Theateraufführungen kritisch gesehen
Hans-Wolfgang Nickel
Die Spielwerkstatt bleibt zumindest mit einem Teil ihrer Produktionen in der Nähe des schulischen Curriculums, stellt also höchst brauchbare Ergänzungen zum »Normal«-Unterricht bereit. Dazu aber kommt die emotionale Theatralität und Expressivität von Spielern und Bühnengeschehen. So geht es in »Raus mit der Sprache« nicht nur um Wörter und Sätze, sondern auch um die Schwierigkeiten des Einschlafens, die Vaterrolle, um Angst und ihre Überwindung, um Außenseiter, Helfen und Integrieren – und ganz zentral um den Verlust der Kommunikationsfähigkeit, wenn »Sprache« plötzlich verloren geht (ab 5 Jahre).
In dem noch stärker philosophischen Stück »Verflixte Zeit« geht es um Chronologie und Historie, um Jahreszeiten und subjektive Zeit; um Uhren und das Messen von Zeit; aber auch um Pünktlichkeit, Hektik und den Takt der Moderne – dazu ein Kobold, der die genormte, geordnete Welt immer wieder durcheinander bringt. Vor allem aber lernen zwei sehr unterschiedliche Temperamente, miteinander auszukommen, Ordnung und Freiheit, lebenslustige Spontaneität und ernsthafte Arbeit auszubalancieren (ab Klasse 1).
»Ferienlager – die dritte Generation« im Ballhaus Naunyn ist zunächst so etwas wie eine soziologische Studie, ein Stück Feldforschung; dann eine bemerkenswerte (Theater-)Pädagogik, Spielerinnen zu sich selber und ihrem Ausdruck, ihrer Welt, ihren Wünschen/Ängsten/Träumen/Möglichkeiten führend; und schließlich begeisterndes Theater mit Innen- und Außenblick, spieldienlicher Rahmenhandlung, gekonnter Verknüpfung der Themen, Ausflug auch in die »hohe« Kultur (Gut-Böse, Mephisto), kein anbiedernder »Naturalstil«, sondern scharfe Schnitte, brüske Stilwechsel, auch parodistisch, (selbst-)ironisch – konfrontierend mit anderen Ansichten, weiteren Perspektiven und dabei schlicht und intensiv gar nicht prätentiös-modernistisch. Kräftige Theaterkost also – die sich als spezifische Kultur entwickelt. Nota bene: Auch die »zweite Generation« (die Migranten um 50) sind noch einmal zu sehen! Hingehen! (ab 15).
Goethes »Iphigenie« in der Schaubühne: eine bemerkenswerte Aufführung, ausgezeichnet durch Respekt vor dem Text und die hohe Kunst sprachlich-argumentativen, rhetorischen (herrschaftsfreien?) Dialogs; das führt zu gespannter Stille und intensivem Zuhören im Zuschauerraum, sodass sich die großen Themen unserer klassischen Kultur entfalten können und zugleich die Modernität von Goethes Text sichtbar wird: Leben in der Fremde, Migration, Kolonialismus (Griechen und Barbaren), Kampf der Kulturen ... Unbedingt hingehen – allerdings nur mit Gruppen, die zuhören wollen und zuhören können! Dabei ist die Inszenierung durchaus nicht statisch, sondern deutlich körperbetont – der Akzent jedoch liegt auf der sprachlichen Durchdringung (ab 15 – mit Vorbereitung!).
Enttäuschend der zweiteilige Tanzabend vom Palucca Tanz Studio in der Akademie der Künste. Zwei Rätseltitel, »/Paon/« (ein Versmaß aus der antiken Metrik?, eine Anspielung auf Pfingstrosen oder Schmetterlinge?) und »New Creation / All about Hirsche« (Hirsche?, Paarhufer?) suggerieren Bedeutung; ich sah eine bedeutungslose Sammlung von Bewegungsetüden, mit Verve getanzt, doch ohne Zusammenhang – da half auch nicht ein ramponiertes Brautkleid, das schließlich noch zu sehen war.
Extra einzugehen ist noch auf das spannende Theatertreffen der Jugend in der Wabe und die umfangreiche Werkschau der TanzZeit im Radialsystem.
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