und Beileid, akkurat und uniform mit Kakao und schwarzen Jacken – aber er bricht aus in ein Land der Fantasie, von Liebe, Leben und Tod, bunt, verlockend, chaotisch. Dort gibt es statt des Einheitskakaos freie Getränkewahl, jede Menge Abenteuer und Liebe. Das Stück von 1995, noch und wieder mitreißend frisch, umwerfend fröhlich und lebendig inszeniert, kann für Rambazamba insgesamt stehen: den Ausbruch aus dem eingeschränkt-verordneten Behinderten-Eckchen in die Freiheit der Kunst und der Lebendigkeit, in Leid, Glück und Wagnis statt Langeweile (ab 14; noch ein Hinweis: auch Rambazamba macht Projekte in Schulen – sehr zu empfehlen!).

Fünf Jahre schon gibt es Prime Time samt Serie »Gutes Wedding, Schlechtes Wedding« (57. Folge). Und kein bisschen müde, sondern bewegt, quirlig, pointenreich (ein wenig zu viel Video diesmal – die Bühnengeschehnisse sind deutlich spannender!). Für Theatergruppen besonders zu empfehlen: Sie können die Kunst der direkten Ansprache studieren und lernen, wie Theater auch die unwahrscheinlichsten Handlungen und Figuren »behaupten« kann (ab 14).

Die Sophiensäle erinnern an ihren Beginn und den von Sasha Waltz mit »Allee der Kosmonauten« (1996). Noch immer erstaunt die stupende Bewegungsfantasie dieses mitreißenden Tanztheaters, überzeugen Witz und Ironie, die die bürgerliche Alltäglichkeit im Plattenbau zeigen, karikieren und überhöhen.

Das Theater am Kurfürstendamm, völlig intakt und allseits akzeptiert, muss immer noch um seinen Standort kämpfen. Das tut es jetzt mit einer überzeugenden Shakespeare-Inszenierung. Katharina Thalbach hat »Wie es euch gefällt« mit einem reinen Frauenensemble besetzt, das die Männer-Frauen-Begegnungen derb, grotesk und mit Lust spielend untersucht, ironisierend umsetzt, als Theaterspaß zu starker Wirkung bringt – aber auch gefällt durch anrührende, zart-besinnliche Töne. Und über allem Shakespeares wundervolle Kunst, die Menschen und ihre Begegnungen gestaltet, nicht beurteilt.

»John Gabriel Borkmann« in der Schaubühne lässt sich als Beitrag zur Bankenkrise missverstehen – eher ein Nachteil für Stück und Inszenierung. Denn eigentlich geht es um den seelischen Schutt der Vergangenheit, die Verletzungen in einem Familiendrama – und die Chancen der jungen Generation, vielleicht doch noch einmal davonzukommen – in ein freieres Leben (Sek II).

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